Vorwort

Guten Tag

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„Es ist ein Wahn, zu glauben, daß eine Weltanschauung durch rationale Kritiken zerstört werden könnte." (A. Gramsci)

Im Zuge der „Kulturrevolution" der 60er Jahre wanderte linke Politik in die Kultur aus. Wie viele Zeitungs- und andere Medienprojekte wurden aus der Taufe gehoben, wieviele verschwanden wieder - und die uns am intensivsten angehende Frage: WAS bewirkten sie? K.H. Roth spöttelte schon damals über diese „Überbaurevolten", die jenseits der „harten" gesellschaftlichen Interessen angesiedelt seien.
Die in der „Bewegungsgeneration" entstandene Politik der ersten Person ging darüber hinaus, wandte sich von der Sphäre der Macht ab und verzichtete gar auf die Vermittlerrolle der „Intellektuellen". Man widmete sich der eigenen Subjektivität, alternative Medien dienten der Selbsterfüllung und/oder blieben für diejenigen Bevölkerungsteile, die nicht dazu gehörten", unverständlich oder unzugänglich. Die Massenmedien, die sie wahrnahmen, wurden von der Linken abgelehnt und ignoriert. 

Wir hingegen denken, daß die Linke Massenmedien in einem viel stärkeren Maß als bisher benötigt. Es muß eine größere Bereitschaft gehen, sich gesamtgesellschaftlichen Themen — die uns ALLE betreffen — zu öffnen. Die Notwendigkeit, unsere Inhalte auch in uns eigentlich feindlich gesonnenen Massenmedien unterzuschummeln, um sie breiteren Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen, muß erkannt werden.

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ist in diesem Sinne auch mit praktischen Fragen gefüllt. Die Göttinger Antifa M stellt ihre — wie wir meinen — recht erfolgreichen Erfahrungen einer offensiven linken Medienpolitik dar. Wir haben uns mit Leuten unterhalten, die in eher linken Projekten wie dem Neuen Deutschland, der taz oder Radio 100 arbeiteten bzw. noch arbeiten, um etwas über Spielräume und Möglichkeiten zu erfahren. Außerdem haben wir den Blick ins Ausland gesucht: in die USA, ins Baskenland und in die Türkei, um zu sehen, wie dort Gegenmedien funktionieren. Die eher kommunikationswissenschaftlichen Fragen konnten wir nur streifen. Da wäre natürlich als erstes die Frage, ob Medien überhaupt und falls ja, welche Rolle/Rollen bei der Herausbildung von massenübergreifender Mentalität und politischer Moral spielen: Es ist uns allen bewußt, daß die elektronischen Massenkommunikationsmittel eine zweite Wirklichkeit — losgelöst von den alltäglichen Erfahrungen— schaffen, das Handeln vor Ort — überall dort, wo Men­schen miteinander reden könnten — jedoch nicht ersetzen sollten.

Die Entwicklung der zumindest letzten 10-15 Jahre ging aber dahin, daß Mas­senmedien einen immer stärkeren und auch direkten Einfluß auf das Denken der Menschen ausübten. Es geht nicht darum, eine linke Medienrealität zu schaffen (was wohl von den vielen Aufrechten befürchtet wird - Manipulationsphobie?!), sondern anzuerkennen, daß wir in Massengesellschaften leben, in denen gewissermaßen weltumspannende Kommunikationsmittel nicht das Böse an sich sind.
Anstatt den Kopf - wie Vogel Strauß — in den Sand zu stecken, sollten wir sie zur Kenntnis nehmen, und mit daran tun, die Menschen zu befähigen, bewußte MediennutzerInnen (und somit auch uns selbst) und -teilnehmerInnen zu werden.

Daran anknüpfend und diese Zeitung betreffend sei hier gesagt, daß wir uns nach wie vor darüber freuen, wenn Menschen, die Interesse haben, für die Arranca zu schreiben, dies tun.

An der Organisationsdiskussion sind wir natürlich auch weiterhin dran. Auch wenn uns diesmal keine Texte dazu erreicht haben, stehen 3 Artikel im Zusammenhang mit dieser, d.h. vor allem mit der Antifaschistischen Aktion-Bundesweite Organisation, die wir für einen wichtigen praktischen Ansatz halten. Der Text der Antifa M und das Interview mit Gunther aus Wiesbaden, dessen Prozeß von der Antifaschistischen Aktion-BO mit einer Kampagne begleitet wird, dokumentieren die Bemühungen für eine politische Organisation.
Danken wollen wir an dieser Stelle für die Mitarbeit der Fotogruppe Rhein/Main, die uns auch diesmal Fotos zur Verfügung gestellt hat, obwohl wir in der letzen Ausgabe vergessen haben, die Kürzel unter deren Fotos zu setzen. Aber wir machen dies hiermit rückwirkend: Von der Fotogruppe waren die Fotos auf Seite 4 und Seite 50-51.

die redaktion

 

ARRANCA, (ital.): hastig davonhinken. Das heißt eigentlich im: Er oder sie hinkt vorwärts. Wir hinken weiter, weil der Aufbau einer politischen Organisation - jenseits von kommunistischen Parteimodellen - bisweilen eine nervenzermürbende, magenschleimhautzersetzende Angelegenheit ist...

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Erschienen in arranca! #2

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