Im Rausch der Praxis

Zwei Tage vor dem blockierten Heiligendamm

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„Liebe Freundinnen und Freunde, wir haben jetzt sichere Infos, dass alle anderen Zufahrtsstraßen nach Heiligendamm auch blockiert sind. Wir schreiben gerade Geschichte.“

Ich kann selbst nicht fassen, was ich da gerade ins Megaphon spreche. Nach all den Jahren als Gipfelstürmer glaubt man eigentlich an gar nichts mehr. Und außerdem hatte der Tag nicht gerade gut angefangen.

Noch nicht einmal zwei Stunden zuvor lag ich noch keuchend auf dem Rücken auf dem Boden eines Feldes, eine ganze Ladung Pfefferspray im Gesicht. Neben meinem Kopf quäkten im Stakkato gesprochene Kommandos zweier Französinnen, die auf derselben Frequenz funkten wie wir, aus meinem Walkie-Talkie, über mir kniete meine Berliner Bezugsgruppe und spülte mir wieder und wieder die Augen. In meinen Eingeweiden wütete der Brechreiz, aber nichts wollte durch die Speiseröhre. Mein Kopf brannte wie Feuer. Welches Schwein hat das er funden? Trotz des Pfeffers konnte ich das Feld riechen. Wann war ich zuletzt in einem Feld gelegen? Vor zwanzig Jahren als Grundschüler in Oberbayern? Ich war mir ganz sicher, dass damit die Blockade, der Tag, eigentlich der ganze Gipfel für mich zu Ende ist. Wer bekommt schon seine Portion Pfeffer ins Gesicht und steht einfach wieder auf? Irrtum. Nach einer halben Stunde waren wir wieder auf den Beinen. Wir hatten das Augenspülen in Berlin und auf dem Camp so oft geübt, kaum ein Wort hatte fallen müssen. Vier routinierte Hände hatten in mein Gesicht gegriffen und mit der Zärtlichkeit eines Uhrmachers meine verkrampften Lider gelöst, um Liter um Liter Wasser über meine offenen Augen zu gießen. Noch zwei andere aus meiner Gruppe hatten Pfef fer abbekommen, auch sie konnten fast problemlos weiterlaufen. Es blieb nur der Brand auf der Haut. Wir hatten sogar noch genug zu trinken.

Mit weichen Knien marschierten wir zur Straße. Noch vor dreißig Minuten war sie das vorletzte Bollwerk der Polizei gegen mehrere tausend Leute aus dem Rostocker Camp gewesen. Das monatelange Training der Fünf-Finger-Taktik hatte sich ausbezahlt. Aus einem Demozug waren auf Kommando fünf Blockadefinger geworden. Nur der unsere war überhaupt auf eine Polizeieinheit gestoßen, die die wenigen Quadratmeter Asphalt mit ihren Gummiknüppeln, ihren Pfefferspraydosen und ihrem Wasserwerfer befehlsgemäß verbissen gegen einen Haufen Menschen mit erhobenen Händen verteidigt hatte. Nun war die Straße aufgegeben und die Einheit in ihre Wagen gestiegen. Die ganze Absperrung war beim Teufel. Wir waren schon tief in der Zone II. Fast zwei Wochen juristischer Streit durch alle Instanzen hatte sich mit wenigen Schritten erledigt. Nach weiteren zehn Minuten waren wir wieder vereinigt mit den Compañeras vom dunkelblauen Finger und zogen neben den anderen Zügen im Dreierreihen-Gänsemarsch wie ein humpelnder chinesischer Drache durch das Feld. Die Sicht war endlos weit, der Himmel so blau wie noch nie, die Menschen nicht zu zählen. Die Roggenähren bogen sich im Wind. Nie werde ich diese Bilder vergessen. Über uns donnerten vier tieffliegende Bundeswehrhubschrauber.

Als uns auf der nächsten Querstraße der Wasserwerfer angriff, waren wir schon fast wieder weg. Nass und prustend liefen wir auf die drei weißen Windräder zu, die man uns am Vorabend in Rostock im Schutz der Anonymität einer halbdunklen Jurte zur ultimativen Orientierungshilfe für unser Ziel erklärt hatte.

Bei der Straßenbesetzung stießen wir quasi nicht mehr auf Widerstand. Die Bullen rannten ins Feld. Sie dachten, wir wollten zum Zaun durchbrechen. Noch ahnten wir nicht, dass die Compas aus Reddelich in diesem Moment bereits ans Südtor von Heiligendamm klopften. Wir bogen links ab und setzten uns. Ein einzelner Polizist holte mit dem Schlagstock aus, ließ den Arm sinken, die Schultern hängen und trottete zum Rest seiner Einheit in die Ähren. Und da sitzen wir nun, direkt vor und neben acht Bullenwannen, mitten auf der Straße. Ein erstes Deli-Plenum der Bezugsgruppen beginnt auf dem Bürgersteig. Ich bin Moderator. Erst meldet sich niemand. Dann doch die erste zaghafte Frage: „Sitzen wir hier wirklich richtig?“ Der Zugführer kommt und will seine Wannen wiederhaben. Jemand weiß von einem Lautiwagen irgendwo zwischen uns und dem Zaun in der Zone II.

Die Diskussion beginnt: Die Wannen stehen mitten in unserer Blockade und schneiden uns von circa vierhundert anderen Sitzenden ab. Die Auspuffrohre verpesten die Luft auf Kopfhöhe der Sitzenden. Die Wagenbesatzungen werden uns mittelfristig angreifen, wenn wir den Weg nicht freimachen. Der Beschluss fällt einstimmig. Ich beginne zu verhandeln. Laut-KW gegen Mannschaftswagen. Keiner weiß, wo der Lauti steckt. Aus dem Funkgerät des Zug führers rattern ohne Pause gebrüllte Befehle der Einsatzleitung. Wir bleiben zurückhaltend freundlich, er bietet mir das Du an. Auf seiner Stirn perlt der Schweiß. Meine Wange brennt vom Pfeffer. Der Funkspruch kommt. Der Lauti ist geortet. Nach einer halben Stunde ist er da. Ein kleines altes umgebautes Feuerwehreinsatzfahrzeug. Wieder Applaus. Ich moderiere den Umzug der Blockade. Die erste Bezugsgruppe steht auf und setzt sich auf ihre neue Position. Erst dann folgt die nächste. Die Wannen fahren los. Vier Kombis auf einem Hotelparkplatz behalten wir als Verhandlungsmasse. Die erste Phase ist vorüber, die Blockade stabil. Über die Felder kommt Nachschub aus Wladirostock. Menschen, Essen, Klopapier. Unsere roten Kapuzenpullis hängen zum trocknen über einem Zaun, daneben Socken, Hosen, Mützen. Ich werde abgelöst. Zwei Compas aus meiner Gruppe moderieren auf deutsch und englisch weiter, zwei Leute aus dem Wendland verhandeln mit den Cops. Ich höre noch, wie der Zugführer um freies Geleit für die Einheit seiner Kolleginnen und Kollegen vom USK bittet, die seit über vierundzwanzig Stunden im Einsatz sei und nach vierzehn Stunden ohne Essen jetzt dringend nach Hause müsse. Grüß Gott mein Bayernland. Ich lege mich zu meiner Bezugsgruppe auf die Straße, ziehe mir meine Castro-Mütze ins Gesicht und schlafe sofort ein. Als ich nach einer halben Stunde wieder aufwache, liege ich mitten auf einem Straßenfest. Die Stimmung ist ausgelassen, die Erleichterung in der Luft fast mit Händen zu greifen. Der neue Lautsprecherwagen spielt Musik. Viele Menschen stehen. Schmatzen, lachen, englisch, schwedisch. Eine Graswolke hängt in der Hitze über unseren Köpfen fest. Husten. Dann kommen die Leute von der vorderen Blockade. Geräumt. „Wieso seid Ihr nicht gekommen? Was macht Ihr hier eigentlich?“ Böses Blut. Hinter ihnen die Bullen. Ein Wasserwerfer, eine halbe Hundertschaft. Sie feixen. Wir wirken nicht wie ein ernst zu nehmender Gegner. Die Moderation reagiert. Alle bleiben ruhig. Nach fünf Minuten sitzen wir in Regenjacken, Überhosen und Müllsäcken auf der Straße, über uns schwere Plastikplanen. Niemand spielt mehr Hackiesack.

Eine halbe Stunde lang passiert gar nichts. Meine Beine schlafen ein, der Asphalt wird zur Ameisenstraße. Wir skandieren Parolen. Hauptsache lustig. Auch ein paar Cops müssen lachen. Die wollen nur noch nach Hause. Sie geben auf. Der Tag geht langsam zu Ende. Das Delegiertenplenum tagt fast ohne Pause. Wer bleibt über Nacht? Was ist mit den Autos der Anwohnerinnen, dürfen die durchfahren? Die Hälfte will gehen, der Rest macht es sich bequem. Wir demonstrieren durch die Finsternis, mitten in der Zone II. Parolen nur für uns. Wir können kaum noch stehen. Der Siegestaumel treibt mich an. So sehen Siegerinnen aus.

Schon um zehn Uhr früh sind wir wieder da. Die Polizeisperre will uns nicht vorbeilassen. Wir schleichen uns durchs Feld. Großes Hallo. Lebensmittelberge liegen hinter dem Lauti. Aus Wichmannsdorf kommen drei Dixieklos. Das Plenum tagt alle neunzig Minuten. Die Anwohner dürfen weiter im Schritttempo über die Brache zwischen Straße und Feld. Das muss immer wieder neu beschlossen werden. Für die ersten Reihen ist jedes teure Auto eine Provokation. Das zehrt an den Nerven. Die Hippies jonglieren. Die Vokü schlüpft hinter einem Anwohnerinnenauto durch. Warmes Essen, Nachtisch, Tee. Auch die Nachbarschaft schleppt literweise Kaffee an. Bananen, Decken, Aspirin, Ratschläge. Wer sich diesmal zum Bleiben entschlossen hat, ist ausgerüstet. Unsere Nachschub-AG hat unsere Schlafsäcke und Isomatten aus dem Camp und übers Feld geschafft. Für den Notfall gibt es Rotkreuzdecken. Wir liegen Schlafsack an Schlafsack, wie eine Bärenfamilie. Eine Frau neben mir spricht im Schlaf. Aber wer kann schon finnisch? Das Lied vom Ende des Kapitalismus weckt uns wieder auf. Wir brechen ab wie besprochen und demonstrieren nach Bad Doberan, treffen die Blockierer aus Reddelich. Eine Demo wie ein Manu-Chao-Konzert. Im Zug nach Rostock schlafen wir ein. Vor dem Hauptbahnhof geht es weiter. Frischgewaschene Parteikader aus dem Rostocker Camp kapern die Demospitze und spielen Avantgarde des Proletariats. Wir skandieren um die Wette. Niemand hat mehr Angst vor den maskierten Bullen am Stadthafen. Applaus. „We are winning“ steht an jeder Wand.

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Erschienen in arranca! #37

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