Magdeburg war eine wirklich unerfreuliche Stadt

Und daran konnte auch die arranca! nichts ändern

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Im Unterschied zu Leipzig, Dresden, Halle oder selbst dem kleineren Erfurt hatte sich in Magdeburg weder vor noch unmittelbar nach 1989 eine nennenswerte alternative Subkultur etablieren können. Das, was man dafür hätte halten können, verlor sich im Bermudadreieck zwischen Abwanderung, Drogenselbstversuch und SozialarbeiterInnenkarriere. Allein Punks – in ihrer apolitischsten und unsympathischsten Ausprägung – prägten das Bild nonkonformer Jugendbewegungen. Antifa, Autonome, HausbesetzerInnen? Dafür musste man schon nach Braunschweig, der Partnerstadt aus Vorwendezeiten, fahren. Dort gab es politische AktivistInnen, die Angst vor Nazis nicht kannten und als gute KommunistInnen keine Scheu hatten, unverständliche Aufrufe in der Fußgängerzone zu verteilen.

Mit den Protesten gegen den ersten Golfkrieg 1991 entstand in Magdeburg ein loser sozialer Zusammenhang von einigen Dutzend Jugendlichen, die sich in einer Antifa-Gruppe organisierten. Ahnung von Politik oder gar politischer Praxis hatte niemand von ihnen, aber die Vorbilder waren klar: die Autonomen. Gerade hatten diese sich mit einigen Tausend Polizisten in der Mainzer Straße eine tagelange Schlacht geliefert, ihre „antifaschistische Selbsthilfe“ war ein einleuchtendes Rezept gegen den täglichen Nazi-Stress. Nur eine „Szene“, auf die man sich stützen konnte, gab es in Magdeburg nicht. Also war man alles gleichzeitig: organisierter Aktivist und eigenes Umfeld, Aufrufer und Mobilisierter, Militanter und Militante-Versteher.
Mitte der 1990er Jahre war es dann gelungen, in einem innenstadtnahen Quartier Fuß zu fassen; es gab dort endlich wirklich ein bisschen „Szene“, ein Hausprojekt, ein paar nette Kneipen. Mit viel Mühe und Ausdauer hatten Antifas und Punks gemeinsam den Stadtteil von Nazis befreit. Gleichzeitig hatte sich die kleine linksradikale Szene ausdifferenziert (vulgo: aufgespalten). Es gab eine Handvoll Anti-Imps, die neben der für eine Stadt wie Magdeburg nicht eben drängenden RAF-Gefangenen-Soli-Arbeit gleich noch die Kurdistan-Solidarität betreuten, es gab ein paar Antifas, die sich an Göttingen und der AA/BO (Antifaschistische Organisation/ Bundesweise Organisation) orientierten, und es gab die ProjekthausbewohnerInnen, die sich über Abwasch, Arbeitsbeteiligung und Anarchismus, vor allem aber Tierrechte stritten.

Ich selbst gehörte zu den Antifas. Ich hatte seit unserer spätgymnasialen „Antifa-Jugend“ Anti-Nazi-Arbeit gemacht, war im Stadtteil mit FreundInnen Patrouille gelaufen, hatte einen Nazi-Angriff auf meine Wohnung überstanden und mit zitternden Knien selbst ein paar Ohrfeigen verteilt und Nazi-Aufnäher eingesammelt. Politisch und in der Praxis ahmten wir mit sehr bescheidenen Mitteln die Antifa (M) aus Göttingen nach. Zum Glück hatten wir jedoch weniger den Vermummungskult übernommen, sondern vor allem die für Autonome ungewöhnliche Wertschätzung von Presse- und Bündnisarbeit. Das eröffnete in einer mittelgroßen Stadt wie Magdeburg in politischer Hinsicht erstaunliche Perspektiven. Doch den auch von uns postulierten Anspruch auf „Kontinuität in der politischen Arbeit“ konnten wir nicht einlösen; nach ein paar schönen Jahren war es mit „Bandiera Rossa“ – so hieß unser Grüppchen – leider vorbei. Statt dem neuen Stern am Autonomen-Himmel, der AAB (Antifaschistische Aktion Berlin), zu folgen, entdeckte ich für mich in alten Interims ein paar interessante Texte: die so genannte Heinz-Schenk-Debatte. Hier sprachen irgendwelche Leute, die sich hinter den Namen abgehalfterter Showmaster verbargen, genau das an, was mich auch an autonomer Politik störte – nur, dass ich nicht in der Lage gewesen wäre, die Kritik so schön zusammenzufassen. Da der organisierte Antifaschismus in Magdeburg ohnehin gerade pausierte, traktierte ich FreundInnen und politisch Aktive mit Einladungen zu Diskussionskreisen. Ich wollte auch bei uns eine Debatte über die Irrwege autonomer Politik anstoßen und aus der Diskussion zu einem neuen lokalen Organisierungsansatz kommen. Das war etwas zu hoch gegriffen und stieß bei den Opfern meines Missionsgedankens auf Ablehnung. Unabhängig von den geplanten Diskussionskreisen begannen jedoch auch andere politisch Aktive, die üblichen Formen autonomer Praxis in Frage zu stellen. Anlass war wohl – wie bei mir auch – die Einsicht, dass das Nachahmen bewunderter Autonomen-Gruppen in einer Stadt wie Magdeburg geradewegs in die totale politische Isolation führt. Da ist es für ein paar übrig gebliebenen Anti-Imp-Betonköpfe vielleicht gemütlich, aber interventionsfähig wird man mit zwei, drei Dutzend GenossInnen nicht.

Die Atempause für abstrakte Debatten über Grundsätze autonomer Politik dauerte nicht lange: 1997 ermordete ein junger Neonazi auf bestialische Weise einen 17-jährigen Punk. In der Folge kam es zu zum Teil heftigen Protesten, zu denen 4.000 Menschen nach Magdeburg kamen und in das Neubaugebiet Olvenstedt, dem Schauplatz der Tat, zogen. Eins war klar: Das Nazi-Problem war noch lange nicht gelöst. In den Kleinstädten im Umland von Magdeburg reifte vielmehr ein noch größeres Problem heran: aggressive „Freie Kameradschaften“, deren Organisationsgrad und Aktivität deutlich über das hinausging, was man von Nazi-Gruppen bislang kannte. In Magdeburg gründete sich eine Gruppe, in die vieles von der in der Heinz-Schenk-Debatte formulierten Kritik an den Autonomen einfloss. Der Name der Gruppe war bewusst im Hinblick auf Anschlussfähigkeit ausgewählt: „Arbeitskreis Antifaschismus“. Zur Praxis gehörte eine nicht auf subkulturelle Identität hin ausgerichtete antifaschistische Jugendarbeit, eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Anti-Nazi-Recherche und aktive Bündnisarbeit. Bei der Pressearbeit ging es nicht vorrangig darum, „der Presse“ unsere so genannten „Inhalte“ (= Propaganda) anzudrehen, sondern fundierte Analysen und Fakten zur Gefahr von Rechts zu liefern und so als politischer Akteur ernst genommen zu werden. Das ist natürlich bei einem bis weit in die Mitte der Gesellschaft konsensfähigen Thema wie Antifaschismus verhältnismäßig leicht. Mit FelS, also der Gruppe, die diesen Weg durch ihre Texte angeregt hatte, gab es zu dieser Zeit nur sporadisch Berührung – die FelS-Antifa war Ende der 90er mit aus unserer Sicht luxuriösen Hauptstadtthemen (winzige Querfront-Verlage bekämpfen!) befasst. Auch die arranca! half uns in unserer politischen Praxis oft nicht weiter, aber wir bewunderten sie und versuchten die von uns als sehr akademisch empfundenen Texte zu verstehen.

Während der Diskussionen um Sexismus im Magdeburger Hausprojekt diente die berühmte arranca! 8 als wichtige Diskussionsvorlage. Texte wurden abgetippt und erschienen in einem kleinen Faltblatt, das einige engagierte „Post-Autonome“ herausgaben. Doch nicht nur die erfrischend bzw. irritierend neue Sicht auf Sexualität beeindruckte uns, auch das Layout der arranca! war so ganz anders! Es unterschied sich deutlich von der Lieblosigkeit der autonomen Zirkulare, deren Redaktionen mit Hilfe von Schere und Klebestift aus Flugblättern und hundertmal kopierten, immergleichen Fotos, Symbolen und Seyfried-Karikaturen ihre Zeitungen bastelten. Stattdessen ahnte man in der arranca! etwas vom Ringen um einen neuen ästhetischen Ausdruck und eine andere politische Kultur. Ebenfalls Mitte der 1990er Jahre entdeckten einige Leute, dass es jenseits von „But alive“, Bernd Langers Öl-Schinken und dem Interim-Schnippel-Layout eine Kultur, ja sogar eine politische Kultur gab. Interessanterweise war die heute zum Hollywood-Märchen verklärte Malerin Frida Kahlo ein Einstieg in die Beschäftigung mit revolutionärer Kunst. Die arranca! passte irgendwie zu diesem neuen Bedürfnis.

M. F., 38 Jahre, Leipzig

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Erschienen in arranca! #44

Kommentare

Kurz geschrieben, ein toller

Kurz geschrieben, ein toller Text. Kann es sein, dass ich da trotzdem ein ganzes Stück Wehmut rauslese?

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