Anstelle eines Vorwortes

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15 Polizisten, die sich um 6 Uhr morgens in die Wohnung schieben, ein paar gezogene Pistolen, das ekelhafte Fiepen ihrer Funkgeräte, ein Beamter, der einen an die Wand drückt, „Messer? Waffen? Spritzen?" fragt, wo man hinschaut Uniformen, die einen sich nicht bewegen lassen, ein sächselnder Einsatzleiter, immer wieder seine schnarrende Aufforderung „Bleiben, Sie wo Sie sind!", den Durchsuchungsbefehl zeigen sie natürlich erst später, fast eine Stunde danach.

Eine Frau wollen sie sich nicht anziehen lassen, bei einer anderen stehen sie mit der Pistole vor dem Bett, bei einer dritten durchwühlen sie Briefe. Was sie suchen, bleibt unklar, sie machen sich an Personalienfeststellung, alle haben Manndeckung wie beim Fußball, die einen bis ins Bade­zimmer verfolgt und unter der Dusche im Auge behält - daß man arbeiten gehen muß, ist ihnen egal, „wir müssen erst alle Personalien feststellen.".

Klar, immerhin kommen sie nicht mit bemalten Gesichtern, sie schmeißen einen nicht zu Boden, legen keine Handschellen an, drücken einem nicht den Lauf an die Schläfe, nehmen keine/n mit, obwohl sie gerne würden - insofern sind wir Privile­gierte. Zurück bleibt trotzdem noch Tage danach das nervöse Zucken, wenn jemand zu laut klopft oder die Treppe herauf­kommt, es ist immer etwas anderes, auf eine Sache moralisch vorbereitet zu sein, als dann auch wirklich mit ihr konfrontiert zu sein. Keine Katastrophe, aber zermür­bend, im eigentlichen Sinn...

Das Unerträglichste jedoch ist das Gefühl, daß FreundInnen weg sind, der Gedanke, daß man sie ewig nicht wiedersehen könnte, die Vorstellung, wie es ihnen geht, eingesperrt oder mit der Angst vor dem Knast oder weg oder vielleicht nervös ver­steckt. Das Unerträglichste ist, daß ein Staat, ein Apparat der Herrschaft, uns auf­erlegt, wie wir zu entscheiden haben, daß seine Macht unmittelbar spürbar geworden ist, auf der Haut, unter der Haut, als bloße Gewalt, einem die Knarre an die Stirn zu halten, aus dem Bett zu scheuchen, durch die Wohnung zu stöbern, FreundInnen mitnehmen zu wollen. Es sind die widerli­chen Momente, die es glasklar machen, wo wir leben, wer wir sind, was wir tun und warum.

In Berlin sind seit Mitte November 5 Fest­nahmen und mindestens ein Dutzend Hausdurchsuchungen erfolgt. Insgesamt sollen 14 AntifaschistInnen gesucht wer­den, von 10 sind die Haftbefehle bereits gesehen worden. Alle lauten auf den Vor­wurf der Vorwürfe: Mord.

Die Verfolgten, in der Mehrzahl TürkInnen und KurdInnen, werden beschuldigt, den Nazi-Funktionär Gerhard Kaindl am 4.April 1992 umgebracht zu haben. Kaindl, von der nazistischen Deutschen Liga für Volk und Heimat, hatte sich an besagtem Tag mit anderen Größen der rechtsextremen Szene in einem Neuköllner Restaurant getroffen. Schließlich war das Treffen angegriffen worden. Beim entstehenden Handgemenge wurde Kaindl so schwer verletzt, daß er kurze Zeit später starb. Ein Opfer seiner eigenen rassistischen Hetze, denn die Deutsche Liga für Volk und Hei­mat, deren Landesschriftführer Kaindl war, ist wesentlich an der faschistischen Pogromstimmung beteiligt gewesen. So ist zum Beispiel auch der Kampfsporttrainer der Solinger Attentäter, Bernd Schmitt, der einer Saalschutzgruppe der Nazis vorsteht, Mitglied der Deutschen Liga für Volk und Heimat. So sind die, die jetzt als Opfer präsentiert werden: Hintermänner des Nazi-Terrors.

Nach 60 toten AusländerInnen und Linken traf es also die Nazi-Hetzer, und sofort machte sich die Polizei daran, eine Sonder­kommission zu bilden. 20 Leute nur für die Kaindl-Ermittlungen, es muß nicht erwähnt werden, daß das bei keinem der in Berlin von Nazis ermordeten ImmigrantInnen bis­her der Fall war.

Die Ermittlungen im Fall Kaindl hatten sich schnell in Richtung türkische und kurdi­sche Antifa eingeschossen, schon im Som­mer 1992 wurde die parteiunabhängige Antifa Gruppe Antifasist Gendik (antifa­schistische Jugend) ins Gespräch gebracht. Der deutsche Staat will nicht dulden, daß die Betroffenen des Nazi-Terrors ihre Gegenwehr organisieren.

Uns hat die Sache ins Herz getroffen. Auch jemand aus der Zeitung ist von der Krimi­nalisierung betroffen. Aber das ist nicht das eigentliche; es fehlen die FreundInnen, mit denen wir zusammen gearbeitet, gelebt, diskutiert und gefeiert haben. Die, die nicht da sind, fehlen uns schon jetzt so sehr, daß wir nicht schlafen können, daß uns in Momenten der Ruhe eine unsägli­che Bitterkeit erfüllt, eine Trauer, die alles zerbrechen könnte.

Diese Nummer machen wir für die, die fehlen. Die im Knast sind und alle Verfolg­ten. Diese Nummer machen wir voller Wut gegen eine Justiz, die den Nazi-Terror zuläßt und AntifaschistInnen einsperrt. Aber wir machen sie auch in der Hoffnung, daß unsere Leute rauskommen, wenn in der Öffentlichkeit die Unmöglichkeit dieser Ermittlungen klar gemacht wird: bei 60 Morden von Nazis, bisher keine Verurtei­lung wegen Mordes, bei AntifaschistInnen dagegen gleich mehr als 10 Haftbefehle wegen „gemeinschaftlichen Mordes".

Und wir machen diese Nummer mit der Hoffnung, daß auch Ihr etwas macht, um eine Verurteilung zu verhindern. Und daß Ihr dahin geht, wo sich Nazis treffen, um zu verhindern, daß sie sich organisieren. Sie bereiten den alltäglichen Terror vor, und wir werden sie daran hindern. Trotz Kriminalisierung der antifaschistischen Bewegung.

Wir sind nicht mehr alle...

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Erschienen in arranca! #3

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