Orientierungssinn

Zur Methodologie militanter Untersuchungen

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2007 gaben Stevphen Shukaitis und David Graeber ein Buch über Militante Untersuchungen heraus, in dem einige eng an soziale Bewegungen geknüpfte Untersuchungsmethoden vorgestellt werden: Constituent Imagination. Beschrieben sind auch die Precarias a la Deriva, die wir bereits in der arranca! 31 interviewt haben. Ihre und eine weitere Methode aus dem Kapitel Drifting through the Knowledge Machine dokumentieren wir hier gekürzt.

Precarias a la Deriva: Untersuchungsmethoden für Alltags-Interventionen in einer post-fordistischen Ökonomie

Precarias a la Deriva (umherdriftende prekäre Frauen) wurde aus einem intensiven politischen Moment heraus geboren, an einem Platz, an dem die Probleme der Prekarität am heißesten diskutiert wurden: Eskalera Karakola, ein von Frauen besetztes Soziales Zentrum im Madrider Viertel Lavapiés. Nach einer Analyse ihrer eigenen Situation und der Teilnahme an den verschiedenen Mobilisierungen und Debatten um Arbeitsverhältnisse kamen viele der Frauen von Karakola zu dem Ergebnis, dass die existierenden Formen der Analyse und der Organisierung nicht besonders gut zu ihrer eigenen Situation passten.

Anlässlich des gegen die EU gerichteten Generalstreiks in Spanien im Juni 2002 teilten mehrere Frauen der Eskalera Karakola das Unbehagen über den allgemeinen Aufruf der großen Gewerkschaften, alle Produktionsketten für 24 Stunden lahmzulegen. Sie wollten zwar Teil eines allgemeinen und expliziten Unmuts gegen die Arbeitsverhältnisse sein, aber die traditionelle Taktik des Streiks geht von einem Idealtyp von Arbeiter aus, der weit weg war von ihren jeweiligen individuellen Situationen. Streiken unter Bedingungen stundenweiser Verträge, häuslicher Arbeit, Zeitarbeit oder Selbständigkeit würde nicht die erwarteten Folgen haben. Niemand würde es überhaupt wahrnehmen.

Ihre Diskussion führte zu dem Vorschlag einer piquete-encuesta oder „Streikposten-Befragung“: Während des landesweiten Streiks schwärmten verschiedene Kleingruppen von Frauen, bewaffnet mit Kameras, Aufnahmegeräten, Notebooks und Kugelschreibern, in Madrid aus. Sie wollten Gespräche in den marginalen Zentren der Ökonomie führen, wo der Streik wenig Sinn machte: den unsichtbaren, nicht-regulierten, temporären, undokumentierten, haushaltsbasierten Sektoren des Marktes. Das Hauptthema der Untersuchung drehte sich um die Frage: „Cual es tu huelga?“ (Was ist dein Streik?) Die Untersuchung der precarias stoppte den produktiven und reproduktiven Fluss für einige Zeit und, wichtiger, eröffnete einer unsichtbaren und fragmentierten Bevölkerung temporär die Möglichkeit, miteinander zu reden und sich zuzuhören. Der von diesem Tag an stattfindende Austausch war inspirierend: Die precarias haben einen Raum für unvermittelte Begegnungen zwischen ansonsten unverbundenen Frauen geschaffen, die, obgleich unter ähnlich prekären Bedingungen lebend, radikal unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben.

Innerhalb dieses Sprudelns entstand das Forschungsprojekt In der Drift durch die Kreisläufe weiblicher Prekarität. Objekt der Untersuchungen und Interventionen waren die Arbeitsverhältnisse von Frauen in verschiedenen Bereichen des prekären Arbeitsmarktes und in einer urbanen Umgebung, die eine postfordistische Ökonomie hervorbringt. Durch eine intensive Beschäftigung mit ihren eigenen Erfahrungen führte das Projekt zu einer Verfeinerung und einer situierteren Version des Begriffes Prekarität. Ihre Forschungen verschmolzen in einem Begriff von precariedad feminina (weibliche Prekarität) als einer partikularen Form flexibler Arbeit: gendered but not sexed. Dieser Begriff von Prekarität stellt sich gegen eine übermäßig produktionszentrierte Analyse und bietet stattdessen ein Verständnis von wandelnden Arbeitsbeziehungen im Kontinuum von Produktion-Reproduktion. Einer der analytischen Beiträge des Projektes besteht darin, die üblicherweise in der politischen Ökonomie aufrecht erhaltene Trennung von ‚Arbeit’ und ‚Leben’ aufzubrechen. Der Zustand der weiblichen Prekarität kann nicht auf negative Arbeitsverhältnisse reduziert werden, wie durch die Bezeichnung des Prekariats als Cousin des Proletariats nahegelegt wird. Er ist eine Selbstbezeichnung, die die vielfältigen Merkmale des Lebens als precarias (die weibliche Variante von precario) anerkennt und darauf verweist, wie Subjekte unter Verhältnissen gleichzeitiger Unterdrückung und Ermächtigung produziert werden.

„Wir sind precarias. Das heißt einige gute Sachen (wie die Akkumulierung von Wissen, Können und Fähigkeiten durch unsere Arbeit und existentielle Erfahrungen, welche permanent konstruiert werden), eine Menge schlechter Sachen (wie Verwundbarkeit, Unsicherheit, Armut, soziale Instabilität) und größtenteils ambivalenter Kram (Mobilität, Flexibilität).“

Kollektive Formen des Kämpfens zu finden war eine der zentralen Aufgaben. Insbesondere ging es um die Ausdrucksmöglichkeiten von Frauen, welche die gemeinsame Erfahrung der precariedad teilten, aber in äußerst unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen arbeiteten – von der Universitätsprofessorin über die Sexworkerin bis hin zur Heimarbeiterin.

Auf Grundlage der Begeisterung über die Ergebnisse der Streikposten-Befragung entstand der Plan, die Diversität der Erfahrungen der precariedad auf systematischere Art und Weise wieder miteinander zu verknüpfen. Dafür bedurfte es Forschungsmethoden, welche den Umständen angemessen und relevant hinsichtlich des Provozierens von Konflikt waren. Auf der Suche nach einer Prozedur, die ihre offenen, unabgeschlossenen und kontingenten Alltagsleben erfassen konnte, ließen sie sich von der situationistischen Technik des „Driftens“ inspirieren. Situationistische ForscherInnen wandern durch die Stadt, offen für Begegnungen, Konversationen, Interaktionen und Mikro-Ereignisse, die sie entlang ihrer urbanen Reise leiten. Das Ergebnis ist eine Psychogeografie auf Grundlage zufälliger Zusammentreffen. Diese Variante wurde jedoch eher als angemessen für ein männliches, bürgerliches Individuum ohne Verpflichtungen gesehen und war für eine precaria unzureichend.

Die Methode der precarias folgt daher einem intentionalen Modell der Drift in Räumen, die normalerweise als unzusammenhängend wahrgenommen und nun verknüpft werden. Dies erlaubt es, untergründige Realitäten – ansonsten außerhalb des Radars des gängigen Diskurses – sichtbar zu machen. Diese Variante des Driftens zeigte sich als ideale Technik und als aufmerksam für das räumlich-temporäre Kontinuum, welches sie als Frauen in den neuen Arbeitsverhältnissen erlebten. Das Hin- und Hergehen zwischen verschiedenen Quellen und ihren jeweiligen gelebten Erfahrungen erlaubt eine situierte Untersuchung der gemeinsamen materiellen Bedingungen und der durchlebten radikalen Unterschiede. Diese feministischen Driften fungieren als Kreisläufe der Artikulierung fragmentierter Räume und experimenteller Reisen, die das Politische als kollektive Interventionen in das Alltagsleben wieder vorstellbar machen. Sie stellen teilnehmende Kartografi en ihrer eigenen kollektiven Reisen her, in denen Feldforschung die temporäre Entdeckungsreise ist, die dem raum-zeitlichen Kontinuum singulärer Erfahrungen folgt.

Bureau d’études/Université Tangente: Kartografien hacken, um Macht abzubilden und sich Aufstände vorzustellen

In Strasbourg gegründet, startete diese aktivistische Kartenerstellungsgruppe im Jahr 1998. Ihre Wurzeln hat sie in der radikalen Kunstwelt Frankreichs dieser Zeit. Bureau d‘études/Université Tangente (BE/UT) fing an, mit Protoversionen von Karten und Flussdiagrammen ökonomischer Netzwerke als einer Form von öffentlicher/politischer Kunst zu experimentieren. Nach verschiedenen Projekten wuchs die Frustration über die politische Ökonomie der Kunstwelt. Die Organisierung der Arbeitslosen und die Hausbesetzungsbewegung dieser Zeit führten die Anstrengungen des BE/UT zu einer stärker politisch engagierten Kunst und zur Arbeit über Themen der ‚New Economy’, beispielsweise die Wissensarbeit. Aus Reflexionen über die sich wandelnde Natur der Ökonomie, die wachsende Prominenz globaler Widerstandsbewegungen und die Rufe nach einer neuen Art internationaler Solidarität ergab sich für diese Gruppe letzten Endes ein Schauplatz jenseits des Galerie- und Museumskreislaufs: Sie brachten das Kollektiv zur dauerhaften Beschäftigung mit Kartografie als einer Art und Weise, an Themen im Zusammenhang mit den neuen Bewegungen zu arbeiten und diese zu kommunizieren. Antagonistische Karten ebenso wie begleitende Texte wurden in großer Anzahl für die radikale Analyse und Bildung produziert.

Diese kartografischen Repräsentationen sind oft eine unwahrscheinliche und verwirrende Darstellung von Institutionen, Akteuren, Persönlichkeiten, Organisationen und Bewegungen: eine Art von Netzwerkkarte, die die Verbindungen von ‚Machtstrukturen’ (Europäische Union, globale Finanzwirtschaft, einzelne Unternehmen) und Flüsse von Gegenmacht verfolgt. Auf einer Karte namens „Europäische Normen der Weltproduktion“ sieht man beispielsweise Symbole für so etwas wie die Europäische Kommission, welche mit verschiedenen Banken, politischen Institutionen und Persönlichkeiten verbunden sind. Flüsse vernetzter Verknüpfungen zeigen die Verbindungen zwischen dieser Institution und biotechnologischen Regulierungen, Verteidigungsindustrien, Telekommunikation, Migrationspolitiken etc.

Anstelle einer defätistischen „Macht ist überall, wir können nichts mehr tun“-Antwort rufen diese Karten etwas anderes hervor. In vielen von ihnen gibt es eine Vielzahl von Zielen und Orten, an denen Macht ausgeübt wird. Diese Aneignung von Kartografie stellt neue Wege des Denkens bereit, neue Formen des Antagonismus, ebenso wie das Verständnis, dass Institutionen oder „Stellen“ der Macht nicht auf einfache Art gebunden oder in sich geschlossen sind. Jede machtvolle Institution besteht aus ihren Verbindungen und Flüssen mit anderen Formen der Macht. Das Bureau d’études erklärt die Wichtigkeit dieser Bewegungsforschung:

„Autonomes Wissen kann sich durch die Analyse des Funktionierens komplexer Maschinen konstituieren […] Die Dekonstruktion komplexer Maschinen und ihre „dekolonisierte“ Rekonstruktion kann anhand vielfältiger Objekte ausgeführt werden […] In der gleichen Art und Weise wie man ein Programm dekonstruiert, kann man das interne Funktionieren einer Regierung oder Administration, einer Firma, oder einer industriellen oder finanzökonomischen Gruppe dekonstruieren. Eine solche Dekonstruktion geht einher mit der präzisen Identifi zierung der Operationsprinzipien einer gegebenen Administration oder der Verbindungen und Netzwerke zwischen Administrationen, Lobbys, Unternehmen, etc. Auf dieser Grundlage lassen sich Formen des Handelns und der Intervention definieren.“

Während Macht abgebildet wird kann man auch den Pfaden der Aktivität einer Bewegung folgen – mit dem Ziel, autonome Formen der Organisierung zu stärken, verschiedene aktivistische Bemühungen gemeinsam zu begreifen oder nach neuen Orten des Widerstandes zu suchen.

Auf der Grundlage dessen, was wir aus den Erfahrungen des Bureau d’études und anderer Kartografi erungsgruppen gelernt haben, haben wir versucht, die Vorteile von katografi scher Produktion innerhalb von sozialen Bewegungen hinsichtlich der Stärkung und Vertiefung sozialer Auseinandersetzungen herauszustellen:

Karten sind nicht-textlich und nicht-grammatikalisch. Anders als Texte und Traktate, wo der/die LeserIn dazu gezwungen ist, der Bahn der AutorIn in einer sehr linearen Weise zu folgen, haben Karten also weder einen starren Anfang noch ein starres Ende. Karten zeigen einige Sachen eindeutig, während sie andere verheimlichen, und sie sind dabei nicht an die gleichen Regeln von Grammatik und Syntax gebunden. Verschiedene KartenbetrachterInnen können unterschiedliche Verbindungen und Ordnungen der Dinge sehen und können sich jederzeit auf jeden Punkt der Karte konzentrieren, ohne Seiten umblättern zu müssen.

Karten sind einfacher in partizipativer und kollektiver Weise herzustellen. Während es recht schwierig sein kann, an einem Text einer Gruppe nennenswerter Größe mitzuschreiben – da Sätze mit vielen Leuten schwierig zu konstruieren sind – können hingegen Kartenobjekte und –symbole sehr viel einfacher zusammengefügt werden. Verschiedene Leute können verschiedenen Gegenstände vorschlagen, die relevant für die Karte sein könnten, zum Beispiel ein bestimmtes Unternehmen, eine Anzahl von Arbeitsbeziehungen, einen Teil der Nachbarschaft usw.

Karten sind ausgezeichnete Werkzeuge für Weiterbildungen und Workshops. Sie sind außerdem praktische Mittel zur Kommunikation zwischen Kämpfen im Allgemeinen.

Karten müssen niemals als fertig betrachtet werden. Leute können auf ihnen herummalen und neue Karten zeichnen. Textfelder können ergänzt werden. Verschiedene Karten können in Ergänzung miteinander gelesen werden, um zu einer tieferen Analyse zu gelangen und weitere Werkzeuge zu finden.

Das Ziel ist insbesondere zu verstehen, mit welchen Formen von Macht wir konfrontiert sind und welche Formen der Gegenmacht wir kreieren können. Die Karten werden Teil aktivistischen ‚Wachstums’, wenn man so will. Sie können einen Weg darstellen, alltägliche Erfahrungen und Reisen mit den Konfigurationen ökonomischer und politischer Macht auf größerem Maßstab zu verbinden.

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Erschienen in arranca! #39

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