„it’s nine o’clock on my rolex“

Öffentliche Radios in den USA

DruckversionEinem Freund oder einer Freundin senden

TV und Radio in den USA sind erbärmlich, weiß hier jede/r. Die Amis werden mit Werbung und Musik zugedu­delt, Nachrichten und Infor­mationen sind hoffnungslos schlecht.
Wie kommt es, daß auch ausführliche Reportagen und mehrstündige bis mehrtägige Anhörungen von Untersu­chungsausschüssen im Äther zu finden sind?
Deutsche Linke wissen mei­stens nicht, daß es in den USA trotz allem kommerziel­len Mist viele Sender gibt, über die man sich besser, als in der BRD, informieren kann und die teilweise sehr eng mit der Basis zusammenarbei­ten oder auch von dieser gemacht werden.
Weil deutsche linke Radio­projekte häufig (nicht nur) am Geld scheitern, lohnt es, sich die Finanzierung der non-commercial (nicht-kom­ merziellen Radios) in den USA mal anzuschauen.
Die kommerziellen Sender finanzieren sich ausschließ­lich über Werbung —in Form von Werbespots oder in die Ansagen integrierter Wer­bung: „It's nine o'clock on my Rolex". Das System ist ein­fach: die Sender sorgen für ZuhöreInnen, diese Konsu­mentInnen werden dann an die Werbewirtschaft verkauft. Letzteres ist Sinn und Ziel des Sendebetriebes, die Pro­grammgestaltung funktioniert erstrangig unter diesem Gesichtspunkt und ist ent­sprechend.
Zwei Drittel der Amis hören nur diese Sender und ihr Grad an Informiertheit ist tatsächlich furchterregend.

Das andere Drittel jedoch hört nur oder auch non-com­mercial radio und ist nicht auf die geldorientierte und unkri­tische Information angewiesen. Das Spektrum dieser Radios ist ziemlich breit, es gibt zwei generelle Ansätze. Ein paar hundert Radiosta­tionen mit Bildungsanspruch (educational radios) haben sich 1970 zu National Public Radio (NPR) zusammenge­schlossen. In jeder mittel­großen Stadt gibt es minde­stens einen NPR-Sender, das Umland wird meist von ihnen mitversorgt. Über die Zentrale in Washington D.C. werden Nachrichten für die eineinhalbstün­digen Nachrichtenmagazine Morning Edition und All Things Considered eingespeist und von den einzelnen Sen­dern durch lokale Informatio­nen ergänzt. Diese Nachrich­ten sind interessant (und machen das Auto zum Wohn­zimmer: spannende Beiträge bringen eine/n dazu, vor dem Haus im Auto sitzenzublei­ben, bis sie fertig sind), behandeln die Hauptthemen wirklich ausführlich —hinter­her hat man eine ziemlich gute Ahnung davon, worum es geht— haben gemischte Themen (im Nachrichtenma­gazin kann eine ausführliche Buchbesprechung enthalten sein) und einen für die USA sehr großen internationalen Teil. Das auffälligste ist viel­leicht, daß sie sich sehr viel Zeit lassen, ein Riesenkontrast zur üblichen Radiohektik. Politisch gelten diese Nach­richten in den USA als liberal, was nach wie vor (völlig zu Unrecht) weit verbreitet als kommunistisch gilt, aber auch mit der deutschen Auffassung von liberal nicht zu verglei­chen ist. Linkssein fängt in den USA angesichts einer sehr breiten Akzeptanz des Gesellschaftssystems schon viel früher an, eine sympathi­sierende Haltung beispiels­weise zu Ländern wie Nicara­gua nach der Revolution, die von den meisten nicht-kommerziellen Radios getragen wurde, eine wohlwol­lende Sendung über sozialistische Ideen und Theorien können daher radikaler oder besser, systementgegengesetzter ein­geschätzt werden als in der BRD. Die politische Ausrichtung einzelner Sen­dungen kann durchaus linksradikal, wie es hier allgemein aufgefaßt wird, sein.

Außer den großen Nachrichtenmagazi­nen gibt es je nach Sender gut recher­chierte Reportagen im Stile des in den USA verbreiteten Aufklärungsjournalis­mus, lange Interviews, Sendungen von und für ethnische Minderheiten (dabei senden einzelne Programme zum Bei­spiel in Navajo, Spanisch, Eskimo etc.) wie black perspectives on the news, Musikmagazine verschiedenster Art mit Musikrichtungen für ein kleineres Publikum, viel Jazz und leider auch bei vielen Sendern vor allem Klassik (nichts gegen Klas­sik), was an der Auffas­sung      des Ostküstenintellektuellenestablishments von Kultur als Gegensatz zur Dekadenz der Mainstream-Kultur liegt.

Finanziert wird NPR zum Teil von der staatlichen Federal Communications Commission FCC (was sie natürlich finanziell auch abhängig vom Wohlwollen des Staates macht, Reagan hat beispielsweise die Gelder drastisch gekürzt), zum größeren Teil privat. Grundlage dafür ist das us-amerikanische Gesellschaftssystem, das auf dem Prinzip eines Nachtwächterstaates basiert, der eine weitgehende Verant­wortung für soziale und kulturelle Belange ablehnt. Konsequenz ist private Do-it-yourself-Initiative, die sich viel­schichtig in NPR niederschlägt. So ist NPR listener-sponsored, zuhörergetra­gen, d.h. es hat Mitglieder, die regel­mäßig Beiträge entrichten. Hierzu kommt eine häufige pledge-week. bei denen die Sender solange auf den Ner­ven ihrer Hörerinnen rumtrampeln, bis genug Anruferinnen sich telefonisch zu Spenden verpflichtet haben, die notfalls später durch öffentliche Denunziationen eingetrieben werden („and John Smith from Oakland still basn't sent the check he promised us"), Auktionen etc.. Die Hörerinnen unterstützen das Radio mit dem Bewußtsein, Gutes nur hören zu können, wenn sie die Sache mehr oder weniger in die eigene Hand nehmen; bei NPR kommt dazu, daß es in intellek­tuellen Kreisen oft moralische Verpflich­tung ist, Kultursender zu unterstützen —so es Klassiksender, die von eigenen Mitglieder nicht unbedingt selbst gehört werden.
Weitere Sponsoren sind philantrope Stiftungen, die die vom Staat freigelas­sene Lücke im sozialen und kulturellen Bereich ausfüllen und beträchtliche Gel­der verwalten. Schließlich gibt es das anwachsende Mäzenatentum von Wirt­schaftsunternehmen, die vor allem ihr Image aufpolieren wollen (schließlich sind die Spenden absetzbar), aber in den USA zum Teil eine Art Verpflichtung spüren, die Härten des Kapitalismus zu lindern, wenn es sie nicht zuviel kostet und Recht und Ordnung nicht gefährdet. Sie finanzieren Sendungen über das cor­porate-underwriting, das sie sich nicht durch Werbespots, sondern Ansagen wie „this program was madepossihle with the help of the Coca-Cola-Company" hono­rieren lassen. Es gibt keinen direkten Einfluß auf die Programmgestaltung, die Firmen zahlen in einen Pool von NPR ein, der dann Gelder an einzelne NPR­Stationen verteilt, damit einzelne Statio­nen nicht boykottiert werden können. Und es wird oft unterschätzt, zu wieviel solche Firmen bereit sind, wenn es dem Ziel, nämlich der Imageaufbesserung dient. So kann es dann vorkommen, daß Coca-Cola Sendungen einer Station unterstützt, die gerade über die Prakti­ken dieser Firma herzog. Weil NPR inzwischen fest mit diesen Geldern rech­net, ist es zu einigem an Selbstzensur bereit, um die vorhandenen Sendestruk­turen nicht zu gefährden.

Neben ihren Vorteilen wie einem großes KorrespondentInnennetz mit ent­sprechenden Informationsmöglichkeiten, finanziellem Potential für aufwendige unabhängige Recherchen und wenig Selbstausbeutung hat die Förderung von NPR bei ver­schiedenen Sen­dern auch zu einer abgehobenen Ent­wicklung in Rich­tung Bürokratisie­rung und Etablierung, knall­hartem Finanzma­nagement, festen Bürogebäuden etc. geführt. Entspre­chend hat sich ein überwiegend aus weißen Intellektu­ellen bestehenden Publikum heraus­gebildet. Die Schwerpunkte des Programms wur­den darauf ausgerichtet. Viele Sender scheuen jedes Risiko, weniger in Bezug auf politische Inhalte als auf neue Zuhörerinnengrup­pen, und ihr Kulturverständnis ist zudem banal. NPR stellt also an sich kein revo­lutionäres Potential dar und trägt nicht zum Aufbau einer radikalen Gegenkultur bei, bietet aber gesicherte Finanzierung, Unabhängigkeit von Medienkonzernen und Nischen für radikale Positionen. Außer NPR gibt es noch eine ganze Menge (zwischen 500 und 1000) soge­nannter community radios, die sich fast ausschließlich über ihre ZuhörerInnen und Stiftungen finanzieren, um Unab­hängigkeit zu gewährleisten —sie stehen finanziell denn auch schlechter dar. Der öffentliche Zugang wird gewährleistet und genutzt, es gibt viele Gruppen und Einzelpersonen, die spontan oder regelmäßig eigene Sendungen produzieren. Die jeweilige lokale community hat ein Mitentscheidungs- und Kontrollrecht, oft bilden auch die ZuhörerInnen eine Eigentumsgesellschaft. Das Budget der Sender ist sehr unterschiedlich (zwi­schen 25.000 und 2,5 Millionen Dollar, die meisten operieren mit ein paar hun­derttausend Dollar). Einige Sender expe­rimentieren inzwischen mit lokalem Sponsoring, meist entscheiden die Zuhö­rerInnen per Abstimmung über solche Experimente und zukünftige Finanzie­rungsformen. Die community radios leh­nen die Bürokratisierung von NPR ab und stehen teilweise in einem lockeren Zusammenhang, der dem Austausch von Sendeanlagen und Sendungen dient. Sie sind mehr oder weniger professionell gemacht (es wird zum Teil versucht, die Trennung zwischen AmateurInnen und Professionellen aufzuheben) und bieten politisch eine bunte Mischung aus dem linken Spektrum: anarchistisch, sozialre­volutionär, „grün", einfach nur radikal und chaotisch oder auch relativ unpoli­tisch. Meistens werden sie von und für eine community gemacht, viele wenden sich zum Beispiel an die jeweilige black oder latino community einer Stadt oder richten sich an ethnisch übergreifende gesellschaftliche Gruppen (KPOO - Radio for the Poor), gesendet wird in vielen Sprachen.
Für indianische Stämme in Reservaten und Eskimogruppen sind community radios das einzige Medium, das sich direkt an sie wendet, da diese Ethnien im Gegensatz zu den Afroamerikanerin­nen und Latinos nicht als großes Kon­sumpotential gelten und daher für die Werbewirtschaft uninteressant sind.

Daneben werden vereinzelt auch Durch­schnittsamerikanerinnen in dünnbesiedelten Gegenden ohne kom­merzielle Sender von commu­nity radios versorgt, die zwar basisorientiert aber politisch nicht unbedingt progressiv sind.
Vor allem in den Städten sind die community radios für ihre communities identitätsstiftend, wenn zum Beispiel ein schwarzer Sender in einer black community schwarze Musik sendet, die kommerzi­elle Stationen nicht übertragen und Interviews und Diskussio­nen mit Leuten aus der community über aktuelle Probleme bringt.
Die Rechte versucht immer wieder, community radios zu sabotieren, so gab es schon Anschläge auf Sendeanlagen durch den Ku-Klux-Klan. Erfolgreich und nervig sind auch Anzeigen bei der Federal Communications Commission. Da direkte politische Zensur in den USA schwer durchzusetzen ist, werden Beschwerden über obszöne Ausdrücke oder Inhalte eingereicht (schon das Wort fuck kann Skandale auslösen). Die FCC spricht dann Verwarnungen aus, die zu Problemen bei der Lizenzverlängerung, für die sie zuständig ist, führen können. Prozesse dagegen anzustrengen ist kost­spielig, größere Sender mit finanziellem Spielraum führen gelegentlich Präze­denzklagen durch alle Instanzen.

Am bekanntesten und größten unter den community radios ist Radio Pacifica (KPFA); in den 40er Jahren in Berkeley gegründet, mittlerweile in fünf Städten vertreten und immer noch basisorientiert. In den 60ern war KPFA das Sprachrohr für die Anti-Vietnam und die Bürgerrechtsbewegung. Auch heute noch gilt Pacifica als Thementrendsetter, es liefert über einen network service Beiträge an andere community radios und stellt ein riesiges Tonarchiv zur Verfügung. Die Pacifica-Stationen (mit je einem Budget von ca. 1 Million Dollar) beschäftigen bezahlte Angestellte und ein mehrfaches an Freiwilligen, die sich vor allem aus dem Publikum rekru­tieren. Zum Teil gestalten diese nur gelegentlich Sendungen, viele arbeiten jedoch regelmäßig mit und bekommen von den Festangestellten und erfahrene­ren Freiwilligen eine Art Radioausbil­dung und machen dann öfter Sendun­gen — live dürfen sie allerdings erst nach einer Weile senden. Nach vier Monaten regelmäßiger Mitarbeit werden sie zum staff, dem festen Personal, gerechnet und haben Zugang zu und Stimmrecht bei den Mitarbeiterinnenversammlungen und können Leistungen der Gewerk­schaft beanspruchen— sie sind also mehr als billige Arbeitskräfte und garantieren ein Programm von unten.

Angesichts der über tausend nichtkommerziellen Sender in den USA kann man dort also durchaus das Radio ein­schalten und neben dem üblichen Gedu­del ein Interview mit einem Black Panther-Mitglied über die politischen Gefangenen in den USA, eine Sendung in Navajo über den Kampf der indiani­schen Stämme für ihre Landrechte, Tips für illegale lateinamerikanische Immi­grantinnen, Aufrufe zum Boykott bestimmter Produkte von mit faschisti­schen Gruppen kooperierenden Unter­nehmen, Überlegungen zur Gründung einer sozialistischen Gewerkschaft, Underground-Musik oder Anleitungen zur Verbesserung der Hanfernte hören.

Trackback URL für diesen Artikel

http://arranca.org/trackback/560

Erschienen in arranca! #2

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage dient dazu, zu testen, ob sie ein Mensch sind. Auf diese Weise werden automatisch generierte Postings (Spam) vermieden.
Image CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild zu sehen sind.