Anders leben (auch) mit Kind(ern)

Über alternative Familien, Beziehungsmodelle und die Linke

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Inspiriert von der Selbstbefragung der Berliner Queer_Feminismus-AG in der IL fanden sich Tim (IL Tübingen), Mila (IL Berlin) und Jana zusammen um ihre Erfahrungen, Abwägungen und Utopien individueller Bedürfnisbefriedigung, alternativer Lebensformen und Reprodukionsarbeit zu diskutieren.

¿Ich würde gerne anfangen mit der Frage, was euch an dem Thema bewegt. Wie seid ihr darauf gekommen euch damit zu beschäftigen?

Tim: Mit Reproduktionsarbeit und dem ganzen Care-Bereich habe ich mich im Rahmen der Tübinger IL-Gruppe länger auseinandergesetzt, vor allem erst mal theoretisch. Wir haben als Tübinger Gruppe hierzu längere Diskussionen geführt und einige Veranstaltungen gemacht. In unserer QueerFem-AG haben wir uns an einigen Aktionen versucht, unter anderem waren wir beim Care-Mob bei Blockupy in Frankfurt.
Ein Moment, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war eine Veranstaltung auf der Care-Revolution Konferenz zu Sexarbeit. Aus dem Publikum kam ein Kommentar, dass Sexualität ja nicht nur Arbeit ist, sondern eben auch befreiendes Potential haben kann. Schließlich stieß ich durch die letzte Ausgabe der arranca! wieder auf den Zusammenhang von Begehrensformen und alternativen Formen der Reproduktionsarbeit und darauf was das mit Organisierung zu tun hat.

Jana: Meine Fragen rund um Repro-Gerechtigkeit und Formen_Normen des Zusammenlebens haben sich immer parallel zu meiner eigenen Elternschaft ergeben und sich darüber unter anderem zu Fragen politischer Organisation entwickelt. Als ich mich entschieden habe, zu dritt Eltern für ein Kind zu sein, hatte das zwar auch politische Gründe. Gleichzeitig haben sich meine Überlegungen, Zweifel und Überzeugungen im Laufe des Älterwerdens des Kindes und rund um meine Vernetzung mit anderen in „nicht-konformen Familienformen“ lebenden Menschen entwickelt. Damit meine ich die, die sozusagen „mit Absicht“ von gängigen Familienidealen, wie zwei Erwachsene, Liebesbeziehung, hetero, spezifische Geschlechteranforderungen etc. abweichen.
Und meine Perspektive hat sich erweitert: Zu Beginn war ich eher durch ein im Rückblick etwas unterkomplexes „yeah, gemeinschaftlich leben!“ motiviert. Heute finde ich es weiterhin super für Kinder und Erwachsene, eigene, kollektivere Wege im Zusammenleben zu suchen, aber sehe auch die Hürden durch gesellschaftliche Strukturen und Normen.
Ich glaube, dass Eltern- und vor allem Mutterschaft mit vielen teils widersprüchlichen Anforderungen überlastet ist, dass es schädlich für die Beziehungen aller Beteiligten ist, diese nicht zumindest in Frage zu stellen. Kleinfamilie bedeutet neben dem Versprechen von Geborgenheit häufig einen Ort von Gewalt und reaktionären Geschlechterverhältnissen. Das zu ent-individualisieren finde ich weiterhin super-wichtig und politisch – ohne bisher den Goldenen Weg der konkreten Alternative gefunden zu haben.

Mila: Bei mir ist es eine Mischung aus politischen und persönlichen Motiven, die mich geleitet haben meine familiären Lebensentscheidungen auch im „non-konformen“ Bereich zu treffen. Mir war es wichtig, dass meine Kinder nicht nur mit zwei Bezugspersonen aufwachsen. Ich wollte, dass meine Kinder die Möglichkeit haben sich bei verschiedenen Menschen das abzuholen, was sie brauchen, dass ihnen also eine größere Vielfalt zur Verfügung steht. Trotzdem haben wir uns entschieden zwei Eltern zu sein, die die Hauptverantwortung tragen, hauptsächlich, um die Komplexität unserer Abstimmungs- und Abhängigkeitsbeziehung zu reduzieren. Unsere Lösung war, Menschen in unserem Umfeld zu finden, die eine eigenständige und dauerhafte Beziehung zu einem unserer Kinder haben wollen. Wir nennen sie Pat*innen und unsere zwei Kinder haben je drei Pat*innen, die sie alle ein bis zwei Wochen sehen. Für uns ist es eine win-win-win Situation. Als Eltern sind wir entlastet, die Kinder freuen sich über ihre Freund*innen und die Pat*innen haben eine dauerhafte Beziehung zu einem Kind, ohne volle Verantwortung als Eltern zu tragen. Darüber hinaus habe ich mich für eine Elternschaft in Freundschaft entschieden; das heißt ich und die andere Mutter waren, sind nicht und wollen keine Liebesbeziehung sein. Das alles hat für mich viel mit Verhandlung zu tun über Bedürfnisse, Rücksichtnahme, Konflikte und Grenzen.

¿Machen all diese Bestrebungen ein alternatives Leben zu organisieren euer Leben gerade lebenswerter, vereinfachen sie es oder machen sie es komplizierter?

Tim: Meine Partnerin und ich haben glücklicherweise in einem Wohnprojekt eine größere WG gefunden, in der wir mit unserem Kind zusammen mit anderen Familien und nicht-familiär gebundenen Personen zusammenleben. Ich empfinde das als sehr bereichernd. Ich habe viel Austausch und Kontakt mit anderen, wir können uns immer wieder gegenseitig unter die Arme greifen. Wir kochen abends zusammen, nette Begegnungen sind fast immer garantiert. Auch für mein Kind ist es bereichernd, nicht nur mit uns in Kontakt zu sein, sondern auch von anderen Aufmerksamkeit und Zuneigung zu bekommen. Es ist aber auch viel Abstimmung und Aushandlung von Bedürfnissen und Vorstellungen notwendig. Das klappt nicht immer und ist relativ zeitintensiv. Trotzdem finde ich das total schön. Anders zu leben kann ich mir gerade nicht vorstellen.

Mila: Also, mein Leben ist für mich so lebenswerter – einfach, weil es besser zu mir passt. Aber es ist auch ganz schön komplex. Dass es aber komplexer sei, als das Leben anderer, glaube ich nicht. Vielleicht ist es anders komplex. Ich empfinde das so, dass Aushandlungsprozesse in einer Elternschaft in Freundschaft oftmals klarer hervortreten. Es gibt kein Rollenmodell und wir laufen nicht in die Falle, dass das so sein muss, weil Liebesbeziehungen das nun mal so tun, wenn sie Eltern sind. Wir merken oft, dass es keine Regelung gibt und müssen eine erfinden. Gleichzeitig hat sich unsere Freundschaft radikal verändert. Hauptsächlich hat sich die Unverbindlichkeit und Freiwilligkeit unserer Freundschaft in eine hochgradig von einander abhängige Beziehung verwandelt. Wenn ich ein Wochenende wegfahren will, muss ich das verhandeln. Wer wann ausgehen kann, müssen wir verhandeln. Wenn eine krank wird, hat das mitunter extreme Auswirkungen auf das Leben der anderen. Das ist nichts, was uns von anderen Elternschaften unterscheidet – nur ist es ungewöhnlich für Freundinnen. Oft ermöglichen die Pat*innen viele dieser direkten Konsequenzen abzufedern, aber dieses Netzwerk stützt nicht nur, sondern braucht auch Pflege. Rein wohnlich leben wir übrigens gerade eher klassisch als Eltern mit den zwei Kindern in einer Wohnung.

Jana: Ich kenne das Gefühl, mich als autonomieorientierter Mensch etwas „gefangen“ in der Verantwortung und Verbindlichkeit meines Familienkonstrukts zu fühlen – und trotzdem käme ich nicht auf die Idee, dass eine „traditionellere“ Form es einfacher machen würde. Ich liebe mein Kind und meine Beziehung zu ihm, und die ist ja ganz wesentlich geprägt davon, dass ich die Momente mit ihm seit acht Jahren eigentlich nie als „Last“ empfinde, weil ich Raum habe, meine weiteren Bedürfnisse anders zu organisieren. Im Gegenteil vermisse ich manchmal mehr gemeinsamen Alltag. Dadurch, dass die beiden anderen Erwachsenen zwar ganz klar „Familie“ und wichtige Leute, aber nicht meine engsten Alltagsbezugspersonen sind und ich auch nur mit einer von ihnen zusammenlebe, fühlt sich das manchmal etwas abgespalten an. Und bisweilen frag ich mich, wie eng mein Wunsch nach Unabhängigkeit mit neoliberalen Diskursen zu Flexibilität und Verfügbarkeit zusammenhängt.
Außerdem positiv: Unsere Konstellation ermöglicht mir dadurch, dass wir unsere eigenen Rollen definieren müssen, mich weniger am „Mutterbild“ abzuarbeiten, gegen das ich seit Beginn meiner „mutterisierten“ Lebensphase eine ziemliche Allergie entwickelt hab.
Ein Unterschied zu meiner fiktiven Idee von Kleinfamilie besteht darin, dass wir ja alles nicht nur miteinander – drei Erwachsene und ein Kind – verhandeln, sondern dann gibt es noch das zweite Kind des einen Elternteils, dessen anderes Elternteil, die jeweiligen Großeltern, das Hausprojekt, weitere wichtige Menschen in den Leben der einzelnen.

¿Habt ihr das Gefühl, dass politische Projekte oder Gruppen euch bezüglich eures Lebens mit und wider die Mühen der reproduktiven Organisationsfragen unterstützen sollten? Wenn ja kennt ihr welche? Welche Unterstützung bzw. Haltung würdet ihr euch wünschen?

Jana: Also! Ich fänd total cool, wenn es ähnlich der Selbstverständlichkeit von Vokü/Küfa auf den meisten Großveranstaltungen begleitete Räume gäbe, in denen sich Kinder, die nicht beim Programm dabei sein können/wollen, aufhalten können. Oder: eigenes Programm für sie! Auch Kinder befassen sich mit politischen Themen, es braucht nur kindgerechte Formen jenseits von Indoktrinierung.

Mila: Ja, das finde ich auch!

Jana: Und ich will keine Witze mehr über Kinder oder Eltern oder ausgedachte „Prenzlauer Berg-Muttis“ hören: Check your Adultismus, linke/queere Szene. Und Sexismus, in Bezug auf die „Muttis“. Und ich find es toll, wenn Babys bei Veranstaltungen dabei sind, und Leute sollen sich nicht so haben, wenn sie Geräusche machen. Das ist meistens nicht störender, als wenn jemand hustet.

Tim: Was ich total wichtig finde ist, dass politische Strukturen so sind, dass ich mich auch mal weniger beteiligen kann, wenn ich im familiären Bereich stärker gefordert bin. Aber auch dass die Plenumszeiten nicht zu früh und nicht zu spät sind.

Mila: Ich finde generell eine Haltung in politischen Gruppen oder Strukturen nötig, die es ermöglicht unterschiedliche Zugänge, Bedürfnisse und Notwendigkeiten möglich zu machen. Das fängt bei der Barrierefreiheit an und geht über Ausschlüsse durch Sprache, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeiten, Geld, Bildung etc.

Jana: Ja, definitiv. Und ich find wichtig, als Elter* klar zu haben, dass ich keine gesellschaftlich diskriminierte Gruppe bin. Ich glaube, manchmal passiert es, dass der Umstand, dass Menschen mit Verantwortung für Kinder in „der Szene“ wenig mitgedacht werden, anderen Ausschlüssen gleichgesetzt wird.

Tim: Stimme ich zu und denke,  dass es eine inhaltlich-strategische Frage ist, wie politische Organisationen sich auf Reproduktionsverhältnisse beziehen. Also ob es beispielsweise auch ein politisches Ziel einer größeren Kampagne sein kann, konkrete Projekte durchzusetzen, die andere Reproduktonsverhältnisse und Beziehungskonzepte ermöglichen.

Mila: Stimmt, Zugang ist definitiv nur ein Minimum. Ich freue mich sehr, wenn ich das Gefühl habe, dass Reproduktionsarbeit und ihre gesellschaftliche Regelung politisch thematisiert und als politische Frage begriffen wird, die wir verändern können.

Jana: Es gibt von den NaturFreunden Berlin eine ganz spannende Reihe namens Salon gegen den Ausstieg, die sich mit solchen Fragen beschäftigt. Und in den letzten Jahren war für mich das selbst-organisierte, queer_feministische Wer lebt mit wem-Sommercamp wichtig und lehrreich. Einmal, weil es in seiner Planung sehr darum bemüht ist, konsequent die Perspektiven von Kindern und Bezugspersonen von Kindern mitzudenken. Zum Beispiel gibt es still- und kinderfreundliche Optionen beim Essen, eine feste Struktur zur Kinder-Begleitung/Betreuung und einen extra Programm-Plan für jüngere Menschen. Inhaltlich geht es um Austausch und Vernetzung um all die Themen dieses Textes und noch einige mehr.

¿ Welche politische Bedeutung hat die Art, wie Liebesbeziehungen und Sexualität
heutzutage so organisiert werden für euch im Kontext  alternativer Lebensgestaltung?

Tim: Um nochmal auf den Anfang zurückzukommen: Als ich die arranca! las, war ich einer Gemeinschaft zu Besuch, die mit Liebes- und Beziehungsformen experimentiert. Besonders spannend fand ich, dass dort großer Wert darauf gelegt wird Umgangsformen zu entwickeln, die andere Liebes- und Beziehungsformen erleichtern. Beispielsweise gibt es regelmäßige Treffen für Menschen mit offenen Beziehungen, um sich auszutauschen. Ich würde sagen, das ist ein Versuch eine materielle Praxis zu entwickeln, die der Dominanz der bürgerlichen Kleinfamilie konkret was entgegensetzt. Leider gibt es in der Linken, die ich so mitbekomme, wenig positiven Bezug auf solche Versuche. Ich hab aber das Gefühl, wenn man über kollektive Formen der Reproduktion nachdenkt, hängt da die Frage nach andere Begehrens- und Beziehungsformen mit drin. Oder andersherum hatte ich den Eindruck, dass sich in dieser Gemeinschaft, durch die kollektiveren Liebesformen auch die Frage der kollektiven Reproduktion drängender stellt.
Die Lücke zwischen dem politischen Aktivismus und Fragen der persönlichen Reproduktion, die die Queer_Fem-AG der IL Berlin in ihrer Selbstbefragung festgestellt hat (siehe Seite 50), liegt glaube ich ein Stück weit darin, dass der Bereich der konkreten Lebensgestaltung, also auch Liebes- und Beziehungsformen nur in Ansätzen kollektiv verhandelt wird und auch selten Teil der politischen Strategie ist.

Mila: Es sind meine Entscheidungen, wie ich meinen Wunsch eine Familie zu haben, meine Sexualität und Liebesbeziehungen leben möchte. Ich finde es schwierig zu sagen, diese oder jene Lebensweise sei progressiver, weil es immer auf individuelle Kontexte und Entscheidungen ankommt, ob mensch eher mono- oder polyamor, allein, zu zweit oder zu vielen sich sorgen mag oder welche Form von Sexualität ein Mensch leben mag. Die politischen Gruppen und Strukturen in denen ich bisher war, haben mich in den Fragen wenig unterstützt. Es gab meist keine politische Thematisierung und keine oder nur wenige Menschen darin, die auch irgendwie Wege neben der Norm eingegangen sind bzw. als solche sichtbar waren. Deshalb wäre meiner Meinung nach der erste Schritt eine Sichtbarmachung von Wahlmöglichkeiten. Jeder Mensch kann und darf sich entscheiden, welche Rolle und Form Sexualität und Liebesbeziehungen in seinem*ihrem Leben spielt. Wenn in meiner Politgruppe scheinbar alle in heteronormativen monogamen Zweierbeziehungen leben und niemals Wahlmöglichkeiten mitgedacht werden, dann muss ich mir ja andere Strukturen suchen, die mir Unterstützung bieten. Da würde ich mir mehr Verzahnung wünschen!

Jana: Meine politische Sozialisation hängt eng mit diesen Themen zusammen. Ich bin mit zwanzig in ein Zuhause zwischen Kommune und Land-WG gezogen, nicht so viel später kam das Kind in mein Leben und über das Wer-lebt-mit-wem-Camp und eine „queer_feministische Szene“ kreiste ich eine Weile ziemlich um das „Private im Politischen“. Insofern teile ich die Erfahrung nicht, dass das in meiner Subszene nicht genug Platz hätte. Was mich nicht davor bewahrt, durch schädliche Beziehungsnormen geprägt worden zu sein und mit der konkreten Umsetzung von Alternativen in meinem eigenen Leben zu hadern.
Im Gegenteil finde ich immer mehr, dass klassistische, antirassistische, antikapitalistische etc. Aspekte in diesen Diskussionen nicht differenziert mit bedacht werden. Was ich anstrengend finde, ist der Kontakt zu der sogenannten Mehrheitsgesellschaft und ihren Vorstellungen von „normalen“ Beziehungen. Kita, Schule, Kinderärztin, öffentliche Verkehrsmittel, Lohnarbeit – manchmal kommt es mir vor, als stünde ich ständig vor der Entscheidung, falsche Vorannahmen stehen zu lassen oder mich mit meiner ganzen Lebensgeschichte nackt zu machen. Für mich allein kann ich die Entscheidung ganz gut situationsbezogen treffen, aber für mein Kind tut es mir leid, dass es sich und seine Lebensrealität oft erklären muss.

zum Weiterlesen
Christina Caprez: Familienbande
Victoria Law, China Martens: Don't leave your friends behind. Concrete Ways to Support Families in Social Justice Movements and Communities.
Holger Lendt, Lisa Fischbach: Treue ist auch keine Lösung. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe.

und im Internet
fuckermothers.wordpress.com
wer-lebt-mit-wem.de
gemeinsameltern.blogsport.de
care-revolution.org

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Erschienen in arranca! #49