Eine kurze Antwort auf Lutz Taufer

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Daß es keine Linke geben kann, die sich nicht als Teil der Gesellschaft begreift, und daß deshalb so viele Bemühungen der BRD-Linken in den letzten 15 Jahren eigentlich unpolitisch blieben, darüber gibt es nicht viel zu streiten. Du hast recht, wenn Du das einfache Weltbild vieler radikaler Linker kritisierst, in dem nur noch ein „schwarz und weiß", „wir und sie" auftaucht. Ein solches Denken vereinfacht, übersieht, daß es Prozesse und Entwicklungen gibt, aber vor allem führt es dazu, daß es sich die Linke in ihrer Nische bequem machen kann. Für welchen Apparat ist es schon gefährlich, wenn sich Radikale mit sich selbst beschäftigen, sich gegenseitig ihre Konsequenz beweisen und dabei ab und zu etwas kaputt geht. Moderne Gesellschaften erzeugen Randgruppen, die man akzeptiert, weil die Stabilität der kapitalistischen Gesellschaften auch in ihrer Pluralität begründet ist. Sollen wir uns doch weiter zu zweitausendst tummeln.... Aus diesem Grund hast du natürlich auch recht, wenn du vom notwendigen Weg in die Gefilde, wo „der Reformismus lauert", redest. Wir werden nur ernst genommen werden, wenn wir die gesellschaftlich real vorhandenen Probleme ansprechen, wenn wir mit vielen reden, wenn wir uns darauf einlassen, daß unterdrückte Menschen (und das sind auch wir) natürlich in irgendeiner Weise auch „kaputt" sind: vereinzelt, obrigkeitshörig, spießig, rassistisch, frauenfeindlich ... Ein emanzipatorischer Prozeß, eine Revolution kann nicht die Menschen durch neue ersetzen, sie muß die alten verändern.

So weit bin ich Deiner Meinung. Was ich nicht verstehe, ist, warum die alte RAF von Meinhof, Baader, Raspe und Ensslin von der Kritik ausgeklammert bleibt, von ihr behauptest Du, sie habe sich der konkreten Arbeit in der Gesellschaft damals in der Jugendarbeit gestellt, du stellst sie den den Verbal-„Revolutionären” von heute entgegen. Nun kenne ich die Geschichte der bewaffneten Gruppe lange nicht so gut wie Du. Aber die Texte der alten RAF, auch ihre politischen Entscheidungen belegen das Gelegenheit von dem, was Du sagt. Wenn Ulrike Meinhof Hanna Krabbe 1974 oder 75 schrieb, man müsse sich damit abfinden, hier in der Minderheit zu bleiben, - und nicht die Tatsache, daß sie das feststellt, sondern mit welcher Vehemenz sie darauf hinweist, daß diese Gesellschaft kein Bezugspunkt sein kann, ist das entscheidende daran-, dann ist genau dort die Wurzel für die Abkehr aus den Verhältnissen in der BRD zu suchen. Die RAF hat sich nicht nur gezwungenermaßen, sondern auch aus freien Stücken dazu entschieden, eine radikale, marginalisierte Gruppe zu bleiben. Ihre Aktionen gingen eigentlich nie Hand in Hand mit der (zugegebenermaßen lahmen) Entwicklung von politischen und sozialen Bewegungen. Die Brücken zum Ausgangspunkt hat sie abgebrochen, gerade um zu zeigen, daß hier auf anderem Weg als bewaffnet nichts mehr zu holen ist. Das ist avantgardistisch, unpolitisch und ähnelt dem Verhalten des Eroberers, der die Schiffe seiner Armada abbrennen läßt, damit die Truppen nicht zurückkönnen.

Die Kritik müßte auch an der frühen RAF ansetzen. Es gab alternative Konzepte von bewaffnetem Kampf und Positionen, die der RAF schon Anfang der 70er Jahre das vorhergesagt haben, was später passierte. Das soll nicht heißen, daß diejenigen, die diese Kritik äußerten in ihrer praktischen Arbeit wirklich eine Alternative realisieren wollten, auch nicht, daß die RAF keine Verdienste hat- die Härte der Verhältnisse konnte nicht mehr so einfach unter den Teppich gekehrt werden. Das ist zweifellos bewundernswert. Aber trotzdem bleibt die Frage, ob das Konzept der RAF, so wie es eigentlich fast von Anfang an vertreten wurde, nicht genau dem widersprochen hat, was du heute einforderst. Der Weg in die Gefilde, wo "der Reformismus lauert", die Rückkehr in die Gesellschaft, die Fähigkeit zur Zurücknahme der Eskalation, das repräsentierten damals von den bewaffneten Gruppen der 2. Juni oder die Revolutionären Zellen sicherlich mehr als Ihr. Die Strategie der Fabrikguerilla, die unmittelbare Einbindung in Bewegungen und der Verzicht auf die Illegalität, solange sie vermeidbar war, hätten eine andere Geschichte in der BRD vielleicht möglich gemacht, einen breiter verankerten revolutionären Kampf. Vielleicht.

Aus diesem Grund ist auch Dein Vorwurf gegen die trostlose Linke draußen zu hart. Es gab ja genug Leute, die Kopf und Kragen riskiert haben, weil sie militante Aktionen machen wollten. Es ist ja auch nicht so, daß nur aus Feigheit der legalen Linken die RAF klein blieb. Es gab Hunderte von Linken, die bei Anschlägen 5 oder 10 Jahre Knast riskiert haben, Antifaschistinnen, die zu Nazi-Versammlungen gegangen sind und sich letztlich nicht sicher sein konnten, ob sie lebend wiederkommen würden. Und es gab Unterstützerinnen, die für einen Artikel solange inhaftiert wurden, wie Rechtsradikale für einen Mord.

Es stimmt einfach nicht, daß hier niemand bereit gewesen wäre zu kämpfen. Die RAF blieb nicht allein wegen der Linken klein, sondern weil sie sich aus freien Stücken isoliert hatte, weil ihre Erklärungen (ich erinnere mich genau an die 80er Jahre und z.B. den Beckurts-Anschlag) weltfremd und fern anmuteten. Wir haben gespottet über die verhärmten, uns beschränkt vorkommenden Aneinanderreihungen von fremdsprachlich gespickten Haßtiraden gegen das System. Natürlich mag das auch an unserer Trostlosigkeit gelegen haben. Aber wir waren damals fast zu jung, um besonders trostlos zu sein, wir waren rebellisch und wir haben mit der Zeit auch gelernt, etwas aufs Spiel zu setzen. Trotzdem ist für uns die Option RAF immer unvorstellbar geblieben. Freunde sind nach El Salvador in die politische Arbeit und zur Guerilla gegangen, sie haben den Tod einkalkuliert, für die RAF hätten sie sich nie entschieden, sie fanden den bewaffneten Kampf in der BRD, so wie es ihn gab, falsch, fremd, unnachvollziehbar. Vielleicht geht deswegen Deine Kritik auch über das Ziel hinaus- wenn ich sie überhaupt richtig verstehe. Es geht nicht um die "Leute, die es machen können". Alle können sich entschlossen, mutig wehren, gerade die, von denen man es am wenigsten erwartet hätte. Es gibt Zehntausende, die es können oder können werden. Dafür braucht es jedoch Erfahrungen mit der Realität dieses Landes und Menschen, die in der Lage sind, einen zu begleiten. Unbetretene Wege erobern sich nur Pionierinnen, auf bereits vorhandene Pfade folgt jede/r, die oder der Vertrauen in eine/n andere/n hat und die Notwendigkeit erkannt hat. Das jedoch hat hier nie jemand getan. Weder die politische Linke noch die illegale hat sich groß darum bemüht, Entwicklung von Neuen zu fördern und zu begleiten. Die Linke stand der Gesellschaft fremd oder missionarisch gegenüber. Beides funktioniert nicht. Hier war die objektive Grenze und hier wird sie auch in der Zukunft sein.

Dieser Text ist eine Antwort auf den Artikel von Lutz Taufer in derselben Ausgabe

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Erschienen in arranca! #3

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