Prozac® und Glück im Spätkapitalismus

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Man kann glücklich sein im Kapitalismus - hierfür nehmen weltweit bis zu 35 Millionen Menschen das Antidepressivum Prozac®.

Sein Wirkstoff Fluoxetin steht sinnbildlich für die erste Generation der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Diese weisen gegenüber den sonst verbreiteten trizyklischen Antidepressiva1 geringere Nebenwirkungen und eine selektivere Ausrichtung auf.

Während bei Angstzuständen und Depressionen oft ein geringes Level des Neurotransmitters Serotonin festgestellt werden kann, sorgt Fluoxetin für eine höhere Konzentration von Serotonin zwischen den Synapsen, womit das Erscheinungsbild von Depression und Angstzuständen stark gemildert werden kann. Als Folge können Antriebssteigerung, ein deutlich geringeren Schlafbedürfnis, Veränderung des Appetits sowie Gefühle ähnlich des Verliebtseins und Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Wohlbefinden festgestellt werden2. Zusätzlich verfügt Fluoxetin über eine relativ lange Halbwertszeit von ca. 4 - 6 Tagen, weshalb es nicht ständig eingenommen werden muss. Aus diesen Gründen verwundert es nicht, dass Fluoxetin seit seiner Einführung 1987 relativ schnell seinen Weg von der medikamentösen Behandlung von Depressionen hin zu einer breiten Anwendung in der biotechnologischen (Selbst)Optimierung gefunden hat, weshalb es seit Längerem auch als Lifestyle-Droge Karriere macht. Seine Wirkung und die geringeren Nebenwirkungen machen Prozac® und Co. zu einem angenehmen Medikament auch für Gesunde und verschieben die Grenze zwischen Krankheit und Gesundheit. Um Alain Ehrenbergs Buch „Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart“ (2004) zu folgen: „Das Antidepressivum hört auf, ein Medikament zu sein, so wie die Depression aufhört, eine Krankheit zu sein.“Als Gefühlsstabilisator eingesetzt, wandelt sich die subjektive Funktionalität von fluoxetinhaltigen Medikamenten. Galt es früher die Depression zu lindern, soll nun die eigene Befindlichkeit medikamentös besser an neue und härtere Anforderungen postfordistischer Lebens- und Arbeitsverhältnisse angepasst werden.

Gouvernementalität, Selbsttechnologie und neue Anforderungen im Postfordismus

Damit stellt sich die Frage der Selbstoptimierung, die exemplarisch an den späten Arbeiten Foucaults und mit Bezug auf Boltanski und Chiapello beleuchtet werden soll. Durch die Gouvernementalität entwickelt Foucault eine Neufassung der Konzeption der Regierung, welche er als „Führen der Führungen“ im weitesten Sinne versteht. In ihr zeigt sich die Verbindung von Herrschaft und Macht, ebenso „wie Herrschaftstechniken sich mit  ‚Technologien des Selbst’ verknüpfen“. Man ahnt schon die Verbindung von Selbstführung mit Formen der Herrschaft und Lenkung. Also von Elementen der Beherrschung, die auf der Basis der Zustimmung und Selbstführung der Beherrschten funktionieren und so eine Kopplung von Selbsttechnologien mit Regierungszielen bedeuten.


Dies geschieht für Foucault nicht mehr nur direkt durch Zwang, sondern im Kontext von Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung. Die Freiheit ist bei Foucault das Ergebnis von Sicherheitstechnologien, „die Freiheit [ist] nur das Korrelat der Einsetzung von Sicherheitsdispositiven.“ Mit dieser Freiheit entsteht die Gefahr, dass die individuellen Interessen das Allgemeininteresse gefährden. Für Focault generiert die Freiheit selbst das Bedürfnis nach Sicherheit. Freiheit wird so zu einem Moment der „Regierungsrationalität“ und damit verleitet es die Subjekte, „dem unternehmerischen Verhalten der ökonomisch-rationalen Individuen“ zu folgen, um diese Unsicherheit zu reduzieren oder kalkulierbar zu machen. Damit zeichnet sich schon die Möglichkeit der Ausrichtung der eigenen Lebensführung an ökonomischen Überlegungen und betriebswirtschaftlichen Effizienzmaßstäben ab, die später auf die medikamentöse Selbstoptimierung bezogen werden sollen.


Das Wort Lebensführung ähnelt dem Wort Unternehmensführung und lässt die ökonomische Dimension erahnen. Es sei daran erinnert, dass Selbsttechnologien Freiheit, also Wahlmöglichkeiten und Alternativen, benötigen, dabei jedoch diese Selbstentwürfe und -technologien nicht vollständig frei entstehen, sondern an Normen gekoppelt sind, die festlegen, „wie man sich selber konstituieren soll als Moralsubjekt, das in Bezug auf die den Code konstituierenden Vorschriften handelt.“ Der Bezug auf den Code und die Normen ermöglicht Alternativen und verschiedene Arten, sich zu Gesetzen und Ge- und Verboten zu verhalten. „Sie betreffen das, was man die Bestimmung der ethischen Substanz nennen könnte, das heißt, die Art und Weise, in der das Individuum diesen oder jenen Teil seiner selbst als Hauptstoff seines moralischen Verhaltens konstituieren soll.“ Foucaults Verständnis der „Technologien des Selbst“ zufolge ermöglichen sie es Individuen, „mit eigenen Mitteln bestimmte Operationen mit ihren Körpern, mit ihren eigenen Seelen, mit ihrer eigenen Lebensführung zu vollziehen, und zwar so, dass sie sich selbst transformieren, sich selbst modifizieren und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürlicher Kraft erlangen“. Dass dafür Fluoxetin und eine medikamentöse Selbstoptimierung von vielen Menschen eingesetzt wird, erscheint daher nicht verwunderlich.

Codes und Normen der Selbstregierung

Zu klären bleiben noch der Code und die Normen, zu oder mit denen sich die Subjekte selbst konstruieren sollen, welche diese Technologien und Optimierungen erfordern und in Bewegung setzten.


An dieser Stelle soll Boltanski/Chiapellos Neuer Geist des Kapitalismus bemüht werden, in dem die Autoren sich intensiv und empirisch (in Bezug auf Managementliteratur) mit der Frage der Rechtfertigung von Verhalten auseinandersetzen und deren Rechtfertigung in der Cité par projets als der Code und das Normengerüst gelesen werden kann, an dem sich immer mehr Selbstentwürfe und Optimierungen orientieren. Boltanski/Chiapello untersuchen Cités, worunter sie Logiken der Rechtfertigung von Größe verstehen. Dabei entdecken sie verschiedene Recht­fertigungsstrategien, wie z. B. Größe, die durch hierarchische Position begründet wird oder durch Ruhm, also der Meinung und Anerkennung von anderen. Interessant erscheint eine von ihnen scheinbar neu entdeckte Form der Logik, die der Cité par projets. Diese bezeichnet eine Form der Gerechtigkeit, die einer vernetzten Welt entspricht.“ In dieser Cité wird „Größe“ am Level der Aktivität gemessen. Dabei werden die Gegensätze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit, Stabilität und Instabilität, Selbstinteresse und Fürsorge etc. aufgehoben. „Aktivität heißt, Projekte zu generieren oder sich in Projekte zu integrieren, die andere initiiert haben. Sie besteht darin, in Netzwerke einzudringen.“ Um dies leisten zu können, sind die Subjekte auf bestimmte Eigenschaften angewiesen, die sich exemplarisch in den zwölf folgenden Anforderungen ausdrücken: Sie müssen anpassungsfähig, flexibel, polyvalent und fähig sein, Vorgehensweise und Werkzeuge zu wechseln. Sie müssen aktiv, autonom, Vertrauen erweckend, tolerant und akzeptiert sein, Führungsfähigkeiten vorweisen und Visionen entwickeln können, ebenso wie sie ihre Fähigkeiten dem Allgemeinwohl zur Verfügung stellen können sowie andere an der eigenen Netzwerkerfahrung partizipieren lassen können. Mit diesen Anforderungen und dem Verständnis von Selbsttechnologie kann nun zur medikamentösen Selbstoptimierung zurückgekehrt werden.

Prozac®: Ambivalente Konsequenzen der Einnahme

Um es noch einmal prägnant darzustellen: Fluoxetin kann es Subjekten ermöglichen, ohne Angst und mit positivem Wohlbefinden, extrovertiert in Kommunikation mit anderen Menschen zu treten oder, wie Ehrenberg den Psychoanalytiker Kramer zitiert: „Prozac verschafft lediglich unhedonistischen Personen Zugang zu Gefühlen der Freude, wie sie normale Menschen auch haben.“ Der Antrieb ist gesteigert. Man kann offen auf andere zugehen und selbstständig mehr Arbeitsleistung bei eventuell sogar weniger Schlaf bewältigen. Man kann trotz möglicher negativer Ergebnisse ausgeglichen sein und sich an wechselnde Situationen anpassen.


Die Schweinereien, die einem die postfordistischen Arbeits- und Lebensverhältnisse zumuten, können im besten Fall als bloße Möglichkeiten der Selbstentfaltung wahrgenommen werden, wobei für manche sogar die Erfüllung dieser Ansprüche ein Genuss darstellen kann.

Mit der medikamentösen Selbstoptimierung geht die Gefahr einer Dekonfliktualisierung einher. Während ohne Mittel wie Fluoxetin zumindest noch die Erfahrung von Leiden an gesellschaftlichen (und persönlichen) Verhältnissen zu Tage tritt, man den Verlust von Handlungsfähigkeit beobachten kann und daraus eventuell der Versuch der Veränderung/Erweiterung von persönlichen oder gesellschaftlichen Missständen folgt, wird mittels Fluoxetin und Co. diese Dimension meist vernachlässigt. Es kann passieren, dass man sich nicht den Konflikten stellt, weil diese nicht mehr so schmerzhaft und störend empfunden werden, womit eine Gleichgültigkeit gegenüber störenden gesellschaftlichen und privaten Bedingungen einhergeht. Allerdings kann Fluoxetin auch als eine Befähigung wahrgenommen werden, die einen Konflikte besser bewältigen lässt. Dabei gilt es zu erinnern: Antidepressiva lösen nicht die Ursachen von Depressionen, sondern nur die Symptome. Sie bewirken das auf Distanz halten von Konflikten und deren negativen Folgen. Hier kann Ehrenbergs Mahnung gelten: „Wohlbefinden ist nicht Heilung, denn heilen bedeutet, leiden zu können, in der Lage zu sein, das Leiden zu tolerieren. Geheilt sein heißt aus der Perspektive nicht glücklich, sondern frei zu sein, das heißt, eine Macht über sich selbst zurückgewinnen, die es einem ermöglicht, sich für dieses oder jenes zu entscheiden“
Dabei gilt es, die Dimension der möglichen Persönlichkeitsveränderung durch Fluoxetin zu bemerken. Aufgrund ihrer langen Wirkung und der möglichen langfristigen Einnahme gilt Prozac® auch als eines der ersten Medikamente, denen eine dauerhafte Persönlichkeitsveränderung nachgesagt wird3. Nicht zu unterschätzen ist dabei die aggressive und oft erfolgreiche Werbung, den ein riesiger pharmazeutischer Komplex um diese medikamentöse Selbstoptimierung aufgebaut hat. Dieser gibt den Konsumenten vor, dass sie ihre Potentiale weder kennen noch ausnützen können, wenn sie nicht diese Medikamente zur Selbstoptimierung einsetzten.

Eli Lilly, die Firma, die mit Fluoxetin 1996 32% ihrer Gesamteinnahmen (2,3 Milliarden USD) erwirtschaftet hat, bewarb Prozac® mit dem Slogan „Neuroscience: Improving Lives, Restoring Hope“ und machte damit die Selbstoptimierung werbewirksam transportierbar und eine mögliche Abhängigkeit und medikamentöse Selbstoptimierung zu ihren Gunsten ausnutzbar. Die Gefahr ist real, dennoch bleibt eine Ambivalenz von Prozac® und Co., denn sie ermöglichen vielen Menschen erst, überhaupt selbstständig zu handeln. Um Lewis Bradley mit seinem Aufsatz „Prozac and the post-human politics of cyborgs“ zu Wort kommen zu lassen : „Consider the situation of the spouse-abused woman who gets enough energy and hope through Prozac to stand up to or leave her man. Or, at the larger political level, perhaps the next Simone de Beauvoir, Adrienne Rich, Kwame Nkrumah, or Angela Davis will be on Prozac. Perhaps, without Prozac, the revolutionary spirits of our imagined future revolutionary will be too exposed and too vulnerable to stay on the path of rebellion.“
Es gilt die Ambivalenz von Prozac® und Co zu beachten, welche in einer vielleicht zu positiven Lesart als vielleicht bessere Verwirklichung individueller Lebensziele gedeutet werden kann. Daneben gilt es zu überlegen und zu kritisieren, auf welche Weise Prozac® und Co. im Einklang mit postfordistischen Anforderungen sind, wie sie z.B. in einer Cité par projets an Subjekte gestellt werden und warum die potentiell offenen Lebensentwürfe und daraus resultierenden möglichen Selbstoptimierungen nur selten auf eine emanzipatorische Alternative hinauslaufen. Um es noch einmal mit Bradley zu sagen: „The effects of Prozac, the drug, like other kinds of technoscience, is not clearly oppressive or liberatory. It is both. Sometimes one more than another, but always both.

1 Sie wirken auf die Wiederaufnahme von Neurotransmittern (Serotonin, Noradrenalin, Dopamin) ein, weisen jedoch stärkere Nebenwirkungen auf.

2 Daneben sind natürlich auch mögliche Nebenwirkungen, wie Appetitlosigkeit, Nervosität, sexuelle Funktionsstörungen, Schlafstörungen, suizidale Tendenzen und andere beobachtbar.

3 Psychology Today: „Even the most casually aware citizen can feel the shift in thinking brought about by the drug’s ability to “transform” its users: We speak of personality change, we argue over the drug’s benefits over psychotherapy ... and we let ourselves imagine a world in which our pain is nullified, erased as easily and fully as dirty words on a school blackboard. (Mauro, 1994, p. 44) .

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Erschienen in arranca! #37