Aufgaben, die gemeinsam bewältigt werden müssen

Ein Gespräch über das »Gründungspapier« des Revolutionären Kampfes

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GenossInnen von FelS diskutierten diesen Sommer über das Gründungspapier »Untersuchung – Aktion – Organisation« der Gruppe Revolutionärer Kampf (RK). Wir dokumentieren dieses Gespräch und geben danach eine kurze Zusammenfassung des Papiers, das komplett auf der Website der arranca! nachzulesen ist.

¿ FelS hat sich auch anhand einer Kritik an der Theoriefeindlichkeit der Autonomen gegründet. Ihr wurdet wahrscheinlich alle in den 1990er Jahren politisiert und habt das genaue Gegenteil dieser Theoriefeindlichkeit mitbekommen: die theoretizistische Überdrehung im Zuge des antideutschen und wertkritischen Feldzugs gegen den verkürzten Antikapitalismus. Welchen ersten Eindruck hinterlässt bei euch das RK-Papier?

MH: Ich wurde nicht in den 1990er Jahren politisiert und habe zwischen 1996 und 2004 nur ein halbes Jahr in der BRD gelebt, kann also bei der Einschätzung der »theoretizistischen Überdrehung« nur von dem ausgehen, was GenossInnen mir erzählt haben. Natürlich ist das Papier nicht wertkritisch. Es orientiert sich am »unmittelbaren Produktionsprozess « und will dort, also in der Fabrik, eine möglichst handgreifliche Praxis entwickeln helfen. Aber gerade aus diesem Anspruch spricht doch – zumindest in diesem Fall – die Distanz zur Produktion als erlebter Wirklichkeit. Was für groteske Situationen sich ergaben, als die Studenten in die Produktion gingen, kann man in den Protokollen der RK-Betriebsarbeiter bei Opel nachlesen.1 Für mich lässt sich dieses Papier, bloß weil es eine Praxis zu organisieren versucht, noch nicht in einen eindeutigen Gegensatz zum »Theoretizismus« stellen. Ich würde meinen ersten Eindruck so zusammenfassen: Ein starkes Verlangen nach Unmittelbarkeit, das selbst hochgradig »vermittelt« ist, und zwar auch theoretisch. Z.B. fällt in der Kritik an der Studentenbewegung die Nähe zu den – nicht wenig abstrakten – Analysen Hans Jürgen Krahls auf.2 Aufgaben, die gemeinsam bewältigt werden müssen Ein Gespräch über das »Gründungspapier« des Revolutionären Kampfes

IS: Was du »hochgradig vermittelt« nennst, würde ich einfach reflektiert nennen. Der Text ist doch recht klassisch aufgebaut: Erst die Skizzierung der objektiven Bedingungen und dann die Frage nach den Aufgaben der Revolutionäre. Dabei besteht ein zentrales Moment darin, die eigene soziale Herkunft radikal auf die Möglichkeiten politischer Praxis zu reflektieren – einmal als sozialistische Studenten und zum anderen als »Produkt« der Revolten von 1968, die, so der RK, von den Akteuren selbst nicht verstanden wurden. Was mich einfach erstaunt hat, war, dass alle Mythen, die ich mir ständig in den 1990er Jahren anhören musste, in diesem Text widerlegt wurden: Die radikale Linke ist nicht einfach unreflektiert in die Betriebe gegangen, sie hat nicht einfach die Septemberstreiks hochleben lassen, sie hat sich nicht einfach mit Befreiungsbewegungen identifiziert, hat sich nicht einfach zur Avantgarde erklärt. Das mag für viele Gruppen gestimmt haben, aber eben nicht für alle. Und da bleibt einfach die Frage, warum sich die Linke immer so gern an schwachen Gegnern abarbeitet und eben nicht an Traditionen, an welchen man ziemlich was zu beißen hat. Was mich beim Lesen beeindruckt hat, war das Niveau, mit dem hier die subjektiven und objektiven Bedingungen der eigenen Politik reflektiert werden.

HW: Dem würde ich zunächst schon zustimmen. Die Bereitschaft sich – bei allem heute etwas übertrieben anmutenden Verbalradikalismus – selbstkritisch und problemorientiert an die Analyse der Verhältnisse zu machen und über politische Dogmen einfach mal rüberzubügeln finde ich sehr spannend. Klassenanalyse zunächst als vor allem praktisches Problem zu begreifen und den Schritt von der vermeintlich »reinen« (und dadurch vor allem reaktionären) Kritik hin zu einem »Begreifen« der Verhältnisse zu machen – das finde ich schon interessant. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt so nicht erwartet.
Die Fixierung auf den männlichen weißen Fabrikarbeiter ist natürlich extrem augenfällig, da geht nichts drüber, soweit ich sehe. Trotz dieses blinden Flecks muss man dem Text zu Gute halten, dass bestimmte Probleme wenigstens im Vorbeigehen gestreift werden. Mir gefällt die generelle Skepsis gegenüber abstrakten Parolen sehr gut. Ich darf mal kurz zitieren: »Agitation und Propaganda sollen in der Untersuchung entwickelt und in sie einbezogen werden. Das ist eine Kritik an allen Versuchen, Klasseninteressen abstrakt zu vereinheitlichen. So haben Parolen wie ‚Gleicher Lohn für Männer und Frauen‘ eher moralischen Charakter, wenn sie nicht in Kampfsituationen aufgestellt werden« (11). Das hat etwas Bestechendes – auch wenn ich fürchte, dass die weibliche Belegschaft so verdammt schlecht vertreten wurde – und ist zu mindest ehrlicher als überall ein »das gilt auch für Arbeiterinnen« anzuhängen.

¿ Kommen wir zum Komplex Theorie und Praxis. Der RK scheint hier sozusagen einen vermittelnden Begriff dazwischen zu schieben und unterliegt so nicht der Tendenz, Theorie und Praxis ineinander auflösen zu müssen – den Begriff der Untersuchung. Ziel dieser ist es u.a., die Hindernisse für eine Beteiligung an Aktionen zu erkennen. In diesem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit einer langen Durststrecke konstatiert. Ist das nicht das Spannungsfeld, in dem sich die radikale Linke auch heute noch bewegt, um sich meist vorschnell in kurzlebigen Aktionismus oder praxisferne Theorieproduktion aufzulösen? Kann uns da das Papier des RK ein paar hilfreiche Gedanken an die Hand geben?

MH: Das Interessante an dem Text ist doch, dass der RK zunächst weniger sich selbst unter die Lupe nimmt als eine ihm ganz fremde gesellschaftliche Realität – die des Betriebs. Diese Realität muss er dann erstmal »reflektieren« und anschließend noch »untersuchen.« Sie bleibt Objekt, also fremd. Im Betrieb soll zwar auf möglichst wenig plumpe Weise agitiert werden, aber der Betrieb bleibt eben Gegenstand von Agitation. Was dann tatsächlich passiert ist, war doch, dass diese Betriebserfahrung die Leute kaputt gemacht und sie den anderen RKMitgliedern, die nicht in den Betrieb gegangen sind, fremd werden ließ. Dieser Versuch, zu »untersuchen« und dann zu agitieren, ist gescheitert. Die in die Betriebe gegangen sind, waren von ihrer ursprünglichen Zielsetzung ganz schnell nicht mehr überzeugt, wodurch sie ihren GenossInnen dann verdächtig wurden. Wer drin war im Betrieb, konnte nicht mehr kommunizieren mit denen draußen, wobei die Papiere eben von denen draußen geschrieben wurden. Der Ernst, mit dem das Untersuchungsprojekt angegangen wurde, ist natürlich bestechend. Aber man muss doch auch sehen, dass die Untersuchung – in ihrer praktischen Umsetzung – Theorie und Praxis tatsächlich nicht verbunden hat. Sie hat sie vielmehr in genau der Gegensätzlichkeit aufscheinen lassen, über die man doch hinaus wollte.

HW: Eindeutig: Jein. Das Konzept der Untersuchung an sich ist spannend, ich habe mich sofort an die »militanten Untersuchungen« in Italien erinnert gefühlt. Theorie und Praxis durchdacht, aber ergebnisoffen zu verknüpfen, gefällt mir als Grundansatz recht gut. Ich bin nur ein wenig hin und her gerissen was den Untersuchungsort angeht: Los zu marschieren, um in die Fabriken zu gehen, scheint mir schon eine mittlere Kopfgeburt zu sein, die sich aus vulgärmarxistischen Ideen speist. Nichts gegen den Versuch, die Menschen dort anzusprechen, wo sie sich aufhalten, aber ich finde den Ansatz einfach zu lohnarbeitszentriert. Um heute noch etwas mit dem Konzept der Untersuchung anfangen zu können, müssten meiner Ansicht nach alle Bereiche des Lebens und gerade der Reproduktionsbreich mit einbezogen werden. Gerade die vermeintlichen »Nebenschauplätze« – die heute, in Zeiten fragmentierter Lebens- und Erwerbsbiographien, gar nicht mehr so nebensächlich sind – scheinen mir interessantes »Material« zu liefern. Aber dann stellt sich natürlich die Frage, wo man anfangen soll. Bei sich selbst? Bei den GenossInnen, bei den Kassiererinnen bei Lidl oder beim Nachbarn? Die Frage nach dem angemessenen Ort scheint mir wirklich zentral, gerade heute.

IS: Da hast du Recht. Aber eigentlich müsste es doch darum gehen, heute in ähnlicher Weise vorzugehen. Dass die Arbeiterklasse nicht das auserwählte Subjekt für die Befreiung aller ist – geschenkt. Aber jetzt mal eine steile These: Während der RK in seinem Papier in voluntaristischer Manier eine Proletarisierung der Linken einfordert – darunter versteht er eine wirkliche Verflechtung mit den Kämpfen des Proletariats als gemeinsamen Prozess politischer Erfahrung – sind hierfür die objektiven Bedingungen ganz andere. Aus einigen RKlern wurden Hochschulprofessoren, Außenminister oder Europarlamentarier. Im Anschluss an Karl Heinz Roths These von der Wiederkehr der Proletarität ist doch genau das Untersuchungsprogramm des RK noch mal aufzunehmen. Gerade deshalb, weil die Fabrik nicht mehr zentral ist und der unmittelbare Produktionsprozess, von dem du sprichst, eben nicht unbedingt örtlich zu identifizieren ist. Es müsste doch genau darum gehen, die eigene Geschichte zu reflektieren – zum Beispiel die Erfahrungen der Betriebskämpfe, aber auch unseren Hintergrund als Post-Autonome – um sich dann die Frage zu stellen: Wie sind die Ausgangsbedingungen heute für eine politische Organisierung der Lohnabhängigkeit? Ich glaube, dann kommt man auch schnell zu der Feststellung, dass es kaum der Betrieb sein kann. Im Bereich der Callcenter hat sich ja gezeigt, dass es gerade notwendig ist, sich außerhalb zu organisieren. Voraussetzung von Karl Heinz Roths These ist ja die Angleichung der Lebensverhältnisse nach unten. Die Debatte wird ja auch im Rahmen der Prekarisierungsdiskussion geführt. Dass hierbei die Unterschiede zwischen den AkteurInnen sehr groß und die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind, ist offensichtlich. Aber müsste es nicht genau darum gehen, hier anzusetzen und die Aufgabe der Revolutionäre vor dem heutigen Hintergrund zu untersuchen? Schließlich sind wir – um im Jargon des RK zu bleiben – als sozialistische Intellektuelle einem allgemeinen Angriff der Verunsicherung ausgesetzt. Der »Ort« der Agitation ist nicht mehr ein uns äußerliches Objekt.

MH: Dass Untersuchungsarbeit heute wieder besonders aktuell ist – prinzipiell ist sie es ja immer, einfach als Voraussetzung tragfähiger Strategie – glaube ich auch. Besonders aktuell deshalb, weil sich – u.a. durch die Prozesse, die als »Umbau des Sozialstaats« und als »Prekarisierung « bestimmt worden sind – in der Klassenstruktur unserer Gesellschaft und in den Arbeitsverhältnissen zur Zeit einiges tut. Ob ich das als »Wiederkehr der Proletarität« bestimmt haben will, da bin ich mir nicht so sicher. Wobei der Begriff des »Prekariats« natürlich noch weiter daneben greift. Die Unzulänglichkeit der Begriffe zeigt eben, dass wir uns nicht genau genug klar gemacht haben, was hier geschieht. Von daher: Ja zur Untersuchung. Aber bitte nicht in Form der klassischen »militanten Untersuchung.« Die ist so, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen – nämlich fabrikzentriert und interventionistisch – einfach nicht mehr angebracht. Wir sollten zunächst bei uns selbst ansetzen. (Du hast Recht, wenn du sagst, der RK tue das, aber er scheint es eben nur möglichst schnell hinter sich bringen zu wollen.) Vor allem glaube ich, wir sollten viel stärker auf die Auflösung der Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit achten – eine Auflösung, die als Kapitalstrategie von Unternehmern und ihren politischen Vertretern forciert wird – um uns dann sehr genau zu überlegen, wie wir den Bereich der Nichtarbeit positiv und auf gesamtgesellschaftlich relevante Weise füllen können. Mir scheint, die Hausbesetzerbewegung hat das während der 1980er Jahre ein Stück weit geleistet. Ich meine, wir sollten uns diese und andere Kämpfe näher ansehen, um besser zu verstehen, was davon heute noch brauchbar ist – und auch, was damals fehlte, oder jedenfalls, wie solche Kämpfe heute, unter den veränderten Umständen, erweitert werden müssten.

Das Papier Untersuchung – Aktion – Organisation erschien 1970 und kann als Gründungspapier der Gruppe »Revolutionärer Kampf« (RK) gelten. Die Gruppe war eines unter vielen Sammelbecken nach den Revolten von 1968. Ihr bekanntestes Mitglied ist sicherlich der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer. Der RK verstand sich nicht als Partei, sondern war einer »interventionistischen« Politik verpflichtet, die sich in Häuser- und Betriebskämpfe ebenso einmischte wie in die Solidaritätsarbeit zu Lateinamerika oder in die Stadtteilarbeit. Neben den Gruppen Arbeitersache (München) und Proletarische Front (Hamburg) war der RK in der Redaktion der Zeitschrift Autonomie aktiv. Er verstand sich als Teil der Sponti-Szene in Frankfurt/M.
Das Papier beginnt mit einer Selbstverortung des RK in der antiautoritären Studentenbewegung. Das Papier hat den Zweck, »allgemeine Grundsätze« (3) der Arbeit zu fixieren.3 Nach1968 gab es dem RK zufolge zunächst zwei Erfahrungen: Es wurde begriffen, dass friedliche Parolen gegen die Gewaltsamkeit des kapitalistischen Systems ebenso wenig ausrichten wie die »Identifikation mit den Befreiungsbewegungen « (3). Die Fixierung auf parlamentarische Entscheidungsmechanismen stellte sich ebenso als Illusion heraus wie der aufklärerische Charakter der Wissenschaften. Mit der Erfolglosigkeit des antiautoritären Versuchs, »weitergehende gesellschaftliche Klasseninteressen zusammenzufassen« (4), setzte sich dann die Randgruppentheorie durch. »Erst während sich klärte, dass weder die Summe von Einzelkämpfen in den verschiedenen Überbauberufen eine Revolution ist, noch die Willenserklärung, sich auf die in den Überbauberufen noch nicht offen vorhandenen Klassenkämpfen auszurichten, schon revolutionäre Politik, rückte der Versuch ins Zentrum der Diskussion, über die alten Stadtteil- und Betriebsbasisgruppen hinaus, sich in organisierter Form an den Erfordernissen des proletarischen Kampfes zu orientieren« (5).
Für die sozialistische Intelligenz müsse die Organisation Gegenstand der Arbeit werden und nicht Voraussetzung – eine Feststellung, die sich vor allem gegen die diversen K-Gruppen der Zeit richtete, z.B. gegen die KPD/ML, von der es heißt, sie habe die »kleinbürgerlichen Vorurteile des Proletariats zu ihren eigenen« gemacht und sich »blind den Massen angepasst« (5). Aufgabe theoretischer Arbeit sei es aber, die praktischen Erfahrungen der Klassenkämpfe vor dem Hintergrund objektiver Voraussetzungen der »Kapitalbewegung« zu bestimmen. Konkret bedeutete dies für den RK, die politische Situation nach der Krise von 1966/67 zu analysieren.
Mit der Zerschlagung der kommunistischen Bewegung nach dem NS gab es dem RK zufolge Revolutionäre im wahrsten Sinne des Wortes nur »theoretisch« (7). Dies habe sich schließlich in der Studentenbewegung ausgedrückt, die mit ihrer »Entlarvungstaktik« (7) der bürgerlichen Ideologie bald an Grenzen gestoßen sei. Dieses Dilemma führte dem RK zufolge zu Projektionen, z.B. bei den Septemberstreiks 1969: »Noch im Gefängnis ihrer sich erst allmählich relativierenden Theoreme mussten die Reste der Studentenbewegung, die ihre eigene Spontaneität politisch nicht fortzuentwickeln vermocht hatten, die ‚neue‘ Spontaneität der Arbeiter als Klassenbewusstsein überinterpretieren, dem offensichtlich nur noch die revolutionäre Avantgarde in Form einer kommunistischen Partei fehlte« (8). Zudem kritisiert der RK die zu Grunde liegende Vorstellung von Avantgarde. Diese sei keine Selbstzuschreibung, sondern gehe »aus den Kämpfen selbst hervor« (8) und sei Ausdruck von Klassenbewusstsein, das nicht einfach aus den Produktionsverhältnissen abgeleitet werden könne. Festzustellen sei zudem, dass die Arbeit selbst zu einer Charaktermaske des Kapitalverhältnisses geworden sei, sich also darin eingerichtet habe. »Die Untersuchung der Bedingungen, unter denen diese Subjektivität heute nicht mehr naturwüchsig entsteht, umfasst im Rahmen der Klassenanalyse theoretische Anstrengungen, die eine deutliche Absage an mythologisierende Theorien über die Spontaneität des Proletariats enthalten« (9).
Dies sei vor allem deshalb notwendig, weil Krisenerfahrungen an sich noch keine emanzipatorische Wirkung hätten: »Das dumpfe Gefühl des Betrogenwerdens hat sich nicht in Erkennen des Verhältnisses als nicht schlichtem, sondern gesellschaftlichem, geschweige denn in den Willen zur Veränderung übersetzt« (11). Damit gehe eine Proletarisierung der Intellektuellen einher, worunter der RK einen »gemeinsamen Prozess politischer Erfahrung von Proletariern und Intellektuellen« (9) verstand. Dieser Prozess verlange nach einer Klassenanalyse, bei der das Engagement der Intellektuellen selbst Bestandteil der Reflexion von proletarischer Organisation und Klassenbewusstsein werde.
Aus dieser Reflexion entwickelt der RK den Begriff der Untersuchung: Die Tätigkeit, »die sowohl die objektive Bewegung des Kapitals und dessen Verwertungsschwierigkeiten erfassen, um ihre Auswirkungen auf Betriebsebene überhaupt erkennen zu können, sowie die sich auf dieser ersten Stufe artikulierenden Interessen und Widerstände der Arbeiter bestimmen muss, fassen wir unter dem Begriff der Untersuchung « (12). Weiter heißt es: »Für uns ist es notwendig, einerseits systematisch die Bedingungen und inneren Beziehungen bürgerlicher Ideologien und proletarischen Klassenbewusstseins zu untersuchen, andererseits historisch mit den kapitalistischen Verwertungsschwierigkeiten die Umstände und Bedingungen anzugeben, unter denen sich Kämpfe und Klassenbewusstsein entwickeln können« (14).
Diesen theoretischen Vorstoß konkretisiert der RK für die Betriebsarbeit. Die Klassenverhältnisse in ausgewählten Betrieben sollen so untersucht werden, dass es möglich wird, eine praktische Richtung für Kämpfe zu bestimmen. Die Untersuchung beinhaltet zudem Agitation und Propaganda, wobei diese nicht zur abstrakten Vereinheitlichung von Klasseninteressen dienen, sondern vielmehr in den Kampfsituationen selbst entwickelt werden sollen. Alles andere habe bloß moralischen Charakter. »Daraus ergibt sich die klare Zielrichtung von Agitation auf Aktionen, in denen Ideologie durchbrochen und gemeinsame Interessen wirklich zusammengefasst werden können, also nicht nur propagiert werden« (15).
Bevor erste proletarische Kerne in Aktionen entstanden seien, könne jedoch keine Aussage über die Organisationsform gemacht werden. Es gehe vor allem um die Bildung von Betriebsgruppen und die Auswertung von Aktionserfahrungen im Rahmen von Schulungen. »Bei diesem Prozess, der nur in der praktischen Einheit von Studieren, Kämpfen und Organisieren, die für uns programmatisch gilt, wirklich stattfinden kann, ist es Voraussetzung der ersten praktischen Schritte ebenso wie Bedingung der politischen Objektivierung für die weitere Verallgemeinerung in Form der Klassenanalyse, die Kategorien der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie aufzunehmen« (17). Dem RK ist bewusst, dass die von Marx entwickelten Kategorien im Kapital nicht in der sinnlichen Wirklichkeit wieder zu finden sind. Dennoch gelte es, eine allgemeine Realanalyse auf der Ebene der Konzern- bzw. Branchenebene durchzuführen. Diese müsse zugleich zu einer Klassenanalyse in Beziehung gesetzt werden, um die Entwicklung einer politischen Strategie zu ermöglichen. »Die Aufgaben, die hier anstehen, sind nur zu lösen im Fortschritt der proletarischen Bewegung und können nur begrenzt antizipiert werden. Vor allem sind es Aufgaben, die von der revolutionären Linken gemeinsam bewältigt werden müssen, und insofern sind es wesentliche Organisationselemente für die Herausbildung einer proletarischen Avantgarde, deren Strategiebildung längst beginnen muss, ehe die Organisation sich einheitlich darstellt.« In diesem Sinn verstand der RK auch seine »Beziehung zu anderen revolutionären Gruppen« (21).

Anmerkungen

1 Siehe Subsumption und Camembert in Autonomie Nr. 9, Oktober 1977

2 Hans Jürgen Krahl, bereits 1970 bei einem Autounfall gestorben, war selbst eine der Schlüsselfiguren der Studentenbewegung in Frankfurt/M. und zeitweilig Mitglied des SDS Bundesvorstandes. Eine Auswahl seiner Texte wurde posthum in dem Band Konstitution und Klassenkampf, Verlag Neue Kritik 1971, veröffentlicht.

3 Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die Seitenzahlen des Textes.

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Erschienen in arranca! #35

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