Opfer der Marktgesellschaft

Obdachlosenfeindlichkeit als klassistische Formation

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Klassismus meint klassenspezifische Diskriminierung in einem weiten Sinne. Der Begriff umfasst sowohl die Ausbeutung und Entfremdung von Arbei­terInnen wie sie die marxistische Analyse darstellt, als auch die Benachteiligung von Arbeiterkindern im Bildungssystem und die Kontrolle der EmpfängerInnen von Arbeitslosengeld II durch die Arbeitsverwaltung. Klassismus beleuchtet nicht nur die klassenspezifische Ausbeutung und Unterdrückung in Ökonomie und Politik, sondern auch die Zuschreibungen und Abwertungen im Feld des Sozialen und Kulturellen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu nannte dies Klassenrassismus.

Der Begriff Klassismus entstand zur gleichen Zeit wie der Begriff Sexismus, konnte sich in Deutschland aber nicht durchsetzen. Dies ist wahrscheinlich ein Effekt des Klassismus selbst. In der heutigen Zeit, in der sich das Bildungssystem zunehmend schließt und die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, wird der Begriff Klassismus häufiger verwendet – oft allerdings in einem verkürzten Sinne, der Fragen der Ausbeutung und Ökonomie ausblendet. Klassismus als Unterdrückungsform wird vielfach nicht wahrgenommen – von der Diskursforschung bis hin zur Antidiskriminierungspolitik der Europäischen Union. Dies gilt sowohl für die Bildungsbenachteiligung als auch für die Diskriminierung von Langzeitarbeitslosen und Obdachlosen. Zugleich wird der Kapitalismus, zu welchem Klassismus notwendigerweise gehört, da er auf eine Klassenteilung im Sinne des Eigentums an Produktionsmitteln beruht, als „alternativlos“ festgeschrieben. Entsprechend wird der Klassismus als verkürzte Kritik am Kapitalismus nur dort wahrgenommen, wo sich Steuerhinterziehungsskandale und steigende Kinderarmutsquoten gegenüberstehen. Man kann die Empörung nachempfinden, jedoch kann diese Wahrnehmung der Spitze des Eisbergs des „strukturellen Klassismus“ ihrerseits in einen Klassismus gegen Reiche umschlagen, der anschlussfähig ist an antisemitische Diskurse. Wichtig ist es, den strukturellen Klassismus wahrzunehmen, der sich immer gegen „die da unten“ richtet – wobei die Topographie von „unten“ und „oben“ bereits klassistisch ist.

10.000 mal Adel, einmal Obdachlos

Wie Klassismus konkret stattfindet, lässt sich am Beispiel der Obdachlosendiskriminierung gut darstellen, welche kaum thematisiert wird. Im europäischen Antidiskriminierungsrecht spielt sie keine Rolle. Das ist problematisch, denn soziale Gruppen, die in dieser Beschreibung nicht aufgelistet sind, gelten offiziell als nicht-diskriminiert. Damit wird eine Diskriminierungshierarchie erzeugt, die sich etwa in der Schaffung von Antidiskriminierungsstellen widerspiegelt, die zu den benachteiligten sozialen Gruppen forschen und mit deren Lobbygruppen kooperieren.

Sehr aufschlussreich ist die Entstehungsgeschichte des Wikipedia-Eintrags zu Obdachlosendiskriminierung. Wikipedia hat den Vorzug, dass die verschiedenen Fassungen eines Artikels in ihrem Entstehungsprozess und die kontroversen Diskussionen zu Formulierungsfragen mitverfolgt werden können. Interessant an dem Eintrag zu Obdachlosendiskriminierung ist, dass er kurz nach Erstellung gelöscht wurde. Im Löschantrag wurde argumentiert, dass nur eine Minderheit Obdachlose diskriminiere und Obdachlosendiskriminierung nicht existieren würde. Ein eigener Artikel zum Thema sei deshalb überflüssig. Nach langen Diskussionen, in denen angemerkt wurde, dass das deutschsprachige Wikipedia über 10.000 Artikel zum Thema Adel beinhalte, wurde der Eintrag mit Verweis auf die Langzeitstudie Gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit, in der von einer Abwertung von Obdachlosen die Rede ist, wieder hergestellt. Diese Diskussion scheint beispielhaft zu sein für das, was die Geschlechter- und Rechtsextremismusforscherin Birgit Rommelspacher Symbolische Diskriminierung nennt – das Unsichtbarmachen von diskriminierten Gruppen und ihren Benachteiligungen. In diesem Fall spiegelt der „Symbolische Klassismus“ ein Bildungsverständnis wider, welches von den herrschenden Klassen vorgegeben wird. Der Brockhaus ist hier nicht besser – im Gegenteil. Wikipedia erlaubt es immerhin den inhärenten Klassismus zu analysieren.

Unnütz in der Marktgesellschaft

Der Langzeitstudie Gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit der Universität Bielefeld zufolge nimmt die Abwertung von Obdachlosen zu. Grund dafür sei der Übergang von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft, wodurch die ökonomistische Denkweise des Kapitalismus mittlerweile auch zwischenmenschliche Verhältnisse dominiere. In der Folge werden Menschen zunehmend unter dem Fokus ihrer Verwertbarkeit, ihrer Nützlichkeit betrachtet. Langzeitarbeitslose, Menschen mit geistiger Behinderung und Obdachlose werden entmenschlicht und abgewertet. Die ForscherInnen untersuchen menschenfeindliche Einstellungen zu bestimmten Gruppen und gehen davon aus, dass diese auf einem gemeinsamen „Syndrom der Menschenfeindlichkeit“ beruhen. Allerdings benutzen sie für die menschenfeindlichen Einstellungen gegenüber Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Behinderungen nur den Begriff „Abwertung“, während sie für menschfeindliche Einstellungen gegenüber anderen Gruppen die Diskriminierungs-Suffixe „-feindlichkeit“ (Fremdenfeindlichkeit), „-phobie“ (Homophobie, Islamophobie) und „-ismus“ (Sexismus, Rassismus, Antisemitismus) benutzen. Dabei sollen diese drei sozialen Gruppen am stärksten unter dem Übergang zur Marktgesellschaft leiden. Damit soll hier dem Bielefelder Forschungsprojekt keine Diskriminierungshierarchie unterstellt werden. Im Gegenteil: Es ist erfreulich, dass es im Gegensatz zum Antidiskriminierungsprogramm der EU die Benachteiligung und Abwertung von Obdachlosen und Arbeitslosen ins Blickfeld rückt. Es scheint aber, dass die Diskriminierung von Obdachlosen und Arbeitslosen unterschiedlich gewichtet wird. Für diese These spricht auch, dass die WissenschaftlerInnen die Feindlichkeit gegenüber Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen erst im Laufe des Forschungsprozesses und nicht von vornherein als Untersuchungsgegenstände aufgenommen haben, obwohl sie auf den Ausdruck Behindertenfeindlichkeit von Birgit Rommelspacher hätten zurückgreifen können.

Vom Hass getrieben

Der Klassismus gegenüber Obdachlosen zeigt sich nicht nur in zunehmend feindlicheren Einstellungen, sondern auch in gewalttätigen Übergriffen und Morden. Vor knapp zehn Jahren recherchierten Tageszeitungen rechtsextrem motivierte Morde in Deutschland und dokumentierten Listen, die sehr viel umfangreicher waren als die offizielle entsprechende Kriminalstatistik. Infolgedessen wurde der Straftatbestand der Politisch Motivierten Kriminalität eingeführt, zu der auch die so genannte Hasskriminalität zählt. Viele dieser Tötungen waren Morde an Obdachlosen. In den 1990er Jahren zählte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe 107 Morde an Obdachlosen. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich sehr viel höher. In den letzten Jahren wurden diese Übergriffe noch perfider. Mit dem Begriff des Happy Slapping werden gewalttätige Übergriffe von jugendlichen Banden mit oftmals rechtsextremem Hintergrund bezeichnet, die willkürlich Schwächere überfallen, misshandeln und ihre Taten per Video im Internet oder auf dem Handy festhalten.

Obdachlose zählen zu den bevorzugten Opfern, da sie in der Markthierarchie der Nützlichkeit weit unten stehen, kein schützendes Zuhause haben und in der Regel die Übergriffe nicht anzeigen. So zeigte keines der mindestens fünf Opfer, die im Oktober 2007 in Köln von Jugendlichen misshandelt und zusammengetreten wurden, ihre Täter an. Diese wurden nur überführt, weil sie ihre Taten im Internetportal YouTube zur Schau stellten. Vor allem in den Vereinigten Staaten ist in den letzten Jahren die Zahl der Morde an Obdachlosen stark gestiegen. Inzwischen gibt es nach offiziellen Zahlen mehr Hassverbrechen (Hate Crime) mit tödlichem Ausgang mit dem klassistischem Motiv der Obdachlosenfeindlichkeit als mit rassistischem und sexistischem Hintergrund.

Diskriminierungs­überschneidungen

In der Klassismusforschung wird davon ausgegangen, dass diese Diskriminierungsform sich mit anderen überschneidet („Intersektion“) und dass mit diesen Überschneidungen auch „intersektionelle Identitäten“ entstehen. Entsprechend unterscheidet auch die Männerforscherin Raewyn Connell verschiedene Typen von Männlichkeit. In jeder patriarchalen Gesellschaft profitieren Männer vom Geschlechterregime, auch Männer mit einer marginalisierten oder untergeordneten Männlichkeit. Einzige Ausnahme sind obdachlose Männer. Diese sind aufgrund ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung und Stigmatisierung so weit „unten“, dass sie nicht von der „patriarchalen Dividende“ profitieren. Vor allem bei Überschneidungen von Obdachlosigkeit mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten vervielfacht sich die Diskriminierung dieser Gruppe, da sie in ihrer Nützlichkeit noch mehr sinken.

Straßenkinder gibt es auch im wohlhabenden Deutschland. Mit steigender Kinderarmut wächst auch die Zahl obdachloser Minderjähriger. Dennoch werden seit Jahren mit dem Argument der leeren Kassen kommunale Unterstützungen gestrichen. Die Streichung der Finanzierung von Frauenhäusern hat ebenso negative Effekte. Frauen gehen mit Obdachlosigkeit anders um als Männer, daher wird ihre Wohnungsnot oft nicht sichtbar. Unsichtbar bleibt damit auch die Gefahr von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen, der sie ausgesetzt sind. Dies gilt insbesondere für Mädchen, für die bundesweit nicht einmal zehn Mädchen-SleepIns existieren.

Vom „lachenden Vagabunden“ zum „Wohlstandsmüll“

Vielleicht kennt noch jemand Fred Bertelmanns Schlager Der Lachende Vagabund von 1957. Natürlich ist der Text verklärend und romantisierend: Es zeigt sich ein dem Antiziganismus entsprechender „Exotismus“. Insofern blendet er die tatsächlichen Alltagsprobleme von Obdachlosen klassistisch aus. Aber es findet sich ein Rückgriff auf eine Vagabundentradition der Weimarer Republik. Im Nationalsozialismus wurden bekanntlich Obdachlose als Asoziale verfolgt, allein mit der Aktion Arbeitsscheu Reich wurden 1938 weit über 10.000 als „asozial“ bezeichnete Personen in Konzentrationslager verschleppt. Die Vagabundenbewegung in der Weimarer Republik ging noch mit dem Selbstbewusstsein einher, sowohl kulturschaffend als auch politisch aktiv zu sein: Sie gab Zeitschriften heraus und führte trotz kommunalen Widerstands an Pfingsten 1929 einen Vagabundenkongress durch.

Die Vagabunden dieser Zeit nannten sich selbst „Kunden“. Dieser Begriff hielt sich in der DDR und wurde dort als Selbstbezeichnung der Blueserszene benutzt, einer Jugendbewegung die sich an der westlichen Hippieszene orientierte. Im Kapitalismus erfuhr der Begriff Kunde jedoch eine Bedeutungsverschiebung - Kunden wurden nur noch als (zahlungskräftige) KonsumentInnen wahrgenommen. Die einstigen KundInnen wurden zu Nicht-KundInnen und sind als solche massiven Ausgrenzungen ausgesetzt. Der Begriff „Kunde“ wird aber auch von der Arbeits- und Sozialverwaltung für ihre arbeitslosen „KundInnen“ verwendet, was mit dem Einzug von neuen bürokratischen Steuerungsmodellen und einer scheinbar Dienstleistungsorientierung zu tun hat – auch wenn der Kundenbegriff hier stark umstritten ist. Da sie keinen Umsatz versprechen, erhalten sie Aufenthalts- und Ladenverbote. Ein Nutzen in der Marktgesellschaft ergibt sich nur über die Verwertbarkeit im kapitalistischen Sinne. Passagen aus Fred Bertelsmanns (verklärendem) Loblied wie „Was ich erlebt hab, dass konnt nur ich erleben – meine Welt ist bunt“ erscheinen angesichts der Allgegenwärtigkeit von Internet und der Farbenfreudigkeit der tatsächlichen Omnipräsenz der Werbung antiquiert. Obdachlose haben nichts mehr zu sagen – ihre Welt erscheint grau, denn sie können nicht konsumieren. Dass diese Farbigkeit der Marktgesellschaft jedoch nicht befriedigen kann zeigt sich nicht zuletzt in den klassistischen Gewaltexzessen gegen Obdachlose.

Andreas Kemper ist Soziologe und lebt in Münster.

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Erschienen in arranca! #38