Rezension

Gabriel Kuhn (Hg.): Bankraub für Befreiungsbewegungen. Die Geschichte der Blekingegade-Gruppe

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Gabriel Kuhn (Hg.), Bankraub für Befreiungsbewegungen. Die Geschichte der Blekingegade-Gruppe. Unrast Verlag, Münster 2013, 232 Seiten, 14 Euro

 

Von 1972 bis 1988 gab es in Dänemark eine Reihe unaufgeklärter Überfälle auf Waffendepots, Banken und Geldtransporter durch eine Gruppe politischer Aktivisten. Erst 1989, nachdem die Fahndung intensiviert worden war, weil beim letzten und gleichzeitig größten Postraub ein Polizist durch einen Querschläger getötet wurde, flog die »Blekingegade-Gruppe« (gelabelt nach der Kopenhagener Straße, in der eine konspirative Wohnung entdeckt worden war) auf. Nie hatte es eine Erklärung zu einer politischen Motivation für die Überfälle gegeben. Dass das erbeutete Geld immer Befreiungsbewegungen in den Trikontstaaten ausgehändigt worden war, vor allem der palästinensischen PFLP, erfuhr die Öffentlichkeit erst beim Prozess.

Angedockt war die Gruppe an die kommunistische Organisation KAK, später M-KA. Sie vertrat die Schmarotzerstaatentheorie: Weil auch die dänische Arbeiterklasse von der Ausbeutung der Trikontstaaten profitiere, könne sie kein revolutionäres Subjekt sein. Daher gebe es in Westeuropa keine realistische revolutionäre Perspektive und Veränderung könne nur vom Süden ausgehen. Folgerichtig sammelte die Organisation Geld und in großem Stil Altkleider für Befreiungsbewegungen. Hinzu kam die, nur wenigen bekannte, klandestine Praxis.

Im Buch stellen Autor Gabriel Kuhn sowie drei der für die Raube Verurteilten, Niels Jørgensen, Jan Weimann und Torkil Lauesen, die Ereignisse dar. Es enthält historische politische Texte der KAK und der M-KA und, am bereicherndsten, ein Interview mit Weimann und Lausen, das ein Drittel des Buches umfasst. Darin reflektieren sie ihre Geschichte und die ihrer Organisation, ihre aktive politische Arbeit mit anderen Gefangenen in ihrer Zeit im Gefängnis und die politischen Veränderungen seitdem.

Die professionelle Arbeit der Blekingegade-Gruppe als Dänemarks erfolgreichste Räuber des 20. Jahrhunderts ist allein schon faszinierend. Das Buch ist aber auch deshalb interessant, weil es trotz der lange zurückliegenden Ereignisse aktuell ist: Es kreist um die Frage, wie man eine unterstützende solidarische Praxis entwickeln kann, also um die Rolle der «Supporter».

«Solidarity is something you can hold in your hand» war ein Motto der «Bande». Handfest war ihre Arbeit auf jeden Fall. Gemeinsam waren die Befreiungsbewegungen und die Gruppe überein gekommen, dass die effektivste Unterstützung in der Konzentration auf Geldbeschaffung liegt. Als kritiklose Einbahnstraße der Solidarität haben sie diese dennoch nie begriffen: Nicht nur waren der Entscheidung sorgfältige Diskussionen innerhalb der Gruppe über die Politik der unterschiedlichen Befreiungsbewegungen sowie einige Besuche der Befreiungsbewegungen und lange Debatten mit ihnen vorangegangen, sondern sie selber, so Jan Weimann und Torkil Lauesen bei einer Veranstaltung in Berlin, profitierten durch entstandene Freundschaften und interessante Diskussionen ebenfalls von der Zusammenarbeit. Ihr Interesse und ihre Freude an solchen Diskussionen charakterisierte die Veranstaltung und spiegelt sich im Buch wider.

 

ern

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Erschienen in arranca! #49

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