Mahlzeit! Postautonome in der Gewerkschaft

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Mahlzeit! Die Schlange in der Betriebskantine hinter mir wird länger. Bunt bebrillte Frauen und Männer im fortgeschrittenen Alter stellen sich an. Auch den wenigen Unter-40-Jährigen scheint das Hemd schon über dem Bauch zu spannen. Mittagspause in der ver.di-Bundesverwaltung. Eine halbe Stunde über die Arbeit, die Nachrichten oder den letzten Wochenendausflug sprechen. Mein Blick schweift durch den Raum. Hannelores und Hartmuts sind überrepräsentiert. Kaum Nichtdeutsche, kaum jüngere Leute, keine Infos oder Politflyer auf dem Tisch. Wer hier arbeitet, koordiniert Tarifrunden, verwaltet Mitglieder oder setzt sich für Mindestlöhne oder Gute-Arbeit-Indexe ein. Und das routiniert, in mehr oder weniger eingeübten Abläufen mit klaren Zuständigkeiten.
Aber was heißt es, wenn man soziale und betriebliche Kämpfe für essenziell hält – und die damit verbundene gesellschaftliche Organisation, in der man arbeitet, mitunter wie eine Behörde funktioniert? Zunächst, dass sich im täglichen Organisationsoutput wenig von der Vision einer konfliktbereiten Bewegungsgewerkschaft findet, die in den Debatten um die Revitalisierung der Gewerkschaften ab und zu aufscheint. Zu wenig Organizing, zu viel klassische Lobbyarbeit, zu wenig Offenheit gegenüber sozialen und linken Bewegungen, zu viel Gremienkultur und Landesbezirksfachbereichsfachkreise, zu wenig gemeinsam an einem Strang ziehen. Zu viel Formalismus, zu wenig kreative Antworten auf die alltägliche neoliberale Meinungsmache. Über Schritte zur Überwindung der schlechten Verhältnisse brauchen wir erst gar nicht reden. Doch an welchem Ort politischer Lohnarbeit stellt sich diese Frage überhaupt: an der Uni, in der Erwachsenenbildung, bei den politischen Stiftungen? Jenseits der dort im besten Fall betriebenen Aufklärung und kritischen Bewusstseinsbildung haben die Gewerkschaften noch immer einen Bonus auf ihrer Seite, der bei der Orientierung auf soziale Kämpfe unschwer ignoriert werden kann: „Gewerkschaften appellieren nicht nur, sondern sind darauf angelegt, Erzwingungswirkung im Zentrum der Ökonomie zu entfalten“, nennt es der ehemalige ver.di Hauptamtliche Werner Sauerborn etwas formalistisch (ak 557).
Wenig überraschend, dass Linke in konjunkturellen Abständen auf kaum einen gesellschaftlichen Player soviel Hoffnung projizieren wie auf die Gewerkschaften. In früheren Zeiten betraf dies eher die traditionellen Milieus wie Trotzkisten und Parteilinke, in deren politischen Strategien die Gewerkschaften eine zentrale Rolle als verfasste organisierte Macht der Beschäftigten und Transformationsriemen der politischen Bewusstseinsbildung einnahmen. Wenn man die Arbeiterklasse erreichen wolle, müsse man sich als Linke an die Spitze dieser Organisationen setzen. In dieser Avantgardismus-Konzeption wird der Führung die Allmacht über die Klasse zugewiesen. Der allzeit vorhandene Kampfeswille der Beschäftigten wird durch mangelnde Konfliktbereitschaft und die Mauscheleien der Führungen gedeckelt. Es gibt nur wenige Erklärungsansätze mit solch einer Schnittmenge bei unterschiedlichsten Linken wie der regelmäßig wiederholte Vorwurf des Einknickens der Gewerkschaftsspitzen. Wegen dieser Fixierung auf die Führung werden viele aktuelle Entwicklungen wie die zeitweise starke Zunahme von Streiks in den letzten Jahren, zum Beispiel der ErzieherInnen-Streik, nicht mehr wahrgenommen.

Wie erklär ich‘s meinen GenossInnen?

Mittlerweile finden sich vermehrt Linke aus den so genannten postautonomen Strukturen in hauptamtlicher Position, für die die Gewerkschaften nie ein besonderer Referenzpunkt waren – wenn auch die beschriebene Subjektivierung von Schwäche ebenso verbreitet ist. Dennoch heißt es bei FelS regelmäßig diplomatisch, dass bei den Gewerkschaften nicht von einem „monolithischen Block“ gesprochen werden könne. Peter Birke schreibt: „Die Gewerkschaften sind mal kämpferisch-autonom, mal staatstragend-regulativ, mal bürokratisch, mal politisch und aktivistisch, nicht selten alles zugleich.“
Also: Was bedeutet dies? Und wie erklär ich‘s meinen GenossInnen? Der Versuch, Transparenz in diese widersprüchlichen Bewegungen und die dahinterliegenden Dynamiken zu bringen, ist keine leichte Aufgabe. Der eigene Blick auf die Zusammenhänge entsteht dabei nicht über das Organizing, über das viele Bewegungslinke in den letzten Jahren in die Gewerkschaften eingestiegen sind. Damit sind sie Teil einer gewerkschaftlichen Erneuerung, die von vielen Linken aufgrund ihrer konfliktorientierten Ausrichtung mit Sympathie verfolgt wird. Der subjektive Vorteil dessen ist im Zweifelsfall, dass das Legitimations- und Identitätsproblem verringert ist, das antiautoritäre Linke mit dem Einstieg in die Gewerkschaftsbürokratie unweigerlich erreicht. Der persönliche Hintergrund ist also nicht die Betreuungs- oder Organizingarbeit vor Ort, sondern ein Querschnittsbereich an der Schnittstelle Mitgliederkommunkation und Öffentlichkeitsarbeit, digitale Demokratisierung der zweitgrößten Gewerkschaft Deutschlands, die Einbeziehung prekär arbeitender Mitglieder, die Überwindung von Berufsgruppendenken, der Ausbau von Kritik- und Beteiligungsmöglichkeiten innerhalb der Organisation.
Ähnlich wie im Organizing geht es um die Stärkung basisdemokratischer Ansätze und des Bewusstseins für kollektives Handeln gegen schlechte Verhältnisse. Hat man damit schon den Emanzipations-TÜV linksradikaler Gruppen bestanden? Kann man die politischen Praxen einer FelS-Sozial-AG und einer DGB-Einheitsgewerkschaft überhaupt miteinander in Bezug setzen, geschweige denn gegenseitig transformieren? Die Frage klingt aus linker Perspektive fast schon naiv. Verlässt man aber unvereinbar erscheinende Positionen wie die Kritik bzw. die Affirmation von Lohnarbeit als zentraler Vergesellschaftungsinstanz und wendet sich eher der Frage zu, wie soziale Prozesse der Solidarisierung und des Aufbegehrens gegen Ausbeutung organisiert werden können, wird es wieder interessant. Denn auch der positive Bezug auf Repräsentationsstrukturen, wie er bei einer Betriebsratsgründung gegeben ist, kann gleichzeitig als ein Akt der Selbstermächtigung betrachtet werden. In anderen Bereichen erscheint die Kultur des linksradikalen Besserwissens absurd, vergegenwärtigt man sich, wie wenig Organisierungsprozesse im Bereich der Lohnarbeit tatsächlich jenseits gewerkschaftlicher Strukturen erfolgreich aufgebaut wurden. Misst man Linke, die in ähnlichen Bereichen arbeiten, an der Aussage, dass „die gesellschaftliche Emanzipation der ArbeitnehmerInnen letztlich nur über die Überwindung der kapitalismusgemachten Konkurrenz untereinander möglich“ ist (Sauerborn im ak 557), fällt das Urteil nüchtern aus. Wo gibt es schon von prekären wissenschaftlichen Beschäftigten, unter denen sich viele Linke tummeln, erkämpfte kollektive Regelungen, die, um es überspitzt zu formulieren, die Konkurrenz entschärfende Wirkungen entfalten wie das Prinzip eines Flächentarifvertrages, der gleiche Arbeitsbedingungen für Beschäftigte aus miteinander konkurrierenden Kaufhäusern und Supermärkten regelt?

Marsch durch die Institutionen?

Jetzt ist es schon soweit, die Anpassung an den gewerkschaftlichen Minimalismus deutet sich bereits an. Im gedanklichen Hintergrund dudelt schon der Longplayer vom „Marsch durch die Institutionen“, die linke Meta-Erzählung über das Weichgespültwerden und Kompromissemachen im Zuge von Job-Einstiegen in politische Institutionen. In den letzten Jahren hat diese Erzählung wieder Futter bekommen, gilt doch bei vielen Linken als ausgemacht, dass Institutionen wie Gewerkschaften und Linkspartei beharrlich die Erfahrungen und das Engagement von BewegungsaktivistInnen abschöpfen, um die eigenen Mobilisierungs- und Organisierungsdefizite zu kompensieren. Von den entsprechenden AktivistInnen würde im Gegenzug zu ihrer Einbindung der Kotau vor den Positionen der Gewerkschaftsführung verlangt, die vielfach noch mit der SPD eng verzahnt ist.
Aus vielerlei Gründen glaube ich nicht an diese Logik. Zum einen würde es voraussetzen, dass es von Gewerkschaftsseite diesbezüglich ein zielgerichtetes Handeln gäbe und die Probleme erkannt würden. Hier herrscht meist Fehlanzeige. Zum anderen basiert diese Denkrichtung auf der Erhöhung der eigenen Bedeutung als radikale Linke oder soziale Bewegung für die Apparate. Vieles wäre einfacher, wenn dem so wäre. Denn statt ernsthaft Bündnisarbeit mit BewegungsakteurInnen zu forcieren und sich den damit verbundenen politischen Auseinandersetzungen zu stellen, werden entsprechende Arbeiten lieber an Kommunikationsagenturen outgesourct, die mitunter auch das mobile Personal stellen.

Bleibt noch die autoritäre Tradition und der mitunter durchscheinende sozialdemokratische Stalinismus. Der erhoffte klare Gegner, Quell der Anpassung und Kompromissbereitschaft, vor dem man sich in Acht nehmen muss, wenn die eigene Einflussnahme nicht gleich wieder beendet sein soll. Tatsächlich wundert man sich in Gesprächen mit KollegInnen regelmäßig, wieviele Mitglieder die SPD noch hat.
Und doch hat man den Eindruck, dass es nicht diese alten Beziehungen und personellen Überschneidungen sind, die die im großen Rahmen noch immer sozialpartnerschaftlich ausgerichtete Politik der Gewerkschaften bestimmen und kämpferische Positionen verhindern. Stattdessen kommen habituelle Strukturen zum Tragen, die schwer zu knacken sind. Die „so haben wir das schon immer gemacht“-Haltung wird durch die Fixierung auf die regelmäßig stattfindenden großen Tarifrunden unterstützt. Angesichts der mehr oder weniger gleich lautenden Forderungen, Argumentationen und abschließenden Tarif-ergebnisse stellt sich spätestens alle zwei Jahre der Déjà-Vu-Effekt ein. Ritualisierte Abläufe und Organisationsfolklore, die jedoch kein spezifisch gewerkschaftliches Phänomen sind, sondern sich auch bei Erster Mai- und Gipfelmobilisierungen und Studierendenprotesten wiederfinden. Mit letzteren am ehesten vergleichbar ist jedoch, dass es sich bei den Tarifrunden heute zumeist um Abwehrkämpfe handelt, bei denen die Niederlage von vorneherein erwartet wird. In den Reihen der Verantwortlichen ist oftmals von einer kämpferischen Stimmung wenig zu spüren.

Friedhofsruhe und kämpferische Arbeit

Das Durchschnittsalter der Lohnabhängigen, die überhaupt noch von diesen tarifvertraglichen Regelungen profitieren, steigt von Jahr zu Jahr und ihr Anteil wird kleiner. Die Altersstruktur der Mitgliedschaft spiegelt sich in der Überalterung des Apparats. Die meisten Hauptamtlichen sind seit einigen Jahrzehnten bei den Gewerkschaften beschäftigt und haben ihre eigene Berufstätigkeit in den Spätzeiten der deutschen Boomjahre begonnen. Der berufliche Aufstieg hat sich beim Sprung von der ehrenamtlichen zur hauptamtlichen Mitarbeit, wie sie Mitgliedsorganisationen prägt, weiter fortgesetzt. Bei vielen Gewerkschaftsbeschäftigten hat sich eine Verbürgerlichung vollzogen und ihre Lebenslagen sind am ehesten mit denen von Facharbeitern zu vergleichen. Es überrascht vor diesem Hintergrund auch nicht, dass diese Gruppen noch immer im Fokus der Interessensvertretung stehen und ein Bezug auf prekäre, informelle und unstete Arbeitsverhältnisse aufgrund fehlender persönlicher Erfahrungen vielfach ausbleibt. Manchmal scheint es, als seien die Gewerkschaften bei den Haupt- wie bei den Ehrenamtlichen ein letztes Refugium derjenigen, die in der Arbeitswelt heute immer seltener werden. Formelle Ausbildung, dauerhafte Jobs, sichere Renten – die letzten Spießer gewissermaßen. Doch auch diese Konstellation wird mit dem Ende des Fordismus zu einem Auslaufmodell. Die Einflussnahme auf die personelle Neuzusammensetzung der Strukturen ist ein Ansatzpunkt, um die Behördenkultur, wie sie sich noch immer in den Gewerkschaften findet, aufzubrechen. Denn die sozialpartnerschaftlichen Aushandlungen sind nicht nur übergestülpte Mechanismen, sondern auch erlernte soziale Prozesse, die für LeiharbeiterInnen, jüngere Prekäre, Selbständige keine prägenden Erfahrungen mehr sind. Mit der stärkeren Einbeziehung von Gruppen, die Erfahrungen jenseits des Normalarbeitsverhältnisses mitbringen, wozu auch überdurchschnittlich viele MigrantInnen zählen, kann die Friedhofsruhe und die selbstgefällige Atmosphäre nicht mehr in der gleiche Weise aufrecht erhalten werden. Als Linke gilt es, diese Veränderungen zu verfolgen und über die Schaffung von Allianzen und Netzwerken und Bereitstellung von Ressourcen die Bedingungen von kämpferischer Gewerkschaftsarbeit zu verbessern. Gleichzeitig ist es wichtig, den Einfluss der Zentralen zu dezentrieren und sich nicht an den Beschlusslagen abzuarbeiten, wie es oftmals beim Thema „Politischer Streik“ geschieht.
Denn: „Die Alternative zwischen ‚kämpferischer‘ und ‚sozialpartnerschaftlicher‘ Politik ist mithin eine Frage, die im Alltag, also im Wesentlichen nicht in den oberen Etagen der Gewerkschaftshäuser, entschieden wird.“ (Birke) Und damit kann man sich in der Betriebskantine auch wieder entspannen.

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Erschienen in arranca! #44

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