...es war der Funke

Gedichte von Sante Notarnicola

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Sante wächst in einem Internat auf. Mit 15 Jahren, 1953, emigriert er selbst nach Turin. Der Kontakt mit der Arbeitswelt, mit den Fabriken, läßt in ihm ein politisches Bewußtsein aufkommen. Er wird in der FGCI, dem Jugendverband der KP Italiens und später in der KP aktiv.

Angesichts der systemerhaltenden Rolle der KPI, die sich eindeutig gegen revolutionäre Aktionen stellt und eine immer abwiegelndere Position einnimmt, beginnt Sante 1959 mit anderen Kommunistlnnen Enteignungen bei Banken und Juwelierläden durchzuführen, um finanzielle Mittel für den Aufbau einer Guerilla zu besorgen. Am 3.0ktober 1967, einige Tage nach einem Zusammenstoß mit der Polizei, bei dem Sante und ein anderer Genosse entkommen konnten, wird Sante gefaßt. Im Prozeß wird von Sante und den anderen Angeklagten die politische Bedeutung ihrer Aktionen und das Recht auf Widerstand gegen die Ausbeutung betont. Sie werden zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.
Im Knast beteiligt sich Sante am Aufbau revolutionärer Knastkämpfe, er schwört nie ab und verbringt daher zehn Jahre in IsolationshafL Nach 20 Jahren und acht Monaten Haft, davon elf Jahre in Hochsicherheitstrakten und fünf Jahre in Strafzellen, wird Sante am 19. 7. 1988 als Freigänger aus der Haft entlassen.

Sante findet draußen eine völlig veränderte Welt vor. Er wurde vor der Entwicklung einer großen politischen und sozialen Bewegung verhaftet und kam erst lange nach ihrer Zerschlagung aus dem Knast. Sante ist sich und der Bewegung treu geblieben, auf der Suche nach neuen Aktions-und Interventionsmöglichkeiten arbeitete er seit seiner Entlassung z.B. mit linksradikalen HipHoppern zusammen. Die römischen "Assalti Frontali" luden ihn ein, auf ihrer letzten Platte ein Gedicht vorzutragen. Sante dazu:
"Den Generationsabstand bedenkend habe ich mich gefragt, was der Funke war, aus dem die Beziehung entstanden ist, die mir erlaubt, mich an dieser Platte, einem typischen ugendprodukt, zu beteiligen. Zuallererst gibt es eure Neugier. Die Hunderte von Fragen, die ihr mir jedesmal stellt. Mir scheint, ihr habt auch die Deplaziertheit verstanden, die ich durch den Knast immer weiter erlebe und die sich in die Unendlichkeit zu schleppen scheint. Da ist euer Schmerz, der für immer an einigen Mauem Roms befestigt ist. Ich glaube, dieses einende Band entspringt vor allem dem üblichen lieben roten Faden, der die Generationen und die Wege, die Erfahrungen und die Kämpfe, die Gefühle und das Gedächtnis eines jeden Proletariers miteinander verbindet."

Die Gedichte stammen aus:  Sante Notarnicola, "Die Kristalle des Himmels zerbrechen ..", 1990, GNN-Verlag.

ich hab dich lieb

nach fahren der gefangenschaft
bin ich inzwischen ein mann
der träume nicht scheut
wenn auch verändert im gesicht
und der seele
habe ich die ängste der kinder
aufbewahrt,
die zartheit der instinkte
und die augen weiten sich
wenn ich liebe
und ohne röte sage:
ich hab dich lieb

Knast von Favignana, 4.9.1974


ich

ich
mit großer
mehrheil
habe ich mich
gewählt
ohne diskussionen
ohne mittelsmänner
mich
habe ich gewählt
ich
und basta
ins parlament
der menschlichkeit
ich
habe mein leben
entschieden.

Knast S. Vittore 14.4.1970


verabredung im gefängnis

mit den letzten münzen
habe ich
in gedanken
einen teller kaltes fleisch
eine zitrone
eine flasche rotwein
eine schachtet zigaretten
eine ansichtskarte
und eine rose gekauft
es war alles bereit, meine geliebte
und du bist nicht gekommen .

Knast Procida 28.7.1972

ein streit

von Iissabon
kamst du zurück mit einem foto.
schmollend. verschlossen,
lehntest du erzählungen und lachen ab.
(Iissabon ist das ufer eines anderen meeres)
es war an dir, die stille zu brechen:
weißt du, sagtest du, in Iissabon
haben die bougainvilléen andere
farben als bei uns. dort
gibt es weiße, gelbe
und sogar rote, denk nur...
und erst dann verstand ich
wie sehr ich dir fehlte.

Knast von Nuoro 7.8.1979

Zuchthaus

dort wo es am feuchtesten war
errichteten sie einen enormen festungsgraben
und in den fels gruben sie nischen
und versperrten sie
dann
bauten sie kommandostände und wachtürme
und stellten soldaten hinein
als posten
sie ließen uns
den kasack anziehen,
nannten uns verbrecher
und schließlich
wollten sie den himmel versperren
ganz gelang es ihnen nicht
hoch oben
sehen wir dem flug der möwen nach.

Favignana 1.6.1973

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Erschienen in arranca! #4

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