Ein politisch denkender Mensch zu sein...

Organisierung und wissenschaftliche Arbeit - eine Collage

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In der Interventionistischen Linken und ihrem Dunstkreis gibt es einige Genoss*innen, die beruflich akademisch tätig sind, sei es durch Unijobs oder als Postgraduierte. Die Frage, wie ihr Wissen aus akademischen und theoretischen Kontexten Organisierung beeinflusst, liegt auf der Hand – manchmal bringen sie ihr theoretisches Wissen in arranca!-Beiträgen ein. Eher selten fragen wir hingegen danach, wie Erfahrungen von Organisierten in einem Wechselverhältnis zur wissenschaftlichen Praxis stehen. Dies haben wir nachgeholt und erkunden so auch, was IL-Aktivist*innen eigentlich so neben ihrer Politarbeit machen und was sie im Berufsleben bewegt.

 

¿ Schaust du aufgrund deiner politischen Arbeit in der IL anders auf die Gegenstände, Themen, Subjekte usw., mit denen du dich in deiner akademischen Arbeit auseinandersetzt?

Thea: Auf jeden Fall, allein schon methodisch: Mich interessieren die Motive, Handlungsoptionen und alltäglichen Aneignungspraxen derjenigen, die ich in historischer Perspektive untersuche, immer noch am meisten. Ich bin zwar bis zu einem bestimmten Grad auch Strukturhistorikerin und interessiere mich für Institutionen und Organisationen, aber letztlich bin ich überzeugt, dass wir sie nur über die sie konstituierenden Akteure und ihre Praktiken verstehen können, und das wiederum hat sehr viel mit meiner politischen Erfahrung und den Diskussionen, die wir geführt haben, zu tun.

Petra: Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Erfahrung viele Menschen im Wissenschaftsbetrieb mit kollektiven Prozessen und Arbeitsaläufen haben. Die meisten, mit denen ich zu tun habe, waren nie politisch organisiert, und während es bei der politischen Arbeit dazu gehört, Arbeitsprozesse und Entscheidungen demokratisch und transparent zu gestalten, sieht das an der Uni oft ganz anders aus. Ich arbeite mit Leuten, die finden Flurgespräche wichtiger als demokratische und transparente Absprachen. Das macht mich wütend, weil solche Praktiken ausschließend sind und diejenigen privilegieren, die sowieso schon privilegiert sind und beispielsweise mehr Zeit haben als andere, sich zu vernetzen. Kollektive Prozesse werden nicht unbedingt gefördert, sondern das akademische System produziert eher Einzelkämpfer*innen. Dabei entsteht Wissen ja eigentlich nie in einer Person allein, sondern kollektiv. Aber durch die hierarchische Organisation und den Selektionsdruck wird hier viel an kollektivem Potential verschenkt, das die Arbeit nicht nur angenehmer, sondern vermutlich auch produktiver machen könnte.

Lea: Was die Themen betrifft, kaum – ich bin Mittelalter-Historikerin … Die politische Arbeit hilft mir eher, meine akademische Arbeit etwas distan-zierter zu betrachten, den größeren Kontext nicht zu vergessen vor lauter Fußnoten und Karrieresorgen.

Bea: Es ist weniger die konkrete Arbeit in der IL als ein politisch denkender Mensch zu sein, was meinen Blick auf wissenschaftliche Themen und die Nutzung bestimmter Theorien und Methoden prägt. Meine politische Perspektive hat mein Interesse für die Analyse von Herrschaftsverhältnissen, deren Kritik und Veränderung, verschiedene Formen von Macht etc. geprägt. Das Organisiert-Sein wirkt sich eher indirekt aus, indem es wichtiger Teil eines Korrektivs, einer Gegenwelt zum Wissenschaftsbetrieb ist, die hilft, institutionellen und inhaltlichen Anpassungszwängen entgegenzutreten.

 

¿  Wirkt sich deine politische Arbeit auf deine Arbeitsweisen und Methoden aus? Mehr participatory action research, Militante Untersuchung, oder in der Art und Weise, wie du Menschen begegnest?

Lea: Nicht unmittelbar. Ich mag Walter Benjamin und feministische Ansätze, aber das kommt einfach daher, dass ich Linke und Feministin bin und wäre sicher auch so, wenn ich nicht organisiert wäre.

Petra: Da ich bisher immer in Projekten gearbeitet habe, die ich nicht selbst entwickelt habe, hatte ich noch nicht die Möglichkeit, besonders partizipativ zu forschen. Ich finde das aber sehr interessant und habe schon häufig mit Kolleg*innen darüber diskutiert. Als Problem der partizipativen Forschung wird häufig vorgebracht, dass ihr Prozess sehr viel aufwendiger wird, wenn man den Gedanken der Partizipation ernst nimmt, und das oft gar nicht finanziert wird. Vielleicht könnten beantragte Mittel auch umgeschichtet werden, um partizipative Forschung zu ermöglichen. Vor allem müssten Wissenschaftler*innen ihre Routinen verändern, wenn sie wirklich partizipativ forschen wollen, und ich glaube, dazu sind nur wenige wirklich bereit.

Bei eurer Umfrage fehlt mir die Frage nach dem umgekehrten Effekt. Also ob die wissenschaftliche Arbeit auch einen Einfluss auf die politische Arbeit hat. Während meiner Zeit in der IL habe ich zumindest mehrfach mitbekommen, dass das ein Streitpunkt in der Gruppe war. Zum einen wurde der Gruppe oder einzelnen darin vorgeworfen, insgesamt zu akademisch, und damit ausschließend zu sein. Zum anderen wurden gesellschaftliche und wissenschaftliche Analysen und Theorie auch immer wieder eingefordert, um Standpunkte zu begründen. Für mich persönlich hatte die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Texten einen politisierenden Effekt. Ich habe mich im Laufe meines Studiums politisiert, nicht nur, aber auch über die Auseinandersetzung mit Texten. Gerade deshalb fand und finde ich es besonders spannend, mit Leuten in Kontakt zu sein, bei denen das anders gelaufen ist.

 

¿  Du organisierst Dich in einer politischen Gruppe, organisierst Du Dich auch in Deiner akademischen Arbeit?

Lea: Kaum. Ich bin in einer Gewerkschaft … Aber ich finde es sehr wichtig, dem allgemeinen Karrierismus und Hierarchiedenken etwas entgegenzusetzen: solidarisches Teilen von Informationen, Einladungen nicht nur an alte Männer mit großen Namen, guter Umgang mit den Studierenden, bei Projektanträgen Kolleg*innen ohne feste Stelle mitdenken, solche Sachen. Das fühlt sich im Alltag an der Uni meist schon ganz schön revolutionär an – leider.

Bea: Die Organisation in der Wissenschaft ist ein großes Problem und ständiges Thema. Sie bleibt aber bislang unbefriedigend oder verläuft im Sande – sowohl was gewerkschaftliche Organisation des Mittelbaus als auch selbstorganisierte Zusammenhänge linker Wissenschaftler*innen betrifft.

Petra: Bei meiner ersten Stelle habe ich mich mit anderen Wissenschaftler*innen organisiert, die in einer ähnlichen Lage waren wie ich. Es ging um Fragen wie die hohe Arbeitsbelastung, die Abgrenzung von der Vorstellung, dass ich als Wissenschaftler*in auch am Wochenende oder im Urlaub arbeiten muss, sowie die Auseinandersetzung mit Alltagssexismus in den Beziehungen zu Kollegen oder Chefs. Bei meiner aktuellen Stelle habe ich es bisher nur vereinzelt geschafft, mich mit Kolleg*innen zu politischen Aspekten meiner Arbeit auszutauschen. Vor allem, weil alle zu viel zu tun haben.

Thea: Ich bin in der Gewerkschaft und mache ein wenig Gremienarbeit. Wissenschaftspolitik interessiert mich, und ich versuche, dranzubleiben, aber meine bisherigen Organisierungserfahrungen waren eher frustrierend und kompliziert. Widerständigkeiten sind eher möglich, wenn man die Institution und ihre Hierarchien kennt und die vorhandenen Eigenheiten für sich nutzt. Offene Konfrontation, so meine Erfahrung, funktioniert nur selten, und wenn man sich dafür entscheidet, braucht man einen sehr langen Atem.

 

¿  Wie integrierst Du Deine politische Arbeit in einen tendenziell entgrenzten Alltag akademischer Arbeit?

Isa: Schlecht. Das permanente schlechtgelaunte Gewissen wird zur vielköpfigen Hydra, der man nicht ausweichen kann und die zudem noch ´nen Marathon im Teufelskreis rennt: Widme ich mich meiner Doktorarbeit, so fühle ich mich schlecht, weil die Welt in Flammen steht, während ich am Schreibtisch sitze. Ganz furchtbar finde ich mich dann. Ganz nervös werde ich dann. Bis ich dann vom Schreibtisch aufstehe und rausgehe, um meinem schlechten Gewissen den Kopf abzuhacken und um gleich wieder knietief im politischen Aktivismus zu stehen. Dort draußen verheddere ich mich dann und übernehme für dies und jenes Verantwortung, und eh ich mich versehe, steht sie wieder vor mir, die Hydra. Diesmal wedelt sie mit Existenz--ängsten, mit dem Versagen an meiner Doktorarbeit und der mangelnden Leidenschaft für die Wissenschaft. Also gehe ich wieder rein und setze mich an den Schreibtisch. Während die Welt in Flammen steht. Dann finde ich mich wieder ganz furchtbar. Bis ich …

Bea: Nach tendenziell entgrenztem Politaktivismus und tendenziell entgrenztem Wissenschaftlerinnendasein versuche ich beidem Platz zu schaffen. Das klappt nicht immer, aber immer besser. Organisiert zu sein, hält mich bei der Stange und zwingt mich, der Politik Zeit einzuräumen.

Lea: Schwierig. Zumal auch die politische Arbeit tendenziell entgrenzt ist. Meist habe ich ein konstant schlechtes Gewissen in beiden Bereichen und finde immer, dass ich zu wenig schaffe.

Petra: Im Moment schaffe ich es leider gar nicht, das zu integrieren. Ich bin politisch im Moment nur an kleineren Aktionen und Initiativen mit unregelmäßigen Treffen beteiligt. Das hängt vor allem damit zusammen, dass ich im Moment nicht in der Stadt arbeite, in der ich auch lebe. Aber als ich anfing, wissenschaftlich zu arbeiten, habe ich auch begonnen, mich politisch zu organisieren. Während meines Studiums hatte ich nicht das Bedürfnis danach, mich zu organisieren – ich habe lieber so mitgemacht ohne mich fest zuzuordnen. Das kam dann erst mit der Lohnarbeit, und dort war es unglaublich wichtig für mich als Gegengewicht und Horizont meines restlichen Lebens. Eigentlich wäre es das für mich jetzt auch. Aber erst muss es klappen, dass ich meine Arbeit wieder an meinen Lebensort verlegen kann. Alles andere würde mich momentan überfordern.

Thea: Ich bin (ironischerweise) wieder beim Kampagnenmachen gelandet. Großgruppen finde ich nicht zwingend falsch. Ich schaffe aber nicht mehr als ein Treffen die Woche, nicht nur, weil mir die Zeit fehlt, sondern oft schlicht auch Kraft und Nerven. Wenn ich mich mit Genoss*innen treffe (und ich mag es, wenn ich diese persönlich kenne), dann gerne um Dinge voranzubringen, Inhaltliches zu diskutieren und mit einem flexiblen Aufgabenbündel nach Hause zu gehen, das ich dann erledigen kann, wenn ich Zeit und Raum habe. Ich muss flexibler arbeiten, auch was meine politische Praxis angeht, und ich brauche für alles Deadlines, sonst kann ich nicht priorisieren, weil alles immer irgendwie wichtig ist.

 

¿  Politische Praxis und akademische Praxis: Wie stehst du zu der konventionellen Unterscheidung dieser beiden Felder?

Lea: Ich finde es sehr wichtig, akademische Arbeit als Lohnarbeit zu betrach-ten und nicht als politische Aktivität. Unis sind staatliche Betriebe, die für Studierende bestimmte Freiräume bieten, nicht aber für die dort Beschäftigten, weder inhaltlich noch von den Arbeitsbedingungen her. Zu meinen, dass die Themen dort dann völlig frei und politisch aufladbar seien, halte ich für falsch und für einen Grund, warum so viele von uns in der Uniarbeit verschwinden und dann für die Bewegung verloren sind. Dazu kommt der ganze Bereich von Statusgeilheit, Hierarchien und Titeljagden, was nicht nur den prekären Beschäftigungsverhältnissen geschuldet ist, sondern auch der Tatsache, dass es eben schwer ist, sich den Anerkennungsmechanismen zu entziehen, die an der Uni herrschen. Akademische Arbeit als Lohnarbeit zu sehen ist für mich die einzige Möglichkeit, dem Grenzen zu setzen – und damit Freiräume für meine eigene, selbstbestimmte politische Praxis zu schaffen.

Petra: Forschung ist meines Erachtens immer auch politisch. Es gibt zwar Personen, die das Gegenteil behaupten. Aber ich sehe das nicht so. Der Blickwinkel, der eingenommen wird, die Frage, die gestellt wird, die Methoden, mit denen einer Frage nachgegangen wird … All das sind Entscheidungen, die von Wissenschaftler*innen getroffen und durchgeführt werden. Sie sind also immer auch als politische Subjekte in ihre Forschung involviert. Deshalb stellt sich immer auch noch die Frage nach dem Verhältnis von Forscher*in und Beforschten, also wer beforscht eigentlich wen. Und daran knüpft sich wiederum die Frage, wer eigentlich Zugang zum Wissenschaftssystem hat und wer nicht. Und so weiter. Ich kann jedenfalls nicht wirklich nachvollziehen, warum einige immer noch behaupten, dass Wissenschaft nicht politisch ist.

Isa: Wenn ihr mit akademischer Praxis eine akademisch/theoretische Wissensproduktion meint, die sich politisch auf Gesellschaft bezieht und Machtverhältnisse analysiert und infrage stellt, sind verschiedene Antworten denkbar.

a) Politische Praxis und akademische Praxis unterscheiden sich nicht und sind ein und dasselbe: Das finde ich quatsch.

b) Die politische Praxis kann man ohne akademische Praxis nicht denken: Diese Aussage würde sämtliche Formen des Wissens und des Widerstands diskriminieren und ausklammern, die in der Geschichte und Gegenwart auf »nicht-akademischen« Wissen beruhen (zum Beispiel Wissen von »Nicht‑-Akademiker*innen«, »nicht-westliches«, nicht-verschriftlichtes, nicht den weltlichen Rationalitäten entsprechendes Wissen). Außerdem impliziert diese Aussage, dass es sich um eine Einbahnstraße handelt. Allerdings ist die akademische Wissensproduktion zum Teil einfach eine andere Sprechweise der politischen Praxis - quasi ihre abstrahierte Übersetzung in die akademische Sprache.

c) Die politische Praxis braucht keine Theorie: Diese Aussage würde darüber hinweggehen, dass uns die Theorie durch ihre Abstraktion ermöglicht, Gesellschaft nicht nur unmittelbar zu denken. Sie gibt uns wertvolle Instru-mente in die Hand, die uns stark machen. Sie kann eine Hilfe sein, unser politisches Erbe zu verwalten, zu verstehen und Verbindungen von vergangenen und gegenwärtigen Kämpfen aufzutun. Mir persönlich helfen meine akademischen Auseinandersetzungen in meinem politischen Aktivismus sehr weiter. Ich würde viele Machtverhältnisse nicht begreifen und nicht gegen sie angehen können, ohne meine theoretischen Auseinandersetzungen. Allerdings würde ich, wenn ich nicht auch politisch aktiv wäre, meine akademischen Auseinandersetzungen nicht als politische Praxis, sondern schlicht als politisch bezeichnen.

d) Vielleicht muss man diese Frage einfach ihrer Ungeklärtheit überlassen und die Frage selbst als eine politische Diskussion ansehen, die wir immer wieder führen müssen, um die Balance zu halten.

Thea: Für mich stimmt sie ein Stück weit. Es wäre sicherlich besser, die politische Praxis unterschiedslos auch ins akademische Alltagsleben mit hineinzutragen, aber das funktioniert für mich nur auf der persönlichen Ebene, in Bezug auf meine Vorstellungen von Miteinander und Solidarität und (ein Stück weit) in Bezug auf die Wahl meiner Themen und die methodischen Ansätze. Im Hinblick auf die symbolische Ebene, auf offenen Widerstand und fundamentale Kritik bestehender Strukturen (und der Menschen, die sie gestalten) funktioniert es oft nicht; ich habe oft nicht die Kraft und auch keine Lust, alle Widersprüche, Hierarchien und politischen Ärgernisse in deutschen Universitäten permanent zu benennen und zu bekämpfen. Ein Stück weit leben wir alle glaube ich in unserem Arbeits-alltag mit permanenten Widersprüchen, die auszuhalten je nach Kontext Kraft sparen kann, oder aber so erdrückend werden kann, dass ein offener Bruch dann doch sehr befreiend wirkt.

Bea: Für mich haben politische und akademische Praxis eine große Schnittmenge. Meine politische Praxis hat überhaupt erst mein Inte-resse für Wissenschaft geweckt, lässt mich bestimmte Themen bearbeiten oder Fragen stellen. Andersrum hat meine wissenschaftliche Arbeit mich politische Zusammenhänge besser verstehen lassen und auch meine strategische Perspektive beeinflusst. Das Ziel politischer und akademischer Praxis ist für mich immer das gleiche: Gesellschaft zu verändern.

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Erschienen in arranca! #49

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