Rezension

Wolfgang Schorlau: Die schützende Hand. Denglers achter Fall

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Wolfgang Schorlau, Die schützende Hand. Denglers achter Fall. Kiepenhauer & Witsch, Köln, 2015, 14,99 Euro, 382 Seiten

 

Fakten, Fiktion und Interpretation verschwimmen in Denglers achtem Fall über den NSU

Zum NSU-Komplex sind bereits mehrere Sachbücher erschienen, heraus sticht das mehr als 800 Seiten starke Werk Heimatschutz: Der Staat und die Mordserie des NSU (Aust/Labs, 2014). Auf dessen Grundlage wird in München ein Kinofilm produziert. Die ARD plant zwischen dem 30. März und 6. April 2016 die Ausstrahlung einer Spielfilm-Trilogie, je einen Film aus Sicht der Täter*innen, der Opfer und der Ermittler*innen.

Einen ersten Roman hat nun Wolfgang Schorlau verfasst. In Die schützende Hand lässt er den Privatdetektiv Georg Dengler in dessen achtem Fall in Sachen NSU ermitteln. Der mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Autor hatte seinen Protagonisten stets auf die Spur heikler politischer Verbrechen geschickt. So ging es um die RAF und den Tod von Wolfgang Grams (Die blaue Liste, 2003), um kriminelle Machenschaften der Pharmaindustrie (Die letzte Flucht, 2011) oder um Lohnsklaverei in der deutschen Fleischindustrie (Am zwölften Tag, 2013). Schorlau greift reale Fälle auf und verbindet sie mit Fiktion. Er schreibt Geschichten, die sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnten. Die Bücher sind Bestseller

In Die schützende Hand soll Privatermittler Dengler herausfinden, wie die mutmaßlichen Mitglieder des NSU, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, ums Leben kamen. Zur Erinnerung: Die beiden Männer sollen am 4. November 2011 in Eisenach eine Bank ausgeraubt, per Fahrrad zu einem Wohnmobil geflohen, und das Fahrzeug in Brand gesetzt haben, nachdem sie sich von der Polizei ertappt fühlten. Im Wohnmobil sollen sie sich dann erschossen haben. Dengler und einige Freunde begeben sich auf Spurensuche: Haben sich die beiden Neonazis vielleicht gar nicht selbst getötet? Detailliert und umfangreich wird dazu aus Originalakten der Polizei, aus Obduktionsberichten und Protokollen der verschiedenen Untersuchungsausschüsse zitiert. Das ist ungewöhnlich für einen Roman und bestärkt den Eindruck, es handele sich bei Schorlaus Darstellung um den wirklichen Tathergang. Das ist gewollt und bringt dem Autor den Vorwurf ein, Fakten und Fiktion zu vermischen

Unter anderem kritisiert der Blog NSU-Watch (nsu-watch.info) den Mix aus Tatsachen, Interpretation, Indizien und Hypothese. Dem Autor wird vorgehalten, »in dem Wust an Fakten, potenziellen Fakten und längst widerlegten Hypothesen« herumzustochern und sich seine eine, alles erklärende Theorie zusammengebaut zu haben. Das sei ein großer Fehler. Auch aus Sicht von Tomas Lecorte (Autonome in Bewegung) sind die Recherchen Schorlaus miserabel und seine Schlussfolgerungen unschlüssig. Schorlau verspreche Aufklärungs-Silber, »und liefert nur Lametta«, so Lecorte.

In einem Nachwort zu seinem Buch schreibt der Schorlau allerdings, er habe »mehr oder weniger bekannte Fakten« auf eine andere Art zusammengelegt. Das daraus entstandene Bild weicht fundamental von der offiziellen Version ab. Schorlau zeichnet seine Version, wie es sich zugetragen habe könnte.


Florian Osuch

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Erschienen in arranca! #49

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