This is not a Love Song!

Begehrensökonomische Überlegungen zu den Fehlkalkulationen der Liebe.

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Lieben und Leben im Kapitalismus. Eine Zwischenbilanz.

 

This is not a love song. Singen Public Image Limited 1984. Und selbstverständlich können wir das not getrost wegstreichen, denn jeder Popsong singt, ob gewollt oder nicht, von der Liebe. Lange bevor Pil nicht über die Liebe sangen, trafen sich Platon und seine Lustgefährten zu einem Gastmahl, um im nächtlichen Rausch über Liebe und Begehren zu philosophieren.

Die Philosophie, die so beschworene Liebe zur Weisheit, hat einiges über das Wesen des Eros verlauten lassen. Allzu oft wurden die Körper, die vom Begehren gezähmt und im Begehren unzähmbar werden, aus der Rede, aus den Gedanken gedrängt. Allzu oft wurde Begehren zur schöngeistigen Kraft verklärt, zum körperlosen Willen zum Wissen. Das zeugt vom Bestreben, Begehren berechenbar zu machen, es in die Rationalität des Logos einzukalkulieren. Dieses philosophische Rechenspiel ist jedoch selten aufgegangen. Ergo fangen wir bei Null an. Mitten im spätkapitalistischen Furor.

Über die Liebe zu reden, heißt über das richtige Leben im falschen zu reden. Und über die Intimität des Kapitals, der wir uns hingeben, über das Kapital der Intimität, mit dem wir spekulieren. Ob wir wollen oder nicht, wir lesen alles im romantischen Rechenraster des Spätkapitalismus. Und obwohl wir mit der Liebe anders abrechnen als es Platon und seine Lustknaben taten, werden auch wir die Liebe fehlkalkulieren. Daher werde ich nicht über die Liebe reden, sondern vom Begehren erzählen.
Begehren kann ebenso verzehrend sein wie die Liebe. Es kann ebenso umfassend sein wie die Liebe. Liebe kann Liebe zu allem und zu jeder sein. Besonders zu ihr. Aber von ihr rede ich nicht. Liebe kann Liebe zu allen und zu jedem sein. Wie Begehren. Doch wie wir Begehren als Bindung zwischen Subjekt und Objekt denken, verhaften wir die Liebe zwischen zwei Menschen. Zwischen zwei Individuen. Wir mögen unsere Liebe Vielliebe nennen, wir können sie als polyamor beziffern und multiplizieren, in der Bilanz landen wir immer bei der Einen, von der ich nicht rede. Wir können die Liebe auf Katzen, auf Kinder, auf die Welt oder blasphemisch auf den toten Gott ausweiten, in unserer Gegenwart werden wir sie nicht dem Individuellen entreißen, denn unsere Individualität bilanziert mit der Liebe, addiert uns mit Alleinstellungsmerkmalen, macht uns in der amourösen Hochrechnung zu Persönlichkeiten. Sie. Die Eine. Sie. Die Andere. Sie und ich. Ich und sie. Aber von ihr rede ich nicht.

Wenn wir zu Platon und seinen Liebhabern zurückkehren, können wir die nicht-individuelle Liebe erahnen, in der Philo-Sophie, im Philosophieren, im Lieben der Weisheit, als Erkenntnisstreben, als Wille zum Wissen, der die subjektiven Grenzen übersteigt. Eros, der aus dem Blick des Liebenden herausströmt und den Geliebten überschwemmt wie Platon an anderer Stelle schreibt. Aber lassen wir Platon mit seinen Gespielen beim Gastmahl in Ruhe. Kehren wir zu der fehlkalkulierten Liebe im Kapitalismus zurück, um nicht von ihr zu reden, sondern vom Begehren. «This is not a love song. Happy to have and not to have not. Big business is very wise. I‘m crossing over into e-enterprize. I‘m adaptable, I‘m adaptable. I‘m adaptable and I like my new role. I‘m getting better and better. And I have a new goal. I‘m changing my ways where money applies. This is not a love song. This is not love song.» Singen Pil 1984. Und diesem Klang will ich weiter nachspüren.

Begehren setzt uns als Personen zusammen, es zwingt und drängt dazu, uns mit uns selbst und mit Anderen auseinanderzusetzen. Begehren ist die erste verführerische und bedrohliche Bezugnahme, zu mir, zu Dir, zu Euch, zu uns. Doch Begehren zersetzt uns, jede für sich und uns alle zusammen. Begehren setzt uns fest. Begehren bricht uns auf. Begehren zerrt uns aus uns heraus.

Liebe mag Herzen brechen, sie mag Eheverträge und Treueschwüre brechen, doch sie bricht nicht mit uns als Personen, als romantische Subjekte, so sehr man sich auch als eingeschworener Single bezeichnen oder in der amourösen Symbiose aufgehen will. Begehren bricht uns auf. Wir sind weniger Subjekte unseres Begehrens als dass wir in der Liebe Subjekte werden. Auch mit gebrochenem Herzen bleiben wir die Protagonisten unserer Liebesgeschichte. Und schon vor dem Herzbruch wissen wir, dass diese Geschichten selten ein Happy End nehmen. Wir leben neben dem Hollywood-Universum auch in einer Ratgeber- und Selbstsorge-Kultur. Deshalb wissen wir, dass Liebe emotionale Arbeit ist, und wir sind bereit, diese Arbeit zu leisten. Ob für die Partnerschaft oder aus Selbstliebe, weil wir es uns wert sind, weil es die Andere es mir wert ist. Doch egal wie wir uns abarbeiten, vielleicht auch daran abarbeiten, anders zu leben, anders zu lieben, wir verlassen das Narrativ nicht. Liebe schreibt uns fest. Liebe kalkuliert mit uns. Liebe, jede noch so glückliche, umso mehr jede noch so unglückliche Liebesgeschichte, erzählt von uns, von unser ach so Individuellen Persönlichkeit, sie zeigt sich als ganz besondere, völlig einzigartige Liebe und sie erzählt über die Andere. Aber von ihr rede ich nicht.

Begehren hingegen, Begehren ist nicht in Worte zu fassen. Um es in Worte zu fassen: Begehren zerreißt uns, zersetzt mich, zerfetzt das Du und ich. Und hier arbeitet der begehrenswerte Zauber. Dabei wird uns Begehren in Analogschablonen angeboten, hetero, homo. Dazwischen queer. Oder es wird in Präferenzen multipliziert, polysexuell, pansexuell, asexuell, demisexuell, allosexuell, sapiosexuell. Joy Division – eine Division der Lüste. Es wird uns in Algorithmen des matchmaking dargeboten. Passförmig wird Begehren selten. Es ist nie sublimiert, es ist immer sexuell. Trotzdem kann es die Rechenraster von Sexualität und Individualität durchkreuzen. Begehren zergliedert unsere Körper – wie sich ihre Hand bewegt, wie sie die Augenbraue hochzieht. Und es zersetzt unsere Körper zusammen, wenn Begehren Lust wird, wenn Lust die Hautgrenzen überschwemmt und sich der eigene Körper wie der andere anfühlt. Wenn zwei Körper ein Körper, viele Körper werden. Begehren wird uns erschüttern, wenn wir es nicht auf das romantische Fundament stellen können, auf dem unsere Liebesvorstellungen gebaut sind. Dennoch kann Begehren Zuhause bedeuten. Ebenso wie Flucht.

Begehren kann gewaltvoll werden. Es kann zur Gier werden, zum Willen, die Andere zu besitzen, zur Verfügungsgewalt. Und würde ich von der Liebe reden, würde ich hinzufügen: ebenso besitzergreifend ist die Liebe. Im Begehren als Gier, als Begierde, kann sich ein Begehrenssubjekt dem begehrten Objekt gegenüber behaupten. Doch selbst als possessive Begierde gehört Begehren nur sich selbst. Nicht das Begehren gehört dem Subjekt, die Begierde besitzt das Subjekt. Und das Subjekt schuldet sich dem Begehren.

Die Begierde kann zu dem Verlangen werden, die Andere zu verschlingen, sie zu verzehren, in sie hineinzukriechen, mich in ihr vor mir selbst zu flüchten. Dieses Verzehrungsverlangen ist Anthropophagie – also Kannibalismus. Doch das anthropophagische Begehren steht nicht still, stellt uns nicht still. Denn im begehrlichen Verzehrungsakt werden zwei Körper zu einem Körper, werden viele Körper. Körper lösen sich auf und überschreiten die Grenzen zwischen begehrendem Subjekt und begehrtem Objekt. Diese köstlich kannibalische Überschreitung ist Aufbegehren. Im Aufbegehren werden die Grenzen, die uns die Liebe steckt, gesprengt. Und Aufbegehren kann alles sein, das Begehren nach Revolution, das Begehren nach einem richtigen Leben, das dem falschen entflieht. Aufbegehren kann politischer Protest sein. Es kann Verlangen danach sein, eine andere Person zu werden, ein anderer Körper, ein anderes Selbst zu werden als diejenigen, die einem eingeschrieben wurden. Aufbegehren kann der kleine Moment der Erregung sein, wenn ich sehe, wie sich ihre Hand bewegt, wie sie die Augenbraue hochzieht, und zerbreche. Wenn unser Spiegelbild zersplittert und wir ein Begehren spüren, das nicht in unser Selbstbild, in unser Lebensprojekt passt, das unseren Gefühlshaushalt aus der Balance bringt. Ein Begehren, das Hingabe einfordert. Ein Begehren, das mich aus mir herauszerrt.

Dies ist kein Liebeslied, doch würde ich von der Liebe reden, würde ich vorschlagen, sie neu zu kalkulieren. In der Ökonomie von Aufbegehren und Begierden. In ihrer Macht, ihrer Gewalt, ihrer Lust und ihrem Versprechen. Im Verlangen, die Andere zu verzehren, in der Sehnsucht danach, uns zu verlieben, im Drang danach, sie besitzen zu wollen, um mich zu verlieren, im Wunsch, mich von ihr konsumieren zu lassen, um mich in ihr zu verschwenden. Aber wozu von der Liebe reden, wenn ich vom Begehren erzählen kann?

In der Bilanz: Es lohnt nicht Liebe zu reden. Über die Liebe zu reden, ist nicht begehrenswert. «This is not a love song.» Singen Pil 1984. In der Abrechnung mit der Liebe zerrechnen wir uns in Auf- und Abwertungen unseres ach so einzigartigen Charakters, unserer ach so individuellen Persönlichkeit. Und wir bewerten die Andere proportional zu unserer emotionalen Investition. In endlosem Nullsummenspiel zweifeln wir an uns, um unser Selbst wiederzufinden, wie wir an anderen zweifeln, um sie zu verlieren. Wir spekulieren in der Ökonomie des matchmaking. Verbuchen die Andere als weiteres Alleinstellungsmerkmal, als weiteren unique selling point auf unserem Selbstsorge-Konto. Begehren hingegen. Begehren, in seinen anarchischen Assoziationen, in seinen Anti-Algorithmen, widerstrebt stur jeder Berechenbarkeit. Überschreitet jedes Maß, verspielt vehement jedes romantische Kalkül, verweigert die Gesamtabrechnung unserer emotionalen Ökonomien. Was am Ende zählt: Meine Sehnsucht nach Dir ist Zuhause. Mein Verlangen nach Dir ist Flucht. Liebe hingegen. Liebe addiert uns als Indivuden. Liebe trennt uns als Individuen. Begehren bricht uns auf. Love will tear us apart.

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Erschienen in arranca! #52

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