Queer-feministische Politik und Inter*-Bewegung

Neuentdeckung eines unbekannten Kontinents?

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Trotz weltweit vehementer Proteste gibt es auch in Deutschland weiterhin viele Kliniken, die geschlechtsverändernde bzw. kosmetische Genitaloperationen und Sexualhormonbehandlungen an intergeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen durchführen – ohne deren Zustimmung oder auf der Grundlage manipulativer Informationen (etwa, dass die Gonaden wegen eines Krebsrisikos beseitigt werden müssten). In den letzten Jahren bekunden immer mehr queer-feministische Zusammenhänge ihre Solidarität mit den Forderungen von Inter*-Organisationen – endlich, so ist zu hoffen, ist der Stein ins Rollen gekommen und die Proteste gegen die menschenrechtsverletzende Praxis der Medizin weiten sich aus. Leider zeichnen sich aber die solidarischen Aktivitäten nicht selten durch politische Naivität aus. Flugblätter, Artikel usw. lesen sich, als leisteten die Autor_Innen Pionierarbeit auf einem unerschlossenen Kontinent. Und oft gleicht der Stil der sensationslüsternen Tabubruch-Rhetorik in der Mainstream-Medienberichterstattung über Intersexualität. Tatsächlich gibt es aber nicht erst seit vorgestern Verbindungen zwischen queer-feministischer Politik und Inter*-Aktivismus. Welche Funktion hat es also, Intergeschlechtlichkeit (scheinbar) von Neuem zu entdecken, statt sich in die bestehenden Diskussionen einzuarbeiten und damit auseinanderzusetzen?

Ein sprechendes Beispiel dafür ist ein Beitrag von Anja Gregor in der letzten arranca! Die grundlegende Intention des Artikels, auf die Situation intergeschlechtlicher Menschen und ihre Forderungen aufmerksam zu machen, ist anzuerkennen. Aber es müssen auch Probleme benannt werden, die nicht nur diesen Beitrag durchziehen. Zunächst einmal ignoriert der Artikel schlichtweg unterschiedliche Positionen in der Inter*-Bewegung. Organisationen wie Intersexuelle Menschen e.V. (IM e.V.) und die Internationale Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) kritisieren die Menschenrechtsverletzungen durch die Medizin und fordern ein sofortiges Ende chirurgischer und hormoneller Eingriffe ohne Zustimmung der Betroffenen. Aber von dieser Gemeinsamkeit abgesehen positionieren sich die beiden Organisationen deutlich unterschiedlich hinsichtlich der Radikalität ihrer Kritik. So fordert IVIM zuallererst einen Bruch mit der Definitionsmacht der Medizin, denn „Intergeschlechtlichkeit ist kein medizinisches Problem, sondern ein gesellschaftlich-politisches Thema.“ Die Organisation vertritt dabei deutlich Standpunkte, die von queerer Heteronormativitätskritik getragen sind und prangert die heterosexualisierte Zwei-Geschlechter-Ordnung an. Während IM e.V. die „Einarbeitung des Begriffes ‚Intersexualität’ in geltendes Recht“ erreichen möchte und für die Möglichkeit votiert, intergeschlechtliche Neugeborene als „zwischengeschlechtlich/intersexuell/zwittrig“ im standesamtlichen Geburtenregister zu melden, fordert IVIM die Abschaffung der Geschlechtsregistrierung. Ersteres ist eine Integrationsstrategie, zweiteres eine grundsätzliche Infragestellung der staatlichen Kontrolle über die Geschlechtszuordnung. Dies sowie die radikale Medizinkritik resultieren aus queer-politischen Überlegungen, die IVIM im Austausch mit der AG 1-0-1 intersex, AG TransInterGenderSex und TrIQ e.V. erarbeitet hat. Inhaltliche Überschneidungen bzw. ein produktiver Austausch zwischen Inter*-Organisationen und queer-feministischen Zusammenhängen existieren also.
Zwar ist nicht zu übersehen, dass sich einzelne intergeschlechtliche Menschen von der queer-feministischen Szene lautstark distanzieren (und dabei auch nicht vor haltlosen Diffamierungen und homo- sowie transphoben Äußerungen zurückschrecken). Diese sind jedoch nicht repräsentativ für die Inter*-Bewegung im Ganzen. Nichtsdestotrotz scheint in Gregors Beitrag die ablehnende Hal-tung einzelner Inter*-Aktivist_innen die Wahrnehmung der Inter*-Bewegung allgemein zu bestimmen. Aber selbst wenn das stimmen würde, bliebe es fraglich, ob es „Aufgabe der Queers“ sein müsse, „an ‚Intersex’-Aktivist_innen mit dem Wunsch nach Zusammenarbeit heranzutreten und die Möglichkeit des Zutritts zu ‚intersexuellen Räumen’ zu erfragen (…), anstatt wohlgemeinte Einladungen in spezifisch privilegierte queere Räume auszusprechen: ‚Intersex’-Aktivist_innen wären in diesen Räumen gezwungen, sich als De-Privilegierte zu unterwerfen und also ihre Politik – wie bisher – den Queer-Politiken nachzuordnen.“ Was für ein verdrehter Akt des othering! Diese Menschen vom anderen Planeten könnten ja empfindlich sein, dabei brauchen sie doch „unsere“ Hilfe! Der Appell offenbart aber auch einmal mehr, dass in der queer-feministischen Szene nicht wenige weiterhin davon ausgehen, in „queeren Räumen“ „unter sich“ zu sein – intergeschlechtliche Menschen halten sich ja schließlich nur in „intersexuellen Räumen“ auf?! Die affirmative Abgrenzung von „intersexuellen“ und „queeren Räumen“ ist undifferenziert und geschichtslos. Dabei findet die homogenisierende Darstellung der Positionen von Inter*-Organisationen ihr Gegenstück in der reduktiven Schilderung queer-feministischer Auseinandersetzungen mit der Inter*-Bewegung.

Gemeinsame Aktivitäten werden bislang immer nur von wenigen Menschen getragen, weshalb die politische Arbeit häufig stagniert. Zweifel entstehen daher an der Ernsthaftigkeit so mancher Solidaritätsbekundungen, die sich durch Aktionismus statt kontinuierliche Auseinandersetzung auszeichnen. Es drängt sich die Frage auf: Ist Intergeschlechtlichkeit immer nur so interessant, wie sie als angebliche terra incognita eine Neuentdeckung verheißt?

1993 gründete sich in den USA die Intersex Society of North America (bestand bis 2008). In Deutschland entstand 1996 die Arbeitsgemeinschaft gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (inzwischen aufgelöst). 1998 organisierte sich die Selbsthilfegruppe XY-Frauen; aus ihr ging 2004 Intersexuelle Menschen e.V. hervor. 2003 entstand das weltweite Netzwerk Organisation Intersex International. Seit 2008 ist auch eine deutsche Sektion aktiv, die Internationale Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen.
Erstmals veröffentlichten 1990 Suzanne Kessler, Julia Epstein und 1993 Anne Fausto-Sterling feministisch-queere Kritiken der Intersex-Medizin; es folgten viele weitere Publikationen.
In Deutschland begann die politische Zusammenarbeit 1996 mit der Gründung der AGGPG. Es gab zum Beispiel gemeinsame Proteste anlässlich von Mediziner-Kongressen sowie öffentliche Veranstaltungen. Beteiligt an solchen Aktionen waren unter anderem die AG Polymorph, AG Gender killer, AG TransInterGenderSex, AG 1-0-1 intersex (2005 mit der Ausstellung 1-0-1 intersex. Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung) und TransInterQueer e.V.

Zum Weiterlesen

GID-Spezial Nr. 9: Aus dem Bio-Baukasten – Sexy Gene, 2009
Joke Janssen: Theoretisch intersexuell – Wie intersexuelle Menschen zwischen den Zeilen bleiben, in: AG Queer Studies (Hrsg.): Verqueerte Verhältnisse. Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen, Hamburg 2009.
NGBK e.V. (Hrsg.): 1-0-1 [one 'o one] intersex. Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung. Ausstellungskatalog, Berlin 2005.

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Erschienen in arranca! #44

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