Diese Ausgabe der arranca! ist eine Jubiläumsausgabe. Inzwischen 40 (in Worten: vierzig) Mal haben wir uns ein neues Thema ausgedacht und versucht, unsere LeserInnen und uns selbst dazu zu bewegen, den ein oder anderen passenden Artikel beizusteuern. Seit 1993 haben wir, mal am Puls der Bewegung und hin und wieder auch daneben, linke Theorie und Praxis diskutierbar gemacht. Vierzigmal haben wir als Redaktion Ebben in der Gruppenkasse getrotzt. Wir haben Partys gemacht, um die Kosten zu decken (und uns gepflegt betrunken), wir haben sehr gute und manchmal auch nicht ganz so gute Artikel veröffentlicht, unsere Layouter_innen haben mit verschiedenen Layouts experimentiert und wir haben unzählige Artikel gelesen, diskutiert und redigiert und dabei schließlich immer etwas gelernt. So auch dieses Mal.

...zum Editorial

Thema

None

Willkommen im Club der linken Versager

Zur Geschichte des realexistierenden Scheiterns

Anna Dost & Bini Adamczak

Anna Dost und Bini Adamczak sagen in ihrem Text «Willkommen» in eine Geschichte des realexistierenden Scheiterns. Denn: Gemessen an dem Anspruch, Ausbeutung und Unterdrückung zu beenden und allen Menschen ein Leben ohne Hunger und Personalausweis zu ermöglichen, sind alle Linken gescheitert. Die Autorinnen liefern eine prägnante Analyse des Scheiterns und zeigen u.a. auf, dass 1989/1991 der Antikommunismus über seine vielzähligen, unterschiedlichen und zerstrittenen Feinde siegte. Der Kommunismus jedoch scheiterte nicht – sondern höchstens der letzte, schon gänzlich kraftlose Versuch seiner Rettung.

None

Die Kreation der glücklichen Versager

Wurstmenschen zwischen Unsicherheit und Selbstverwirklichung

Sylka Scholz

Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, dem Abbau von sicheren Arbeitsplätzen, der Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen und dauerhafter Arbeitslosigkeit wird das Misslingen individueller Lebenspläne zu einem Massenphänomen. Am unteren Ende wird die Gruppe der »Entbehrlichen« immer größer, die dauerhaft aus dem Erwerbssystem ausgeschlossen und damit auch kulturell, institutionell und sozial ausgegrenzt sind. Zeitgleich entsteht eine neue Querkategorie sozialer Ungleichheit: die «Überflüssigen» der gut Qualifizierten, die zwar nur zeitweise von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber mit dem neuen negativen Risikobewusstsein leben müssen, dass es auch diejenigen treffen kann, deren Position bisher garantiert zu sein schien. Angesichts dieser gesellschaftlichen Wandlungsprozesse gibt es ein großes öffentliches Interesse an neuen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern im Umgang mit individuellem und kollektivem «Scheitern».

None

Scheiternhaufen

Der Fortbestand des Neoliberalismus in alltäglichen Kämpfen um Lebensweisen

Janek Niggemann

Ein prominenter Ort, Menschen mit einer Mischung aus Zwang und Konsens in ein hegemoniales Projekt einzubinden, sind sogenannte Makeover-Shows. Der Autor Janek Niggemann diskutiert anhand dieser Shows wie neoliberale Predigten von Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft und der Sorge um sich immer auch von der Bedrohung begleitet sind, an ihnen zu scheitern und dafür auch noch individuell verantwortlich gemacht zu werden. Durch die Perspektive des «Jede*r kann es schaffen» geraten solidarische Formen des Umgangs mit knappen Ressourcen, kollektive Bedürfnisbefriedigung oder politische Aktivität aus dem Blick.

None

Fit in die Kiste

Vom Alter(n) als Scheitern

Silke van Dyk

Wir erleben die Wende hin zu einem Alter(n)sverständnis: Das Alter ist immer weniger als einen allein biomedizinisch bestimmten Abbauprozess zu begreifen, sondern als eine sozial ausdeut- und gestaltbare Lebensphase. Inwiefern das zu einer Frage des individuell zu verantwortenden Scheiterns wird oder zu einer widerständigen Praxis, diskutiert der Text von Silke van Dyk. Denn: Die Aktivitäten, die heute von den Alten erwartet werden, müssen sich keineswegs mit den von den Alten selbst gewünschten Aktivitäten decken. Manchmal fängt Widerständigkeit mit einem Winter auf Teneriffa an...

None

16 Thesen zum Scheitern der Linken am Tod

Mehr Fragen als Antworten und einige Widersprüche

SOMOST

Die Linke hat kein ausgeprägtes, bewusst entwickeltes, reflektiertes Verhältnis zu «ihren» Toten. Vielleicht ist das der Grund, warum die Gruppe SOMOST in 16 Thesen in ihrem Text zum Nachdenken und Aushalten von (linken) Widersprüchen rund um den Tod einlädt. Kann mensch im Hier und Jetzt am Tod nur scheitern? Oder muss der Tod befreit werden? Inwiefern diese Fragen mit Vorstellungen der Verdrängung oder der Überwindung des Todes im Widerstreit liegen, muss jede*r Leser*in selbst herausfinden.

None

Revolution muss erfolgreich sein

Selbstgespräche in der Badewanne

Frank John

Am Anfang des irischen Wirtschaftswunders stand eine Serie romantischer Filme im Dienst des Tourismus-Ministeriums. Der Film Die Commitments über die härteste Arbeiterband der Welt und über den Dublin Soul illustriert dabei wunderbar die Werdegänge von Aufstieg und Fall, Erfolg und Scheitern, Freundschaft, Konkurrenz und Eitelkeit sowie dem Hoffen auf bessere Tage. Setzen wir uns also mit Band-Manager Jimmy Rabbitte in die Badewanne und interviewen uns selbst über die härteste Linke der Welt und ihre erfolgreichen Leberhaken.Voilà, es ist angerichtet.

None

Die Lehren der Perestroika

Ein Gespräch zwischen Boris Kagarlitzky und Artjom Magun

Artjom Magun & Boris Kagarlitzky

War die Perestroika eine gescheiterte Revolution oder eine erfolgreiche Restauration? Die aktuelle Ausgabe Nr.19 der Zeitschrift Chto Delat? (Was tun?) blickt unter dem Titel «Was bedeutet es zu verlieren?» zurück auf den Untergang der Sowjetunion und die Jahre des Umbruchs in Russland. Das folgende Streitgespräch zwischen Artjom Magun – Philosoph aus St.Petersburg und Mit-Herausgeber von Chto Delat? – und dem Moskauer Soziologen Boris Kagarlitzky haben wir übersetzt und leicht gekürzt.

None

Schönes Scheitern, hässliches Verlieren

Warum wir das Scheitern gegen das Krisenmanagement verteidigen müssen

Georg Seeßlen

Eine Sache, für die man nicht scheitern kann, ist nichts wert. Das gilt für Weltraumfahrer ebenso wie für Punk-Musiker: Würde man nämlich so einfach von A nach B gelangen und könnte sich dabei, wie sagt man, «treu bleiben» (und wären wenigstens die Blessuren halbwegs vorberechnet, die Begegnung mit dem intergalaktischen Körperfresser oder das Alt- und-Spießig-werden), dann wäre die ganze Bewegung ja gar nicht in der Zeit (sondern im Plan), also risikolos und unheroisch. Bleibend ist allein das Scheitern. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Nazis nicht scheitern können? (Wer bedingungslos an den Triumph der Stärke über das Schwache glaubt, für den ist Scheitern noch mehr als ein Unwert, nämlich ein Unwerden.)

None

Julia's Calculations

Über Romantik, Wahrheit und »The Dismal Science«

Aski Elber

Ist die Liebe gescheitert oder ist das Konzept der romantischen Liebe zum Scheitern verurteilt? Wer oder was scheitert? Das Leben oder die Liebe? Oder anders formuliert: Was haben ein Sandwich, ich selbst und die Liebe gemeinsam? Eine Einladung in einen episodenhaften Text, der von Liebe, Beziehungsgefügen und Eifersucht erzählt.

None

Ausgebrannt und abgewrackt?

Warum Erschöpfung doch (k)ein Scheitern ist

Stefanie Graefe

Laut Deutscher Angestellten Krankenkasse (DAK) haben mittlerweile zehn Prozent aller krankheitsbedingten Arbeitsausfälle seelische Ursachen. Die Zahlen derjenigen, die an der einen oder anderen Variante drastischer Erschöpfung leiden, steigen stetig – obwohl der Krankenstand insgesamt eher sinkt. Dabei wird kaum noch bestritten, dass «chronischer Stress in der modernen Arbeitswelt» der wichtigste Risikofaktor für Burnout, Depression oder psychosomatische Beschwerden ist. Krankenkassen reagieren auf diesen Befund wie üblich: Mit Tipps und Programmen zur individuellen Stressprävention. Die Arbeitskraft soll am Arbeitsplatz und an den Arbeitsanforderungen nicht scheitern. Scheitern? Wieso eigentlich scheitern?

None

Das Andere, das jetzt auch mitspielen darf

Ich und das Scheitern

Isabel Collien

Was tun angesichts eines Diskurses über das Scheitern, der den Einzelnen die Verantwortung zuschiebt? Die individualisierende Art, in der das Scheitern derzeit verhandelt wird, ist ein gewaltsames Gleichmachen. Aber: Mit einem politischen Vorhaben zu scheitern bedeutet nicht, den ganzen Kampf zu verlieren. Vielmehr sollten gescheiterte widerständige Projekte und Lebensentwürfe als reichhaltiger Fundus der Reflexion dienen, um immer wieder den Mut zu haben, Neues zu wagen.

None

Ever tried, ever failed?

FelS-Aktivist_innen über gescheiterte Projekte

Für eine linke Strömung

Die Gruppe FelS liefert in diesem Text einen Praxisbericht über das (Nicht)Scheitern als Polit-Gruppe. Gescheitert ist zum Beispiel die Kampagne Pinker Punkt. Wieder aufgebaut hat sich die AG Soziale Kämpfe dann am nächsten Projekt, der Organisierung der Mayday-Parade. Gescheitert oder nicht: Heute Kommunist zu sein, heißt ohnehin, sich mit dem Scheitern der großen Utopie irgendwie arrangiert zu haben – und trotzdem weiter zu kämpfen.

Artikel außerhalb des Schwerpunkts

None

Wer am Boden liegt ...

Interview mit dem südafrikanischen Filmemacher Rehad Desai

Rehad Desai & Romin Khan

Rehad Desai und Romin Khan sprechen über das Filme-Machen und sozialen Aktivismus in Südafrika. Das zentrale Ziel des Projektes ist zu zeigen, dass Rassismus nicht toleriert wird, so der Filmemacher Rehad Desai. Es darf nicht zugelassen werden, dass rassistische Bigotterie, Chauvinismus, Rassismus in politischen Attacken auftauchen. Die Filme können helfen, politische Debatten zu befördern und eine Pluralität an Stimmen zeigen.

None

Jenseits von Markt und Staat

Das Projekt der Demokratisierung der Wirtschaft

Alex Demirović

Um die ernste Bedeutung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise zu betonen, wird sie oft mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 verglichen. Trotz der Tiefe der gegenwärtigen Krise zeichnet sich bislang nicht ab, dass die Linke im Allgemeinen, die Linkspartei im Besonderen, die sozialen Bewegungen oder die Gewerkschaften darin erfolgreich gewesen wären, der Krise eine kritische Bedeutung zu geben. Eine solche Bedeutung würde die die individuellen und kollektiven Lebensperspektiven zerstörerische Dynamik der kapitalistischen Vergesellschaftung veranschaulichen und den Anstoß dazu geben, für ihre Überwindung einzutreten.

None

Konjunkturen der Solidarität oder vom Mitgefühl zum Miteinander

Zur Geschichte des Antirassismus

Che2001

Mit der Krise der autonomen Bewegung in Westdeutschland zu Beginn der 1990er Jahre war auch ein Neuanfang verbunden: Das Entstehen einer neuen, bevorzugt in der Flüchtlingsarbeit aktiven Strömung. Im Unterschied zu Antifa-Gruppen, die primär Neonazis bekämpften bzw. antifaschistische/antirassistische Jugendarbeit betrieben, war es ein zentrales Anliegen der neu entstehenden Antirassismusgruppen, politische Praxis gemeinsam mit Flüchtlingen zu realisieren. Teilweise war dies mit unrealistischen Hoffnungen verbunden. Dennoch haben sich diese Antirassismusgruppen als wichtige Teilströmung der deutschen Linken bis heute gehalten und sind dabei in sich wesentlich konsistenter geblieben als ein Großteil der autonomen Szene.

None

Michigan Mindmap

Don’t come to Detroit

Judith Poppe

An kaum einer Stadt in der westlichen Welt lassen sich die Auswirkungen des Kapitalismus so gut ablesen wie an Detroit. In den 1950er Jahren erlebte die Stadt ihren wirtschaftlichen Höhepunkt und hatte eine EinwohnerInnenzahl von 1,8 Millionen. Im Jahr 2000 ist sie unter die Millionengrenze gesunken. Ein subjektiver Lagebericht – vor der Weltwirtschaftskrise.

None

«Wut und Mut erzeugen …»

Gesundheitsmapping und Globale Soziale Rechte

Marion Bayer

Gesundheitsmapping und Globale Soziale Rechte (GSR) – Marion Bayer gibt einen Einblick in die Pilot-Projekte. Klinikbeschäftigte, Lehrer*innen und Studierende, Senior*innen in einem Wohnheim, Flüchtlingsfrauen und migrantische Landarbeiter*innen sind die Zielgruppen, die in sieben Städten durchgeführt werden. Die Befragungen sollen interaktiv sein, die Beteiligten zur Mitgestaltung bewegen, ihre häufig individualisierten Leiden als kollektive Erfahrung spürbar machen und insofern «Wut und Mut erzeugen». Das unmittelbare Ziel heißt Empowerment.