Moderner Klassenkampf mit Fragebogen

Untersuchungen auf der Berlinale und dem Berliner Mayday

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Ein Interview mit AktivistInnen des Berliner Mayday und der Berliner Gruppe Für eine linke Strömung (FelS) über die Untersuchungen auf der Mayday-Parade und während der Berlinale

¿ Ihr habt alle Erfahrungen mit Untersuchungen gemacht und zwar einerseits im Rahmen der Kampagne „Mir reicht‘s … nicht!“ (MRK) und andererseits während der Berliner Mayday Parade. Wie seid ihr darauf gekommen?

Arnd: Das kam dadurch zustande, dass der Hamburger Mayday die MRK gemacht hat und darin als eine Station auch die Berlinale gesehen hat. Wir haben dann festgestellt, dass wir relativ wenig über die Situation dort wissen und überlegten, wie wir an Informationen über die Arbeitssituation vor Ort rankommen. Daraus ergaben sich erste Interviews mit Kinobeschäftigten: Wir waren auf der Suche nach Konflikten und wollten wissen, wie das Beschäftigungsverhältnis für diese Leute aussieht.

Dennis: Die MRK sah ursprünglich drei Etappen vor. Bei der ersten Etappe auf der Documenta ging es darum, kollektiven und individuellen Konflikten nachzuspüren, um ein Verständnis für die alltäglichen Lebensrealitäten von prekarisierten KünstlerInnen oder KunstvermittlerInnen zu entwickeln. Diese gelten Neoliberalen ja oft als ‚role model’. Dieses erste Stadium wurde vom Hamburger Mayday-Bündnis alleine in Angriff genommen, sie sind während der Documenta rumgelaufen und haben Interviews geführt und gleichzeitig zu einem kollektiven Reviewing-Prozess eingeladen. Dort wurde versucht, sowohl Konflikt- als auch Verbindungslinien nachzugehen und die gesammelten Aussagen zu diskutieren.

Die zweite Etappe war ursprünglich für den Verdi-Bundeskongress geplant, wo die HamburgerInnen mit Gewerkschaftsmitgliedern und GewerkschaftssekretärInnen Interviews führen wollten, um die ambivalente Rolle von Gewerkschaften im Prozess der Prekarisierung zu thematisieren. Diese Etappe fand schließlich aus verschiedenen Gründen nicht statt.

Die Berlinale schließlich war als Endpunkt der Kampagne gedacht, vor allem weil sie ein öffentlicher, sich als ‚gesellschaftskritisch’ sehender Ort ist, an dem sich deutliche Ambivalenzen zeigen: zahlreiche Prekarisierte inmitten des Glamours, wobei Glamour und Prekarisierung gerade auf der Berlinale immer aufeinander verweisen. Die Berlinale polarisiert, dort werden – bei genauem Hinsehen - soziale Realitäten und Verschiebungen von Arbeits- und Lebensverhältnissen sichtbar, die exemplarisch für den Prozess der Prekarisierung stehen. Es ging zunächst darum, überhaupt erst einmal zu erfassen, was das konkret für die Menschen bedeutet und welche individuellen aber vor allem verbindenden Perspektiven sie darüber hinaus haben. Uns als FelS war es zudem ein Anliegen, Momente von möglicher Selbstorganisierung und Widerstand freizulegen.

Julika: Bevor wir selbst aktiv geworden sind, haben wir die Umfrage der HamburgerInnen beobachtet und fanden es spannend, wie durch eine solche Befragung die Lebenssituationen und auch die Selbsteinschätzungen und -wahrnehmungen der befragten Personen rausgekitzelt wurden. Das hat uns inspiriert. Zudem gab es in Wien auch eine Befragung, die explizit „militante Umfrage zu prekären Lebenssituationen“ genannt wurde. Diese beiden Versuche haben uns animiert, eine Selbststudie beim Berliner Mayday zu machen. Wir wollten wissen: Wer sind wir eigentlich, der Berliner Mayday? Ein weiterer Motivationsfaktor war unser Eindruck, prekäre Lebenssituationen würden sehr häufig nur als individuelles Problem wahrgenommen. Viele von uns erfahren die Folgen der Prekarisierung in ihrem eigenen Lebensalltag und suchen sich Wege, damit umzugehen. Entweder individuell oder in Kleingruppen – sei es das Hausprojekt, die Familie, der Freundeskreis. Wir wussten aber auch, dass die eigenen Lebensumstände unter vielen AktivistInnen und auch in Politgruppen selten thematisiert werden, was auch das politische Arbeiten und das Miteinander im Politikbetrieb beeinflusst. Wir wollten also zweierlei erreichen: Erstens unsere ‚Vereinzelungs-These’ überprüfen und zweitens gucken, ob sich darüber hinaus durch die Befragung Auswege finden lassen, ob Ideen und Strategien existieren, über die wir zuvor noch nicht nachgedacht hatten. Wir wollten eine Diskussion unter den TeilnehmerInnen des Berliner Mayday in Gang setzen: Wer ist warum da und was für Potenziale oder Grenzen bringt die ganz alltägliche prekäre Lebenssituation mit sich – auch in Hinblick auf politische Arbeit.

Dennis: Das könnte man auch umformulieren: Demonstriert man beim Mayday, weil es einem um ein moralisch-politisches Anliegen geht oder geht es vielleicht auch um die eigene Involviertheit?

¿ Wie sah das Untersuchen als Tätigkeit konkret aus?

Dennis: Bei der Berlinale-Befragung war ja die ‚Zielgruppe’ – um es mal so zu bezeichnen – sehr diffus, das waren Reinigungskräfte in den einzelnen Kinos, KartenabreißerInnen, VorführerInnen, Security, Selbstständige, PraktikantInnen – also ein ganz weites Feld. Wir hatten zunächst vor allem das Problem, dass wir kaum direkte Kontakte zu jemand hatten. Und die zwei Wochen Berlinale sind ein relativ kurzer Untersuchungszeitraum, in dem die Beschäftigten noch dazu total viel zu tun haben. Wir haben also schon Monate zuvor begonnen, mit einem ausgearbeiteten Gesprächsleitfaden in Kinos zu gehen. Ursprünglich war die Idee, dort ad hoc kurze Interviews zu führen und die Leute dann noch mal zu einem längeren Interview einzuladen. Dort hätte es auch stärker um die Perspektive jenseits von individualisiertem Umgang mit der Erfahrung von Prekarisierung gehen sollen. Die langen Interviews kamen allerdings nie zustande: Wir haben zwar zu einem Termin eingeladen, aber da kam dann niemand. Ansonsten haben wir Ad-hoc-Interviews bei einer Aktion vor dem Berlinale-Vorbereitungsbüro am Potsdamer Platz geführt, wo wir in erster Linie mit den PraktikantInnen geredet haben. Es wurden Kontakte geknüpft, so dass wird danach im privaten Rahmen noch ein paar längere Interviews mit anderen Beschäftigten führen konnten.
Zunächst basierte alles auf dem eben erwähnten Gesprächsleitfaden, gerade bei längeren Interviews mussten wir jedoch oft stark davon abweichen, so dass es eher explorative qualitative Interviews wurden.

Arnd: Allerdings schwammen wir sehr lange bei der Frage, wer jetzt für uns als BefragteR ‚relevant’ ist bzw. ‚wen’ wir eigentlich gerade untersuchen. Oder anders: Wen können wir überhaupt untersuchen? Wir hatten immer diese zwei Pole – einerseits die ‚Niedriglohnprekarisierten’ und dann die ‚Kreativprekarisierten’ und wollten die Frage nach dem Gemeinsamen stellen.

Dennis: Schade ist auch, dass wir es trotz guter Vorsätze nicht mehr geschafft haben, Interviews noch während der Berlinale zu führen. Uns ist einfach die Zeit ausgegangen, wir hatten den Aufwand unterschätzt und irgendwie war dann Stress mit der Vorbereitung der Gala, auf der wir Ergebnisse präsentieren wollten.

Julika: Bei der Mayday-Untersuchung hatten wir ja im Gegensatz zur Berlinale einen relativ langen Vorbereitungszeitraum, in dem wir uns erst mal überlegen mussten, was wir überhaupt genau wissen wollten und wo wir mit unserer Umfrage hinwollten. Es gab durchaus unterschiedliche Motivationen und Perspektiven und wir haben dann versucht, ausgehend von unseren Interessen Fragecluster zu bilden und uns mit Brainstormings an das Thema anzunähern. Die konkrete Umsetzung fand auf dem Berliner Mayday statt, dadurch war die Zielgruppe sehr klar. Die Umfrage bestand schließlich aus einer Art Baukastensystem. Wir hatten einerseits Leute, die eine Teilnehmende Beobachtung durchgeführt und einen subjektiven Eindruck davon geliefert haben, wie das Geschlechterverhältnis war, wie viele Leute mit Kindern da waren, ob und wie viele Plakate hochgehalten wurden oder ob es Sprechchöre gab. Die eigentliche Umfrage hatte einen quantitativen und einen qualitativen Teil. Die quantitative Umfrage bestand in einem Fragebogen, der vor allem die Lebenssituation der Menschen abgefragt hat, also das Alter, den Beruf, ob sie Studis sind und Kinder haben, wie sie wohnen. Auch zur Frage der politischen Organisierung haben wir Fragen gestellt. Bei der qualitativen Umfrage liefen Leute mit Aufnahmegeräten rum. Wir hatten uns vorher Fragen überlegt, die einerseits den Bereich der Lebenssituation abdecken und dann das individuelle Verständnis von Prekarisierung abfragen, auch wie man sich selbst dazu ins Verhältnis setzt. Weil das Motto des Mayday ‚Organisiert das schöne Leben!‘ ist, fragten wir, was für die Leute überhaupt ‚schönes Leben’ bedeutet und wie sie es organisieren. Schließlich haben wir noch Postkarten verteilt. Dort standen Fragen drauf wie „Was machst du am 2. Mai?“ Wir wollten damit die Leute auffordern, im Freundeskreis, auf der Demonstration oder zu Hause am Küchentisch zu diskutieren.

¿ Was waren denn zentrale Probleme und Hindernisse bei euren Untersuchungen?

Julika: Ein Problem war erst mal die Frage, worauf wir uns konzentrieren. Was wollen wir überhaupt wissen und wo wollen wir damit politisch hin? Das ist ein großer Themenkomplex, an den wir uns zwar diskursiv so weit wie möglich angenähert haben, aber ich glaube, dass wir es nicht geschafft haben, eine ‚Superkomplettmasterplanlösung’ zu entwickeln. Das zweite Problem war die große Datenmenge – es hat doch einen ganzen Stab an Leuten mit viel Zeit gebraucht, um den Interviewbogen auszuwerten und dann diese Informationen auch in politische Projekte oder einen diskursiven Prozess umzusetzen.

Arnd: Das Problem bei der Berlinale war von vornherein die knappe Zeit, dadurch waren wir irgendwann ziemlich in Bedrängnis.

Dennis: Die Berlinale hatte eine doppelte Funktion: Zum einen war es immer noch ein Befragungs- und Verständigungsprojekt, aber auf der anderen Seite war es auch Abschluss einer Kampagne, also sollte am Schluss auch irgendwas öffentlich Präsentables rauskommen. Diesem Zwang Genüge zu leisten bedeutete, einerseits zu befragen und gleichzeitig daraus irgendwelche Ergebnisse zu ziehen.

Arnd: Bei der Berlinale waren zum Schluss alle im Stress, sowohl Befragte als auch Befragende. Interessant war jedoch, dass einige Befragte bei der Berlinale ihre Arbeitssituation gar nicht als problematisch gesehen haben. Sie haben schon die Widersprüche benannt, aber oftmals war es so, dass zum Beispiel PraktikantInnen oder Leute, die dort als LichttechnikerInnen arbeiteten, das als Sprungbrett gesehen haben. Für die ist das ein Prestigeding, dass sie da arbeiten können und sie machen das irgendwie auch gerne. Eine Regisseurin hat erzählt, dass ihre Mutter für drei Monate nach Berlin gezogen ist, um auf ihr Kind aufzupassen, damit sie Vollzeit für die Berlinale arbeiten kann und das fand sie gut so. Mit diesen Aussagen muss man umgehen, denn es ist deutlich geworden, dass einige Leute Prekarisierung eben nicht einfach nur scheiße finden.

Dennis: Das fasst eine der Ambivalenzen von Prekarisierung gut zusammen. Wir hatten auch noch andere Schwierigkeiten. Im Vorfeld haben wir uns zum Beispiel stark den Kopf zerbrochen, mit welcher Position wir auftreten wollen. Denn wir waren Befragende und als solche distanziert, gleichzeitig haben wir versucht, Anknüpfungspunkte zu finden und auf ähnliche Konfliktmuster in unseren Lebensrealitäten zu verweisen. Dennoch waren wir eben nicht ‚vom Fach’. An sich hat die Befragung dann trotzdem ganz gut geklappt, aber ich glaube, dass mitunter das Interesse von Leuten größer gewesen wäre, wenn wir nicht so als Leute ‚von außen’ erschienen wären.

Arnd: Es gab eben ein zweifaches Interesse: Das eine war das Aufspüren von Konflikten, bzw. überhaupt der Versuch, der individualisierten Bewältigung von Prekarisierung nachzugehen und zu schauen, ob es kollektive Bewältigungs- oder Widerstandsformen gibt. Und zweitens eben auch ein Interesse daran, mögliche Organisierungsprozesse zu initiieren. Gerade bei diesem Punkt stellt sich die Frage, ob wir überhaupt Angebote formulieren können.

Julika: Wir hatten sehr große Bedenken, dass Leute aus Angst, Informationen über sich preiszugeben, nicht mitmachen. Entsprechend waren wir positiv überrascht, dass das ganz selten passiert ist. Ganz im Gegenteil war das Interesse recht groß. Wenn man da stand und einen Fragebogen ausgefüllt hat, kamen häufig gleich mehrere Leute und haben gefragt, was wir machen. Das Bedürfnis, etwas über sich und sein Leben zu erzählen, ist schon da – das ist in Hinblick auf die methodische Herangehensweise an eine militante Untersuchung durchaus eine wichtige Feststellung.

Dennis: Auf der Abschlussveranstaltung wurde in erster Linie die Form der szenischen Lesung gewählt, in der sehr viele Zitate aus den Berlinaleund Documenta-Interviews zusammengefasst wurden. Dabei wurden Widersprüchlichkeiten, Ambivalenzen und auch Absurditäten des prekarisierten Lebens sehr deutlich. Diese Form war ursprünglich angedacht worden, um überhaupt einen Aufhänger für eine gemeinsame Diskussion herzustellen, auch darüber, wie man rauskommen kann aus diesem Hamsterrad der individualisierten Bewältigung. Diesen Kommunikationsprozess haben wir allerdings im Rahmen der Gala nicht so erfolgreich herstellen können, vor allem weil die Veranstaltung viel zu gut besucht war, um überhaupt noch so etwas wie eine Diskussion zu ermöglichen. Eine einzige Veranstaltung ist dafür sicherlich zu kurz, wir hätten beispielsweise Workshops machen müssen. Dem Anspruch, einen Organisierungsprozess zu initiieren, konnten wir so jedenfalls nicht gerecht werden.

¿ Was habt ihr daraus gelernt, was zieht ihr politisch für Schlüsse aus euren Projekten? Wird es in Zukunft weitere Untersuchungen geben?

Arnd: Es steckt sicher eine ganze Menge Potenzial in dieser Form der politischen Intervention und wenn man es sehr akribisch macht, ist dort durchaus politischer Mehrwert zu holen. Man muss sich allerdings im Vorfeld viele Gedanken darüber machen, wie man das organisiert und welchen Bereich man sich aussucht. Militante Untersuchung ist immer zunächst eine Methode und man sollte sie auch in diesem Sinne einsetzen. Ich glaube, in Zukunft würde ich das auf einen sehr langen Zeitraum ansetzen, um Veränderungen und Prozesse besser beobachten und begleiten zu können.

Julika: Meines Erachtens hat eine militante Untersuchung großes Potenzial, es gibt aber auch Risiken, zu denen vor allem die Fehleinschätzung von Ressourcen und Aufwand gehört. Ich glaube trotzdem, dass da spannende Möglichkeiten drinstecken: Es ist eine Möglichkeit, Leute einzubinden und selbst zu Wort kommen zu lassen, die nicht in den klassischen Politstrukturen drinstecken. Ich hab den Eindruck, dass das eine Möglichkeit für Selbstverständigung und Reflektion bietet – auch für die Befragenden selber. Es ist auch für uns interessant gewesen, was Leute aus einem völlig anderen Umfeld unter Prekarisierung verstehen und was die für sie wichtigen Themen sind.

Dennis: Letztlich geht es uns in gewisser Weise darum herauszufinden, wie so etwas wie ‚moderner Klassenkampf’ in der Zukunft aussehen kann.

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Erschienen in arranca! #39

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