Träume von Gestern / Märchen von Übermorgen

Science Fiction im Kapitalistischen Realismus

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Früher war alles besser, sogar die Zukunft. Können wir heute von den spacigen Utopien der 1960er lernen oder ist das alles Schnee von gestern? Ein Versuch zu Science Fiction als polit-philosophische Methode.

 

«Die Märchen von heute können morgen schon Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen.» Mit diesen Worten lockt uns der Vorspann der deutschen Science-Fiction-Serie Raumpatrouille Orion (1966) in eine angenehm unheimliche, zukünftige Welt, in der Nationalstaaten abgeschafft sind und die Besatzung der Orion sich konsequent den obersten Befehlshaber*innen widersetzt. Mit einer Einschaltquote von 56 Prozent fegte die Raumpatrouille die Straßen damals so leer wie heute wohl nur ein Fußballspiel.

 

Utopien statt kapitalistischem Realismus

Dass es um die utopische Vorstellungskraft in den 1960er und 70er Jahren besser bestellt war als heute, ist inzwischen ein Gemeinplatz. Zuletzt rief Marc Fisher 2013 den «Kapitalistischen Realismus» aus: Nichts außerhalb des Bestehenden sei heutzutage vorstellbar. Die Wissenschaft, auch die Geisteswissenschaft scheint sich mit einer Bestandsaufnahme zufrieden zu geben anstatt mit Veränderungslust und Experimentierfreudigkeit an die vorgefundene Welt heranzugehen. Es ist Zeit, die Science Fiction wieder weiter in die Nähe von Wissenschaft und Politik zu rücken. Sie trägt die Innovation schon im Namen: Science Fiction – Wissenschaftsfiktion. Was können die Märchen von Gestern uns über das Begehren von Morgen erzählen?

 

Auf dem schnellsten Weg zurück in die Zukunft

Eine neue Theorieströmung hat in den letzten Jahren genau diese Frage ins Zentrum gestellt. Unter dem Hashtag #accelerate oder #Akzeleration sind seit 2013 zahlreiche Publikationen entstanden, die es sich zum Ziel machen, das utopische Denken in der Linken wieder zu erwecken, und zwar in einer Form, die durch die Raves der 1990er hindurch gegangen ist und keine Scheu vor Geschwindigkeit und Technik hat. In ihrem Manifest für eine Akzelerationistische Politik schreiben die Londoner Jungphilosophen Nick Srnicek und Alex Williams: «Der wichtigste Unterschied innerhalb der zeitgenössischen Linken verläuft zwischen Vertretern einer Politik des folkloristischen Lokalismus, der direkten Aktionen und des grenzenlosen Horizontalismus und denen, die eine Politik entwerfen, die als Beschleunigungspolitik bezeichnet werden sollte. [...] Die Beschleunigungspolitik versucht [...] die Errungenschaften des Spätkapitalismus zu bewahren und zugleich weiter zu gehen, als es sein Wertesystem, seine Regierungsstrukturen und seine Massenpathologien erlauben.»

Das klingt nicht umsonst nach Science Fiction. Auch Armen Avanessian, der Herausgeber der deutschen #Akzeleration-Bände im Merve-Verlag, zieht diese Verbindung selbst im Interview und sagt, es ginge sowohl bei der Science Fiction als auch im Akzelerationismus darum, die verlorene Kategorie der Zukunft wieder zu gewinnen – ein «emphatisches Konzept dessen, was Zukunft einmal für die Moderne bedeutet hat». Die Akzelerationist*innen wollen also zurück in eine Zeit, in der die Zukunft noch in Ordnung war, oder wie die österreichische Pop-Band Ja, Panik! es ausdrücken würde: «Ich wünsch‘ mich da hin zurück, wo‘s nach vorne geht / hab‘ auf Back to the Future die Uhr gedreht».

Das ist unter den Umständen des Kapitalistischen Realismus ein nachvollziehbares Begehren, bringt aber viele Schwierigkeiten mit sich. Allzu leicht gehen bei der fröhlichen Reise zurück in die 1960er nicht nur die No-Future-Melancholie, sondern auch viele Errungenschaften der sogenannten «Postmoderne» verloren – zum Beispiel wenn die Akzelerationist*innen davon träumen, «dass nur eine prometheische Politik der größtmöglichen Beherrschung der Gesellschaft und ihrer Umwelt in der Lage ist, mit globalen Problemen fertig zu werden und die Oberhand über das Kapital zu erlangen.» Prometheus, der Technikbringer – das ist eine Art Subjekt, das auch in der Mainstream-Science-Fiction häufig anzutreffen ist. Astronaut*innen wie zuletzt Cooper in Interstellar (2014) reisen bis in die Unendlichkeit und darüber hinaus, um sich auch dort die Natur untertan zu machen. Und ja: Natürlich wäre es schön, sich die technische Infrastruktur des Kapitalismus anzueignen und ihn einfach mit starker Hand zu überwinden. Diese Einstellung verkennt aber, um mit dem Unsichtbaren Komitee zu sprechen, «die ethische Natur jeder Technik.». Jener Weltbezug, den wir uns durch unsere Werkzeuge schaffen, ist verkürzt gesagt genauso stark durch die Werkzeuge und ihre Entstehungsbedingungen geprägt wie durch uns selbst. Wir können sie nicht von heute auf morgen völlig anders benutzen. Dass die «größtmögliche Beherrschung der Gesellschaft und ihrer Umwelt» eher nach Diktatur und Klimakatastrophe klingt als nach Befreiung, steht auf einem anderen Blatt.

 

Deleuze und die Science Fiction

Die Vereinfachungen der Akzelerationist*innen bedeuten aber nicht, dass sie die «Postmoderne» völlig verwerfen. Ganz im Gegenteil stellen einige Texte aus dem Umfeld des Manifests die Beschleunigungsbewegung in eine Linie mit dem französischen Philosophen Gilles Deleuze und dem Psychoanalytiker Félix Guattari, die sie als «Akzelerationist*innen avant la lettre» bezeichnen.

«Aber welcher ist der revolutionäre Weg, ist überhaupt einer vorhanden? Sich [...] vom Weltmarkt zurückziehen [...]? Oder den umgekehrten Weg einschlagen? [...] Nicht vom Prozess sich abwenden, sondern unaufhaltsam weitergehen, «den Prozess beschleunigen», wie Nietzsche sagte: «wahrlich, in dieser Sache haben wir noch zu wenig gesehen.»

Mit diesem Zitat aus Anti-Ödipus machen sie vor allem Deleuze vorschnell, wie es sich für eine Beschleunigungsphilosophie wohl gehört, zu einem ihrer Vordenker. Einem «prometheischen» Politikideal hätte Deleuze wohl kaum etwas abgewinnen können. Zu kritisch steht er dafür generell dem Konzept des einzelnen, handelnden Subjekts gegenüber, das für ihn und Guattari für Entfremdung und Vereinfachung steht. Stattdessen suchen sie neue, offenere philosophische Begriffe, um über (kollektives) Handeln und Begehren zu sprechen. Deleuzes Ideal im Schreiben und Philosophieren orientiert sich dabei auch an der Science Fiction, aber gerade nicht an einer, die den Traum vom Self-Made-Man in den Weltraum verlängert, sondern eben an jener, die gewohnte Sicherheiten aufweicht. «Ein philosophisches Buch muss einesteils eine ganz besondere Sorte von Kriminalroman sein, anderenteils eine Art science fiction» schreibt er an einer Stelle.

Mit dem kriminologischen Aspekt ist gemeint, dass Deleuze versucht, seine Begriffe mit detektivischer Genauigkeit zu analysieren und einzusetzen. Was aber soll die Science Fiction? Damit ist nicht eine gewisse Steampunk-Ästhetik gemeint, die seinem Werk zuweilen anhaftet, zum Beispiel wenn es auf der ersten Seite von Anti-Ödipus heißt: «Alles ist Maschine. Maschinen des Himmels, die Sterne oder der Regenbogen, Maschinen des Gebirges, die sich mit den Maschinen seines Körpers vereinigen. Ununterbrochener Maschinenlärm.» Stattdessen meint Deleuze mit dem Aspekt der Science Fiction eine Unsicherheit und Offenheit im Denken: «Ich verfertige, erneuere und zerlege meine Begriffe ausgehend von einem schwankenden Horizont, von einem stets dezentrierten Zentrum und einer immer verschobenen Perspektive. [...] Daher der Aspekt der Science Fiction auch in dem Sinn, in dem die Schwächen hervortreten. Wie lässt sich anders schreiben als darüber, worüber man nicht oder nur ungenügend Bescheid weiß? Man schreibt nur auf dem vordersten Posten seines eigenen Wissens, auf jener äußersten Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwissen trennt und das eine ins andere übergehen lässt.».

 

We work on the other side of time

An dieser Grenze zwischen Wissen und Nicht-Wissen, oder auch zwischen Realität und Fiktion, kommt die Politik wieder ins Spiel: In einer Zeit des «Kapitalistischen Realismus» ist diese Grenze ein undurchdringlicher Wall. Die Science Fiction wird von vielen Autor*innen als Experimentierfeld verstanden, in dem die Grenzen des Existierenden leichter überwunden werden können. Nicht umsonst verwendet beispielsweise Donna Haraway Motive aus der Science Fiction, um noch unvorstellbare Gender-Konstellationen mit der Figur der Cyborg konkret zu machen. Nirgendwo sonst können Gewissheiten so gut aufgelöst und angenehme Unsicherheit ausgelöst werden wie hier. Jene Kategorien, die unser Denken von vornherein zu strukturieren scheinen, verlieren an Festigkeit. So zum Beispiel die Zeit, deren lineares und messbares Voranschreiten eine Grundbedingung für das Bestehen des Kapitalismus ist. HG Wells‘ The Time Machine (1895) gilt als jenes literarische Werk, das das Genre der Science Fiction überhaupt erst begründet. Die Reise des Protagonisten in eine ferne Zukunft, in der Klassengegensätze ins Groteske zugespitzt herrschen, dient weniger als eskapistisches Märchen denn als Brennglas, durch das die Gegenwart anders beleuchtet wird. Auch der amerikanische Literaturwissenschaftler Fredric Jameson beobachtet: «Tatsächlich liegt etwas einigermaßen Tröstliches und Beruhigendes in dem erneuerten Bewusstsein, dass all die großen Supermärkte und Fast-Food-Ketten, die ausgebrannten Stadtzentren, sogar das Pentagon selbst und all die neu errichteten Atomkraftwerke - dass all diese Dinge nicht für immer unbeweglich sind, eingefroren in einem ‹Ende der Geschichte›, sondern gleichmäßig in der Zeit voranschreiten, einer unvorstellbaren aber nichtsdestotrotz unvermeidbaren ‹realen› Zukunft zu. Science Fiction inszeniert und ermöglicht also eine strukturell einzigartige ‹Methode›, unsere Gegenwart als Geschichte zu begreifen.»

Oder die Zeit wird gleich ganz aufgelöst, wie der afroamerikanische Jazzmusiker Sun Ra gleich zu Beginn seines Films Space is the Place (1972) verkündet: «First thing is to declare time as officially ended. We work on the other side of time.» Auch in diesem Film geht es darum, die bekannte Welt mit ihren Unterdrückungssystemen, in diesem Fall dem Rassismus, mit den Mitteln der Science Fiction zu verlassen. Mit dem musikbetriebenen Mothership verlassen die Schwarzen im Gefolge Sun Ras die von den Weißen zerstörte Erde, um auf einem anderen Planeten ein neues Leben zu beginnen.

 

Andere Welten anprobieren

Was aber haben diese ganzen bunt bebilderten Träume von einer anderen Welt mit realer Politik zu tun? Wenn man der französischen Philosophie in der Tradition von Deleuze und Guattari folgt, dann mehr als der Kapitalistische Realismus uns glauben machen will. Sie verstehen die Realität nicht als gegeben und unveränderlich, sondern als etwas, das permanent hergestellt wird. Unsere Handlungen und Sprechakte, die wir immerzu wiederholen, produzieren erst, was später als Realität gilt. Als Beispiel dafür könnte man stark vereinfachend Judith Butlers Gendertheorie anführen: Wenn ein Kind über Jahre hinweg so behandelt wird als ob es ein Mädchen wäre, dann wird es sich wahrscheinlich auch als Mädchen definieren.

Damit die existierende Realität sich verändern kann, bedarf es also zu allererst eines Moments der Fiktion – denn, realistisch ist nur das, was sich innerhalb der herrschenden Verhältnisse abspielt. Was darüber hinaus weist, ist gezwungenermaßen unrealistisch oder prä-realistisch, kann aber durch ein geschicktes und wiederholtes als ob zu einer neuen Realität werden. Genau das macht die Science Fiction zu einem so mächtigen Genre: In den «Märchen von übermorgen» können soziale Rollen breitenwirksam neu anprobiert, Wirtschaftssysteme im großen Stil getestet und wieder verworfen werden. Und jede neue Vorstellung wirkt wie ein Teleskop, mit dem wir über den Kapitalistischen Realismus hinaus blicken können.

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Erschienen in arranca! #50

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