„wir imitieren nicht den radikalen Amikram!“

HipHop aus Italien

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Ein Interview mit:
Nefa Beat - Isola Posse Allstars (Bologna)
Lele und Fumo - Lion Horse Posse (Mailand)
Nando Popu - Salento Posse (Lette)
Geführt Ende März in Berlin

 
dna:
Warum macht ihr Hip-Hop?

Nefa B: Letztes Jahr wurde in Italien Musikern, die italienische Popmusik machen vorgeworfen, sie würden sich eine Kultur aneignen, die nicht ihre ist, sondern die der schwarzen Ghettos in den USA. Der Vorwurf kam vor allem auf einem Treffen einiger Independent- Labels, an dem wir nicht teilgenommen haben, auf. Ich glaube, um zu rechtferti­gen, daß ihre eigenen Musiker weiterhin englischsprachigen Brei produzieren um die Leute in den Discos zum hüpfen zu bringen. Wir haben uns in Italien, und ich denke in Deutschland ist es genauso, nicht eine Kultur sondern ein Mittel angeeignet. Hip-Hop wird als Gedan­ken- und Kommunikationsbewegung von unten nach oben benutzt. Sein Vor­teil ist, daß es ein sehr direktes und schnelles Kommunikationsmittel ist. Leute, die sich bereits durch das System „sozial besiegt” sahen und kaum Mög­lichkeiten hatten, sich frei auszudrücken -da sie entweder der Mainstreamkultur oder der Mainstreamgegenkultur folgen mußten- fanden sich auf einmal mit einem Mikro in der Hand direkt vor einem Haufen Leute und konnten sagen, was sie wollten. Am Anfang war das ziemlich bunt gemischt. Einige hatten den Menschen etwas wichtiges zu sagen, andere sprachen einfach von positiven und negativen Gefühlen im Alltag, und wie­der andere erzählten nur Scheiße. Mit der Zeit ist da glücklicherweise gefiltert worden und jetzt gibt es in Italien Kon­takte zwischen verschiedenen Gruppen aus verschiedenen Städten. Das umfasst Bands, aber auch andere Gruppen, teil­weise aus Centri Sociali (Jugendzentren, oft besetzte Häuser).

Hip-Hop und Raggamuffin bringen diese Menschen zusammen, das betrifft auch mich, daß sie sich auf halbem Wege zwischen der mehr oder weniger organisierten und mehr oder weniger kranken Linken sowie dem Alltag in der Stadt, d.h. Repression, Paranoia, Lange­weile, Schweigen usw. bewegen. Es handelt sich um Leute die einen anderen Weg nach draußen suchen.

Lele: Wir haben nicht den radikalen Amikram imitiert. Wir haben einfach das gesungen, was wir jeden Tag erleben, und das hatte Ähnlichkeit mit den Pro­blemen der Leute in den Ghettos von Los Angeles. Die Probleme des Proletariats – um das ganze mal etwas großspurig auszudrücken – sind international.

Fumo: Wir machen Hip-Hop weil es voll cheap ist, mit äußerst wenigen Mit­teln zu realisieren eben. Wir haben unsere beiden Platten zu Hause aufge­nommen, diese Möglichkeit bietet keine andere Art von Musik. Noch leichter ist es einfach 'ne Baseline auf Platte zu nehmen und drauf zu singen, so haben wir im Leoncavallo (Seit über 15 Jahren besetztes Zentrum in Mailand) angefan­gen. Lele legte immer mehr Bands die 'ne bestimmte message hatten, wie etwa Public Enemy, auf und spielte sie auf Dancehall-Nächten, bei Volxsdiscos wie wir sie nennen, wo Du zwischen 0 und 2,50 DM bezahlst und die ganze Nacht tanzen kannst (Discos sind in Italien sehr teuer, ca. 20-40 DM). Dabei haben wir festgestellt, daß es wirklich super­leicht ist zu kommunizieren, in den Anfangszeiten hat im Leoncavallo jeder das Mikro in die Hand genommen, mitt­lerweile ist das leider zurückgegangen.

dna: Warum hat sich das verändert?

Fumo: Na es ist wie bei allen anderen Musikarten geworden; da ist einerseits die Band und andererseits das Publi­kum. Wir versuchen es, besonders im Leo, immer noch und echt schon fast mit Arschtritten, den Leuten das Mikro in die Hand zu drücken.

Ein Vorteil der Volxdisco ist auch, daß sie viele Leute zusammenbringt, sie ist ein Moment der Begegnung in der Lin­ken. Viele Leute hatten die Schnauze voll vom Hard-Core, ultraschnellen Sounds, tierischem Chaos und Noise bei dem Tanzen oder Kommunizieren ein­fach unmöglich wurde. Mit diesen Volxsdisco-Abenden kamen und kom­men viele Leute, die wenig oder über­haupt nichts mit Centri Sociali zu tun hatten, und wenn die Dance-Hall vorbei war, blieben sie, und zwar nicht nur um ein Bierchen zu trinken, sondern auch um den Ort mit zu verteidigen und sich über andere Besetzungen zu informie­ren.

Nando Popu: Ich kannte, bevor ich mit Hip-Hop etwas zu tun hatte, gar nicht die Realität der Centri Sociali, da es sie bei mir unten (Synonym für den Süden Italiens) nicht gibt. Für uns im Süden bedeutet der Raggamuffin' mehr, der hat Tradition... die Sonne..., das fühlst Du im Blut, also diese Musik hat uns ermöglicht soviele Menschen zusam­menzubringen, die sonst oft außen vor standen und sich für viele Probleme nicht interessierten und nie angingen obwohl sie täglich mit ihnen konfrontiert waren. Dank der Texte hat es da eine große Sensibilisierung gegeben. Du weißt wie italienische Lieder sonst sind - „amore... paparapa... trara.." Hip-Hop ist vielleicht die erste musikalische Bewegung, die sich in Italien ausbreitet und nicht mehr von irgendwelchem sen­timentalen Kram oder Liebesdramen singt. Oder wenn es in der italienischen Musik etwas sozialkritisch wurde, dann blieb es immer sehr vage. Hip-Hop wächst auch Dank der ganzen politisch- kulturellen Meetings, die es gibt, oder der gemeinsamen Konzerte, z.B. unsere Band hier ist keine homogene Band, wir kommen aus Mailand, Bologna und Lecce.

dna: Habt ihr mit einem derartigen „Erfolg" gerechnet, als ihr angefangen habt Hip-Hop zu machen?

Alle lachen: „Welchen Erfolg?"

Fumo: Du meinst wohl den Platz, den uns die Medien auf einmal geben...

dna: Nein, es ist doch schon so, daß Eure Platten gehört werden und die „Szene" recht groß ist...

Lele: Ich habe das schon erwartet, viel­leicht nicht gerade von LHP, auch wegen der begrenzten Mittel, aber italie­nischer Hip-Hop und Raggamuffin mußte früher oder später Erfolg haben.... Leider haben wir vorher nicht alle daran gedacht, sonst hätten wir das lockerer angehen können, weniger chaotisch und ohne die ganze Eifersucht und den Neid, der jetzt zu Tage kommt. Einige machen sich zur Stimme der „Auto­nomia", andere zu der des Hip-Hop der ganzen Welt und da gibt's häu­fig Probleme...

Nefa Beat: Zum Teil sind die Texte sogar abgeschrie­ben...

Fumo: Das ist alles bloß Rauch... es gab dieses pushen der Medien, Kommerzschienen und du hast Bands gefun­den, die Konzerte gegeben haben, obwohl sie nur zwei Stücke hatten. Die italienische Hip-Hop-Szene ist aber ins­gesamt eher klein geblieben...

Lele und Nefa B: He He! Wart' mal....

Nefa B: Sagen wir mal, daß die Szene die so Anfang der 90er rausgekommen ist, positive und negative Früchte getra­gen hat. Was mir gefällt, ist, daß es 15jährige Kids gibt, die sich die Texte durchlesen und für sich akzeptieren und nicht weil sie einfach gegen etwas sind. Ich glaube das wird noch Früchte tra­gen, Bands wie wir alle hier oder Sud Sound System, Onda Rossa usw. sind Leute, die versuchen eine Mauer einzu­drücken.

Nando: Ich bin mir sicher, daß Hip­Hop einen größeren Durchbruch erle­ben wird. Bedenken müssen wir, welche Qualität wir ihm geben sollen. Wir ste­hen auf einmal Major-Labels gegenüber, und wir müssen das angehen, denn viele interessieren sich für Major-Labels und die jungen Hip-Hop-Kids schiessen wie die Pilze aus dem Boden. Wir müssen einerseits unser Image „pflegen" gegenü­ber all' dem Mist der noch rauskommen wird und es wird noch einiges kommen, das kommt auch in Ländern wie Deutschland rüber, wo es einen -sagen wir- Underground-HipHop aus Centri Sociali nicht gibt, hier in Deutschland wird das ja als US-Phänomen gesehen; Baseballmütze etc.

dna: Ihr spielt sehr viel in verschiede­nen Orten, auf was für ein Publikum trefft ihr dabei und wie gestaltet sich die Kommunikation mit dem Publikum?

Nando: Ich hab' schon in fast ganz Italien gespielt, aber am schönsten ist es immer noch in Lecce, wo ich her­komme, das ist ein ganz anderes Gefühl, denn das Publikum ist viel heterogener, du findest 70-80jährige, Jugendliche und Familien mit Kleinkindern, die nicht mal richtig laufen können. Es ist echt was breites und nicht so wie an anderen Orten, wo du nur Leute hast, die schon was mit Hip-Hop zu tun haben, Jugend­liche bis höchstens 25.

dna: Du singst ja auch in deinem Dia­lekt...

Nando: Ich singe ausschließlich in meinem Dialekt.

dna: Über was singst du denn?

Nando: Über das Leben eines „gewöhnlichen" Jugendlichen, der in Lecce lebt und mit der Mafia konfrontiert ist, sich mit den Leuten auseinandersetzen muß, denen es gut geht, für die alles OK ist, solange sie fressen und saufen können. Über Jugendliche, die eigentlich genauso sind wie du, dir aber Stöcke zwischen die Speichen schieben weil sie ihre individuellen Scheißinteres­sen haben. Das Leben da unten besteht aus zur Schule gehen und heiraten, und dann bist du ein „anständiger" Mensch, bürgerlich eben. Das Hauptproblem meines Landes (das meint den Süden) ist dieses „anständig sein" und die fatalisti­sche Lebenseinstellung der meisten, sie machen einfach nichts. Bei uns geht es dem Hip-Hop darum, die Leute .aufzu­fordern, nicht alles als gegeben hinzu­nehmen und was eigenes beizusteuern, selbst eigene Aktionen und Initiativen vorzuschlagen. In. meiner Gegend z.B. gab es bis vor 5 Jahren noch keine Pro­bleme mit der Mafia und innerhalb von 5 Jahren hat sich alles ins Gegenteil ver­kehrt, du siehst Leute mit Wummen rumlaufen und sie zeigen sie dir auch, das Spielchen im Auto und an der Ampel dann Line und Kavaliersstart, echt Wild-West-mäßig. Niemand macht etwas dagegen, im Gegenteil immer mehr Leute hauen ab, früher sind auch Leute emigriert, aber es ist extremer geworden, früher sind die Leute gegan­gen, weil es keine Arbeit gab, einige haben versucht zu bleiben und sich durchzuschlagen, aber selbst die gehen jetzt, weil sie sich das ganze Chaos und' die Gewalt nicht mehr reinziehen wol­len. Wir von der Salento Posse themati­sieren das, denn wenn alle weggehen, und es sind ja immer die besten, die gehen, die die arbeiten, studieren oder was aufbauen wollen, dann bleiben am Schluß nur noch die Vollidioten, die sich gegenseitig abknallen. Das ist natürlich schwer, ich kann nicht einem Typen der jetzt in Mailand lebt erzählen er soll wie­der hierher kommen, wo es keine Arbeit und nix gibt... der spuckt mir doch ins Auge.

dna: Wie reagieren denn die Leute auf deine Texte?

Nando: Die Leute reagieren sehr positiv, negativ reagieren nur wie immer als eine genauere Überlegung, die Politiker, wir haben Druck und sogar Drohun­gen seitens einiger Politi­ker bekommen, denn unsere primären Angriffsziele sind die lokalen Politiker, da hat es einige Probleme gegeben, wir sind aber auf ihre Feste, haben ihnen die Sachen ins Gesicht gesagt, sind wieder gegangen und im Endeffekt haben wir sie immer gearscht.

dna: Und die Familien, älteren Leute, wie reagieren die?

Nando: Du siehst, daß die Leute echt glücklich sind, weil du auf Dialekt singst, das ist etwas sehr wichtiges. Im Süden hat der Staat große Anstrengun­gen unternommen, um die Menschen zu homogenisieren. Da Dialekt bei uns sehr lebendig war und diese Tradition auch gespürt wurde, wurde das Bild aufge­baut, daß wer Dialekt redet, dumm ist, und wer einigen Traditionen noch nach­geht, die zu einer alten Mentalität gehören, auch ein Idiot ist. Die meisten Menschen haben sich angepasst. Wir versuchen deutlich zu machen, daß Tra­ditionen zu deinem Leben gehören, das hat uns mal den Vorwurf eingehandelt wir seien Faschisten, weil die auch für Traditionen sind. Das ist echt Schwach­sinn, Traditionen und Kultur sind Sachen, die du mit ins Leben bekommst und du kannst sie nicht einfach verleug­nen, und wenn, wirst du es später bereuen. Kultur ist etwas, das du in dir trägst und du mußt lernen, sie schätzen und nutzen zu können. Das versuchen wir.

Viele Jugendliche sprechen heute ihren Dialekt nicht mehr. Wir finden das falsch, denn er erklärt am besten ihr Umfeld, ihre Kultur. Es geht uns nicht darum zu sagen „redet Dialekt wohin ihr geht" das wäre idiotisch. Aber Dialekt ist wie ein Krug und enthält viele Sachen, die du nicht ins italienische übersetzen kannst, nicht sprachlich sondern kon­zeptuell, die gehören zu einer Gegend zu dem Land. Ich weiß, daß ich einige Werte besitze, die ich jemand anderem kaum erklären kann, da er/sie in eine andere Mentalität hineingeboren wurde. Es ist sicherlich nicht angebracht, daraus unüberwindbare Unterschiede zu kon­struieren, aber jeder hat halt seine „Last".

Fumo: Verschieden aber Gemeinsam!

Nefa B.: Der Faschismus, Rassismus und die ganzen Vorurteile erwachsen ja aus der Angst vor der Verschiedenheit, vor Veränderungen und der Angst vor dem Kontakt mit etwas, daß dem, was du im Kopf hast, nicht entspricht. Einige Leute erkennen die Unterschiede an und können zusammenleben.

Nando: Das nur als Ergänzung, weil einige Leute uns als Leghisten bezeich­net hatten (Anhänger der Leghen,. rechtspopulistische bis faschistoide regionalistische Gruppen die sich zur Wahl stellen). Auf einem Kongreß kam mal einer auf mich zu und sagte „Du singst auf Dialekt, du förderst den Separatismus”. Da konnte ich nur noch „Halt!" sagen, da mußt du ja alles von vorne dis­kutieren. Daß wir auf Dialekt singen, hat nichts mit Separatis­mus zu tun, sondern damit, die eigene Kultur kennen zu wollen und sie anderen Menschen nahe zu bringen. Bis jetzt wurde sie nämlich immer mit dem Hammer traktiert, und es ist nur richtig, daß sie ihre adäquate Stellung bekommt. Basta!

Lele: Oft, wenn wir im Ausland' spiel­ten, kamen Leute auf die Bühne und haben beispielsweise auf spanisch gerapt, und einmal in Barracaldo hat 'ne Frau sogar auf Euskera gerapt, das war die Hölle, echt super, alle haben getanzt und die Texte verstanden, vor allem haben sie verstanden welches Instru­ment Hip-Hop darstellt. Wir werden sehen, wie im Ausland radikaler, militan­ter italienischer Hip-Hop, nenne es wie du willst, aufgenommen werden wird.

dna: Was bedeutet für euch Kultur, was ist Politik und wie geht das zusammen?

Fumo: Politik ist für mich der Alltag. Da ich in einem besetzten Haus lebe, ist das die ständige Auseinandersetzung mit den Realitäten um mich rum, der Ver­such, so viele Leute wie möglich auf meine Seite zu ziehen. -Auch wenn ich nicht weiß, ob ich die Wahrheit gefres­sen habe. Das mache ich vor allem indem ich aufzeige, daß meine Lebens­art möglich, und vor allem menschlich ist. Das Fehlen von Solidarität und Inter­esse in Bezug auf die Menschen, die um uns herum sind, kann ich nicht akzeptie­ren. So wie ich lebe, ist die einzige Lebensweise, die es mir erlaubt, noch menschliche Beziehungen aufrechtzuer­halten. Außer in einem besetzten Haus zu leben und Politik in einem Centro Sociale zu machen, gibt's da die Musik! Ich gestehe ich bin „erleuchtet" worden durch ein Interview mit KRS One, BDP (Boogie Down Production), in dem es um Pädagogik gin, und das ist für mich immer ein Schlüsselwort geblieben. Ich singe nicht, um Scheiße zu erzählen, ich respektiere Unterhaltungsmusik, die nur zum tanzen ist, es geht mir am Arsch vorbei, ob jemand 6 Stunden lang singt, wie geil seine Kappe ist, is'OK, ist sein Job, aber ich muß was sagen, ich brauche es, sonst steig' ich auf keine Bühne. Hier in Deutschland habe ich echt Probleme, aber ich versuche vor den Stücken zu erklären, wer ich bin und was ich sagen werde.

Aber für mich gibt es einen ganz kla­ren Unterschied zwischen Unterhaltung und einer Person, die etwas mitzuteilen versucht, zu lehren, ich schäme mich nicht, das so auszudrücken, ich akzep­tiere auch das Lernen von anderen und bringe meinen Teil an Erfahrungen ein, mit dem ich jemand anderes, etwas bei­bringen kann. Ich bin auch sehr glück­lich über unsere neuste Scheibe, die um das Thema Knast geht, eine Sache, der sich echt niemand annimmt. Die Platte wird sogar von Sony vertrieben werden und vielleicht, ich sage vielleicht, wird es gelingen, daß die Kids, die Hip-Hop hören, anfangen, sich eine andere Vor­stellung von Knast zu machen als die, die ihnen täglich von Zeitungen, Fernse­hen und sonstigen Medien präsentiert wird.

Lele: Die Scheibe wird zwar von Sony vertrieben, aber wir müssen ergänzen unter was für Bedingungen, denn ich glaube es ist die erste-Scheibe, die von Major-Labels vertrieben wird und einen festgelegten Preis hat. Den Verkaufspreis haben wir festgelegt, und die Scheibe ist in Eigenproduktion entstanden. Ich glaube mittlerweile, zumindest in Italien, nicht mehr an Indie-Vertriebe und den ganzen Kram, denn die, die es gibt, müßen entweder höllische Anstrengun­gen unternehmen, um zu promoten und konzentrieren sich daher meist nur auf eine Band, oder sie reden von Eigenver­trieb und verkaufen dann 1.000 Stück an Virgin und du findest dann deine Scheibe mit dem Aufdruck „zahle nicht mehr als..." in irgendeinem Laden wie­der und sie kostet viel mehr. Du hast keine Kontrolle mehr über den Preis deines Produktes, wenn du was produ­zierst, mußt du damit auf den kapitalisti­schen Markt und das mußt du dann in einer bestimmten Art und Weise versu­chen.

Fumo: Unser Interesse ist dabei immer gewesen den „Verbraucher" zu bevorzu­gen. Die Platte ist Ware und den Markt für Tonträger haben die Major-Labels geschaffen, du kannst da nicht den Durchbruch von unten schaffen, die Indie-Vertriebe sind Sklaven der Major- Vertriebe, sie sind ihnen unterworfen und können ihre Regeln nicht durchset­zen. Das ist ein Bereich, in dem die - sagen wir mal -„Linke" erst viel zu kurz drin ist. Das Kapital hingegen hat jahr­zehntelange Erfahrungen. Ich glaube, daß die einzige Lösung darin liegt, es so aufzuziehen wie wir das gemacht haben: einen Vertrag abzuschliessen, mit dem Du einerseits die Käufer bevorzugen kannst, damit sie für ein verdammtes Stück Vinyl nicht übermäßig viel ausgeben müssen, und andererseits ein multinatio­naler Konzern nichts dran ver­dient.(Das glaubst du ja wohl selber nicht! Anm.d.Setzer) -Wir verdienen dann auch nichts dran, aber das ist kein Problem.

Lele: Du unterschreibst ja auch nichts bei ihnen, es läuft so, daß du sagst, ihr kriegt das zu dem Preis und müßt es zu dem und dem Preis verkaufen. Wenn Sony das als Major-Label macht, wird das auch respektiert, während die Indie-Vertriebe keine Kontrolle über ihre Sachen haben. Das Problem mit den Major-Labels ist die Produktion von Musik. Wenn du 'ne Platte mit Sony auf­nimmst weißt du nicht was dabei raus­kommst...

Nefa Beat: Das Thema stellt im Moment die wichtigste Diskussion in der italienischen Hip-Hop-Szene dar, des­halb' sind wir hier gelandet, obwohl du 'ne ganz andere Frage gestellt hast.

Nefa B: Ich will noch ergänzen, was ich bekämpfe. Meine Vision von Kultur und Politik ist Kultur und Politik der Straße. Heute wird unter Kultur vor allem der verbitterte Intelektuelle verstanden, der mit einem total schwierigen Vokabular redet und zu verstehen gibt, daß er mehr Bücher gelesen hat als jemand anders. Wenn sie sich von dieser menschlichen Krankheit leiten lassen, die ersten sein zu wollen, immer im Mit­telpunkt zu stehen, dann ist ihr Konzept von Grund auf falsch. Was ist Politik heutzutage? Mich interessiert eigentlich nicht, was dir jemand wie ich dazu erzählt, denn das weiß ich schon. Mich interessiert was z.B. der Typ in der Kneipe dazu meint, und der meint, daß das 'ne Reihe Politiker sind, die das Geld verpulvern, sich im Wahl­kampf prostituieren, um deine Stimme zu bekommen und dann Tschüß! Und genau hier mußt du kämpfen. Das Kon­zept von Kultur und Politik darf nicht in Büchern gelesenes und nicht angewand­tes ranziges Wissen sein.

Lele: Entschuldige, es stimmt zwar was du sagst, aber es kommt auch darauf an, was du unter ranzig verstehst. Denn Politik ist auch Gedächtnis, Erinnerung. Erinnerung bedeutet eine eigene Geschichte zu haben und diese erkennt der Staat, der auf jeden Fall eine Macht darstellt, nicht an, er tendiert dazu sie auszulöschen.

Nefa B: Stimmt. Und ich denke nicht, daß Politik Neuigkeiten bedeutet, Politik bedeutet historisches Gedächtnis und Korrektur nicht funktionierender Kon­zepte.

Fumo: All' das worüber wir reden erinnert mich an eine Sache: Wenn ich was schreibe habe ich ziemlich klar im Kopf auch provozierend zu sein. Ich finde in der Kultur, und ich bin überzeugt, daß ich Kultur mache, schon angefangen von der Sprache die ranzig ist, muß man manchmal auch Mechanismen in Gang setzen, die hart, stark und radikal sind, um die Leute zum Nachdenken zu zwingen. In Italien ist das ein Problem, ich hab' s0000 viele Posse gesehen, und einen Namen will ich nennen, die Radical Sunshine Posse, die mir echt die Kotze hochkommen lassen. Die steigen auf die Bühne uns singen dann „Vergewaltigung ist zu verurteilen". Ja, OK, kein Zweifel, völlig einverstan­den, aber zum Nachden­ken regt das nicht an, oder „Abtreibung muß legalisiert werden" OK, das weiß ich auch seit Jahren...

Nefa B.: ... oder „Pfarrer zum Teufel jagen..."

Fumo: Das ist doch keine Kultur, völlig öde...

Nando: Das ist echt zu leicht und stumpf irgendwelche Demosprüche aneinander zu reihen...

Nefa B.: Das ist Gegenkultur die genausoviel wert ist wie die Kultur, die sie vorgibt zu bekämpfen...

Fumo: Ich ziehe es vor, mir was von Nefa anzuhören, was ich unter Umstän­den nicht teile, worüber ich aber nach­denke, mir meine Überlegungen dazu mache, mit Nefa oder jemand anderem darüber rede... Die Provokation ist aus dieser Sicht sehr wichtig. Im Hip-Hop gibt es auch Wettbewerb, OK, aber bitte nicht wer ist die Nummer 1, wer ist der schnellste, sondern wer schießt die Kugel, die die Hirne bewegt. Vielleicht haben wir auch oft übertrieben, haben über ein gewisses Maß hinausgeschos­sen, wer weiß, vielleicht war es die Punk-Einstellung von der Provokation um jeden Preis, aber ich weiß noch, daß bei unseren ersten Konzerten, später haben uns die Leute dann geschluckt und verdaut, kamen die Leute und haben von uns Stellungnamen gefordert zu Songs wie „Polenpapst" oder "Ent­führungen" (in dem Song werden auf satirische Weise Entführungen von den Kindern der im Mailänder Hinterland lebenden Großindustriellen gutgeheißen) und das hat mir bestens gepaßt. Ich kann mich daran erinnern, daß ich nie über den Text von „Entführungen" nach­gedacht hatte bis ich einmal eine Woche in Cosenza (Süditalien) festhing, weil uns auf einer Tour das Auto explodiert war, und die Genossen aus Cosenza haben mich zur Seite gezogen und gesagt „Sag mal Fumo weißt du eigentlich was die Mafia ist? Weißt du, wie es ist mit der Mafia leben zu müssen?" Ich wohne in Mailand, da ist Mafia fast was romantisches, die Mafiosi respektieren uns, weil wir in besetzten Häusern wohnen und „Outlaws" sind wie sie. Im Süden aber ist das was anderes, das habe ich auch erst mit der Zeit gelernt. Jetzt singe ich den Text nicht mehr. Der Song hat vielleicht einigen Leuten genützt, die mir zugehört haben, weil es eine Provokation war, aber vor allem hat er mir genützt.

dna: Ihr habt vorhin schon angedeutet, daß euch Sexismus vorgeworfen wurde, wie kam das, was steckt dahinter?

Lele: Da gab es einige Mißverständnisse, die wir noch klären müssen. Wir benutzen sicherlich eine vulgäre Spra­che, denn wir singen so wie wir auf der Straße reden. Ich glaube, daß in Italien die Umgangssprache viel härter ist als in Deutschland. Es sollte jedoch klar unter­schieden werden zwischen Sexismus und vulgärer Sprache. Manchmal wird alles in einen Topf geworfen und alles ist sexistisch. Eigentlich fehlt die tatsäch­liche Auseinandersetzung darum und es wird in der Linken oft mechanisch die „Sexismus-Schablone" angewandt.

Worterläuterungen:

Canale 5 einer der drei größten privaten Fernsehsender, alle drei gehören, neben Verlagen, einer der größten beiden Kaufhausketten Italiens, Fuß­ballvereinen etc. dem Mediengiganten Silvio Ber­lusconi

Centri Sociali eine Art linksradikale „Kultur­zentren", viele davon sind besetzt

Jamsession das Spielen, Rumprobieren mit nicht einstudierten Stükken und improvisierten Einsätzen

MC (Microphone Caller) wird teilweise auch als „Master of Cere­mony" angegeben „Sänge­rin" bei Hip-Hop/Raggamuf­fin

Posse aus dem engl., eigentlich "wilder Haufen" oder so ähn­lich, meint die Menschen mit denen man/frau sich bewegt; Clique, Freundes­kreis...

message Aussage, Intention eines Textes

dance hall Orte zum tanzen, die eigentlich keine Disco sind, aber am Wochenende oder zu bestimmten Anlässen als sol­che genutzt werden, entstan­den als „proletarisches" Gegenstück zur Disco.

La Repubblica eine der zwei größten Tages­zeitungen Italiens (kein Boulevardzeitungen) 800-900.000 Auflage; ehe­mals bürgerlich-liberal, mittler­weile konservativ

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Erschienen in arranca! #1

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