Arbeiten und Arbeiten und Machen und Tun

Eine Selbstuntersuchung beim Berliner Mayday

DruckversionEinem Freund oder einer Freundin senden

Die (Euro)Mayday-Paraden, die seit 2001 stattfinden, stellen einen der wichtigsten europaweiten Versuche dar, die Prekarisierung von Arbeit und Leben im Neoliberalismus zu thematisieren. Ein zentrales Ziel der Paraden ist es, die Kämpfe von Prekarisierten zusammenzubringen und sichtbar zu machen, frei nach dem Motto ‚Vom Wischmop bis zum Laptop’. In Berlin finden sie seit 2006 statt. Im Vorfeld des Mayday 2008 beschlossen wir, die Zusammensetzung der Parade genauer zu betrachten. Wir fragten uns, was diese über die Beschränkungen und Möglichkeiten aussagt – sowohl der Parade selbst als auch für politische Intervention. Wie ‚prekär’ sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Teilnehmenden? Welche (prekären) Subjektivitäten werden auf der Parade repräsentiert, welche nicht? Neben diesen Aspekten interessierte uns, was die Teilnehmenden der Parade überhaupt selbst unter Prekarisierung verstehen, was sie sich unter einem schönen Leben vorstellen und wie sie dieses organisieren (oder nicht). Uns ging es darum herauszufinden, inwiefern und wie die TeilnehmerInnen der Parade in prekäre Arbeitsprozesse eingebunden sind und wie diese zum Ort antikapitalistischer Kämpfe werden können.
So gesehen ging es uns von Anfang an auch darum, Selbstreflexion anzuregen und über die jährliche Mayday-Parade hinaus die Vereinzelung von Prekarisierten zu überwinden.

I. Die drei ???

Die ‚Selbststudie’ während der Mayday-Parade bestand aus drei Elementen. Zum einen wurde in Fragebögen nach den Lebens- und Arbeitsbedingungen, den verlangten Veränderungen und der Form des Aktivismus gefragt. 300 Fragebögen wurden ausgefüllt und ausgewertet. Des Weiteren wurde eine teilnehmende Beobachtung der Parade hinsichtlich Alter, Gender, der Sichtbarkeit von ‚Gegenkulturen’ und der Anwesenheit von Personen mit Kindern durchgeführt.
Als drittes führten wir insgesamt circa 70 Gespräche. Dabei stellten wir folgende Fragen:

  • Wovon lebst du und womit verbringst du den größten Teil deiner Zeit?
  • Es geht beim Mayday um prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen - was hat das mit deinem Leben zu tun?
  • Das Motto des diesjährigen Maydays lautet ‚Organisiert das schöne Leben’. Was ist ein schönes Leben für dich? Was hindert dich daran, ein schönes Leben zu führen?
  • Wie kann man das schöne Leben organisieren? Was hindert dich daran?

II. Wer sind ‚wir’?

Beim Mayday trifft sich jung und alt, genauer gesagt reicht die Alterspanne von 17 bis 82 Jahren. Doch meistens sind ‚wir’ 31 Jahre alt. Genau dies war das Durchschnittsalter der circa 5000 Menschen, die an der Parade 2008 teilnahmen. Drei Viertel der TeilnehmerInnen zirkulieren um dieses Alter (zwischen 22 und 39 Jahren), ein Zehntel der TeilnehmerInnen hat übrigens Kinder. Das Verhältnis derjenigen, die sich als männlich oder weiblich bezeichneten, war exakt 1:1. Acht Prozent der Teilnehmenden klassifizierten ihr Geschlecht als weder männlich oder weiblich, sondern als ‚anders’. Diese relativ große Zahl kann vermutlich der verstärkten Beschäftigung mit queeren Politiken und einer Kritik an binären Geschlechtervorstellungen innerhalb der (radikalen) Linken zugeschrieben werden. Zu dieser Wahrnehmung passt der hohe Organisationsgrad von 84 Prozent derjenigen, die sich als weder männlich oder weiblich identifizierten. Eine andere Muttersprache als deutsch sprechen 15 Prozent, und 16 Prozent hatten keinen deutschen Pass. Von diesen Personen waren alle bis auf sechs aus den USA oder der EU.
77 Prozent der Teilnehmenden wohnen in Mietwohnungen und 51 Prozent in Wohngemeinschaften. 14 Prozent leben mit ihrem Partner/ ihrer Partnerin, sieben Prozent in Hausprojekten und drei Prozent haben Wohneigentum. Nicht selten ist die Wahl der Wohnform eine Reaktion auf die Prekarisierung, wie es ein Teilnehmer beschreibt: „In unserer Hausgemeinschaft organisieren wir uns das Wohnen mit anderen zusammen. Mit der Arbeitsteilung bleibt dann wieder mehr Zeit für andere Sachen.“

Wie vermutet gab es einen hohen Anteil an akademischen Qualifikationen unter den Teilnehmenden: 45 Prozent der Teilnehmenden waren zum Zeitpunkt der Umfrage Studierende. Weit mehr als ein Drittel hat einen akademischen Abschluss, drei Prozent sind promoviert. Zu den vermeintlich besseren Zukunftsaussichten von AkademikerInnen bemerkt eine Studentin: „Ich rechne nicht damit, dass es je so sein wird, dass ich ein festes Einkommen haben werde.“

Die Auswertung der Daten bezüglich Erwerbsarbeit(-slosigkeit) gestaltete sich aufgrund der großen Anzahl von Studierenden problematisch. Ihr monatliches Budget setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Finanzquellen (Minijob, Eltern, Bafög) zusammen, deren jeweilige Höhe sich aus der Umfrage nicht ergab. Der Anteil an Erwerbsarbeitslosen lag bei 19 Prozent, wobei nur 13 Prozent ALG I oder ALG II erhielten.
Das Durchschnittseinkommen von Männern betrug 1035 Euro, von Frauen 904 Euro. Allerdings variierte das Einkommen bei Frauen (+/- 804 Euro) wesentlich stärker als bei Männern (+/- 604 Euro).
Immerhin ein knappes Drittel bekommt finanzielle Unterstützung von den Eltern.
Die Mehrheit der Befragten macht Überstunden und sehnt sich nach anderen Formen der Arbeit. Der überwiegende Teil der Befragten – unabhängig von der Art des Jobs – strebt an, nur halbtags beschäftigt zu sein oder mehr Geld für die gleiche Arbeitszeit zu bekommen (26 Prozent).
Durchschnittlich haben die meisten drei Praktika gemacht, von denen 59 Prozent unbezahlt waren. Erwähnenswert ist, dass es keinen positiven Zusammenhang zwischen der Anzahl der geleisteten Praktika und dem derzeitigen Einkommen gibt. Diejenigen, die ein bezahltes Praktikum abgeleistet haben, werden durchschnittlich besser bezahlt als diejenigen, die für ihre Praktika keinen Lohn bekommen haben.
Geldprobleme am Ende des Monats erlebt ein Drittel der Befragten als regelmäßiges Déjà-vu-Erlebnis und immerhin ein weiteres Drittel ‚manchmal’.

III. „Innerhalb des unschönen Lebens schrittweise Freiräume erkämpfen“

Die Umfrage ergab, dass die große Mehrheit der Teilnehmenden politisch aktiv - und gleichzeitig nicht mehr an der Uni ist. Dies ist vor dem Hintergrund dessen, dass Studieren und Aktivismus zumeist als zwei Seiten derselben Medaille wahrgenommen wird, überraschend.
Siebzig Prozent sind in einer Gruppe, Organisation oder Initiative organisiert - mehr Männer (77 Prozent) als Frauen (64 Prozent). Eine kleine Gruppe von sieben Prozent war zum ersten Mal auf einer Demonstration. 73 Prozent hatten Erfahrungen mit illegalen Demonstrationen, 65 Prozent mit Blockaden und 59 Prozent mit ‚direkten Aktionen’. Die spezifische Mitgliedschaft in einer Gruppe sagte nichts über die Erfahrungen mit verschiedenen Aktionsformen aus.

Dem Begehren nach etwas Besserem wird auf zweierlei Weise nachgegangen. Neben den klassischen Möglichkeiten des Aktivismus findet die Organisierung des schönen Lebens auch in alltäglichen Handlungen statt: sich „private Inseln suchen, wo es geht, in denen man sich in ein Hausprojekt begibt und da die Kindererziehung mitorganisiert oder dadurch, dass man sich das Geld teilt.“ Das Schaffen von solidarischen Freiräumen zieht sich durch viele Interviews.
Über die Hälfte der Interviewten sieht sich durch die alltäglichen Zwänge an der Organisierung eines schönen Lebens gehindert: Es gibt „eine Menge Leute, die sind einfach viel zu erschöpft, sich politisch zu betätigen“, fasst es ein Interviewter zusammen. Ein weiteres Manko sei, dass „die Linke uns einbegriffen es noch nicht auf die Reihe bekommen hat, Organisierungsformen zu entwickeln, die viele und auch nicht nur uns tendenziell mittelständische, mehrheitsdeutsche Menschen ansprechen.“

IV. „Schönes Leben ... oh Gott, das ist eine ganz schön komplizierte Frage“ - Schlussfolgerungen

Die Befragung der Demo-TeilnehmerInnen hat gezeigt, dass die Bandbreite dessen, was als Prekarität oder Prekarisierung begriffen wird, sehr groß ist und deshalb auch die Selbsteinschätzungen ob der eigenen Betroffenheit sehr unterschiedlich sind. Angefangen von einem jungen Mann, der von 400 Euro lebt und dies als so ausreichend empfindet, dass er sich nicht als prekär sieht, bis hin zu einem Lehrer, der die fehlende Möglichkeit, nichtsanktioniert und ohne Einbußen (zeitweilig) aus dem Job auszusteigen als Prekaritätskriterium benennt, erstrecken sich die Selbsteinschätzungen und Prekaritätsbestimmungen.
Die überwiegende Mehrheit der Befragten hat die eigene Lebens- und Arbeitssituation als eindeutig oder bedingt prekär bezeichnet. In fast allen Gesprächen wurde deutlich, dass die Befragten nicht ausschließlich für andere demonstrierten, sondern dass sie sich selber als Betroffene der Verhältnisse sahen oder sehen.
Insbesondere die immer wieder zu findende Einstufung „bedingt prekär“ und die Begründung für die durch „bedingt“ angedeutete Einschränkung sagen viel über die Prekaritätskriterien der Leute aus: In dieser Gruppe finden sich vor allem diejenigen, die zum Beispiel in sehr entgrenzten (also wenig Privatleben lassenden) Jobs arbeiten oder eine komfortable Befristung haben (zum Beispiel eine Vollzeitstelle auf drei Jahre), aber materiell ganz gut abgesichert sind. Es ist in den entsprechenden Interviews eine große Vorsicht zu spüren, sich selbst als prekär einzustufen, auch wenn Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen bekundet wird. In diesem Zusammenhang war auch das ein oder andere Mal die Sprache vom „Luxusprekariat“, um die eigene Situation von der imaginierten Lidl-Verkäuferin abzugrenzen. Dennoch bleiben die finanzielle Lage und ökonomische Zwänge die wichtigsten Kriterien, um sich selber das Label „prekär“ zu verpassen.

Arbeit wird in den Interviews als der bestimmende Faktor im eigenen Alltag erlebt – sei es aufgrund der Fülle an Zeit, die mit Erwerbsarbeit oder Erwerbsarbeitssuche verbracht wird, oder aufgrund der Bedeutung für die existenzielle Sicherung. Finanziell über die Runden zu kommen ist auch für Leute mit Erwerbsarbeit problematisch. „Die Organisation des eigenen Alltags und dafür zu sorgen, dass man nicht abrutscht [nimmt] immer mehr Zeit und Raum ein.“
So überrascht es auch kaum, dass Prekarität von den Befragten fast ausschließlich in Bezug auf Lohnarbeit definiert wird, wobei die folgenden Aussagen, wie bereits angedeutet, als Kriterien für Prekarität eine deutlich geringere Rolle spielten als die konkrete materielle Situation und die beruflichen Planungsperspektiven: „kein Arbeitsvertrag“, „keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung“, „Entgrenzung von/zu viel Arbeit!“, „Notwendigkeit, neben dem Studium zu jobben“, „zu viel Arbeit für zu wenig Geld“, „Erwerbszwang bzw. keine nicht-sanktionierte Möglichkeit des Ausstiegs“.Bemerkenswert ist, dass sich abgesehen vom Kriterium des Hartz-IV-Bezugs alle Nennungen auf die Verfasstheit der ausgeübten Lohnarbeit beziehen.

Wie nicht anders zu erwarten stehen die Beschreibungen der Lebenssituationen im Widerspruch zu dem, was sich die Leute eigentlich unter einem ‚schönen Leben’ vorstellen. So werden auf diese Fragen bereits die grundsätzliche Lebenssicherung betreffende Dinge, wie genügend Essen, Kleidung, Teilhabe an Kultur und Freizeit und „ein Einkommen, von dem man leben kann“ genannt. Bei circa zwei Dritteln der Interviewten ist die Frage nach einem schönen Leben direkt oder indirekt verbunden mit der Umverteilung von Arbeit, Verbesserung der Arbeitsverhältnisse oder dem Wunsch nach einer Gesellschaft, in der der Zwang zur Lohnarbeit aufgehoben ist. Nicht auf Kosten anderer zu leben, eine Gesellschaft ohne Ausschlüsse und die Möglichkeit zur Selbstbestimmung unabhängig von Geschlecht und Herkunft waren weitere häufige Wünsche.

In den Interviews wird aber auch darauf hingewiesen, dass wir uns beim Aufbau einer anderen Gesellschaft oftmals selber im Weg stehen: „Ich kenne das auch, gerade auch Anerkennung über die Arbeit zu bekommen und es ist schwer, da herauszukommen. Weil mein Umfeld dann doch kein Verständnis hätte, wenn ich sagen würde, ich hab heute Mittag keine Zeit, ich will ins Schwimmbad. Ich habe schon überlegt, ob ich eine fiktive Arbeitsgruppe gründe und die dann fiktiv in meinen Kalender eintrage, um dann genau ins Schwimmbad gehen zu können.“ Per Selbsttäuschung ins Schwimmbad dürfte nur eine von vielen Alltagsstrategien sein, die zu Tage treten, wenn wir unsere eigenen Arbeits- und Lebensverhältnisse zum Gegenstand der Untersuchung machen. Letztlich dürften die Antworten auf die Frage, wann, wo und wie wir uns selbst im Wege stehen, die interessantesten Ergebnisse für die Frage erbringen, wie Organisierung in Zeiten des prekären Lebens aussehen kann.

 

Wir bedanken uns herzlich bei allen, die bei der Umfrage am 1. Mai mitgewirkt haben!

Trackback URL für diesen Artikel

http://arranca.org/trackback/64

Erschienen in arranca! #39

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage dient dazu, zu testen, ob sie ein Mensch sind. Auf diese Weise werden automatisch generierte Postings (Spam) vermieden.
Image CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild zu sehen sind.