OstWest

Meine Schule Deine Schule

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Sechs Menschen setzten sich zusammen, um Erfahrungen über ihre Schulzeit auszutauschen. Das Interesse an diesem Gespräch ergab sich daraus, daß zwei davon die DDR-Schule besucht hatten, die anderen vier das hinter sich hatten, was jetzt in diesem Land alle Kinder und Jugendlichen mehr oder weniger lange vor sich haben. Aus einer erwarteten Differenz der Erlebnisse wurde ein Gespräch, dessen unterschiedliche Erfahrungswelten sich kaum an den unterschiedlichen Bil­dungssysthemen festmachen lassen, wohl aber an den Gesellschaftssystemen, deren Repräsentan­ten und Hervorbringungen jene sind.
Es geht nicht darum, abzuwägen. Diese Entscheidung haben uns andere abgenommen. Es geht darum, einzuordnen, Erscheinungen auf ihr Wesen zu überprüfen. Und es geht natürlich darum, zu lernen. Sowohl von einem System als auch gegen ein System. Immer aber in der Auseinanderset­zung mit dem zu Bekämpfenden. Anders geht‘s nicht. Wir alle haben unsere Erfahrungen. Die kann uns keiner nehmen. Andere haben andere Erfahrungen. Manchmal sind die wichtiger als eigene. Wir müssen das herausfinden. Wir müssen einander zuhören, auch wenn unsere Sprache manchmal eine andere ist. Auch das hängt mit Erfahrung zusammen.
Und oft auch mit Wissen. Nie sollten wir dieses verhöhnen...

Erich: Die erste für mich wesentliche Unterscheidung ist erstmal eine, die sich nicht auf das Bildungssystem allein bezieht, sondern eigentlich auf das gesamte Staatswesen DDR, von dem das Schulsystem ja ein ganz wichtiger Teil war.
Mit Schule meine ich jetzt diese ganze Organisation von der Krippenerziehung bis zur Weiterbildung im Berufsleben und noch darüber hinaus. Ich will auf den Organisierungsgrad hinaus, der viel höher war, als ich mir das im bundes­deutschen System der verschiedenen Länder vorstellen kann. Und darauf warn die bei uns auch die ganzen Jahre angewiesen. Organisation aus einem Zwang heraus, sich und das, was sie „führende Rolle" nannten, legitimieren zu müssen.

Rita: Aber das bezog sich doch in der Schule nur auf die gesellschaftswissen­schaftlichen Fächer. Also Staatsbürger­kunde und Geschichte vor allem.

Helmut: Warn das zwei verschiedene Fächer in der DDR?

Rita: Das lief zwar gerade bezogen auf die aktuelle Geschichte oder die dazu vorgeschriebene Geschichtsschrei­bung dieser Etappe immer mehr zusam­men, aber getrennte Gebiete warn das schon.

Erich: Der Legitimationsdruck wurde nach hinten heraus immer größer. Und das wurde dann zunehmend mit Ideolo­gie durchsetzt. Die Aneignung von Marx war wichtiger als die von Spartakus und die von Lenin wieder wichtiger als die von Marx. Aneignung meine ich jetzt als Inbesitznahme. Je näher du dem Heute kamst, desto schwerer warn Geschichtsbeugung und pure Ideologie auseinanderzuhalten. Die historischen Ereignisse, die zeitlich näher dran lagen, wurden also ideologisch mehr durchsetzt. „Ideo­logisch" im übelsten Sinne verstanden, denn als taktische Maßnahme kann Ideologie vielleicht manchmal ganz sinn­voll sein, gegenüber einer Bevölkerung, die aus einer anderen Zeit kommt. Damit meine ich jetzt den Nationalsozia­lismus.

Hannelore: Wie wirkte sich denn das, was du „Durchsetzung mit Ideolo­gie" nennst, und ich gehe jetzt mal davon aus, daß das eine Erscheinung war, die sich da überall durchzog, wie wirkte sich das auf die Bewertung aus. Denn das ist ja immer ein Mittel der sehr zeitigen Klassifikation und Aussonde­rung von Leuten, die sich nicht der Norm entsprechend verhalten. Das System hat mit diesem ideologischen Wertmaßstab, ich nenn das jetzt mal so, ein zusätzliches Selektionsprinzip geschaffen.

Björn: Ob zusätzlich, ist für mich wirk­lich die Frage. Jedes Gesellschaftssystem, das auf Unterdrückung beruht, legt großen Wert darauf, sich die Untertanen zu züchten, die es braucht. Ideologie spielt da immer eine Rolle. Nur in der Bundesrepublik eben eine andere. Unter dieser Voraussetzung würde ich das, was du über die DDR gesagt hast, mit der Einschränkung eben der anderen Ideologie, schon unterschreiben, auch für die BRD. Letztendlich lief alles auf dasselbe hinaus, wie bei euch. Ich meine, den Imperialismus, oder wie du das immer nennen willst, als den Endzweck aller Entwicklung hinzustellen. Wie bei euch das, was die Sozialismus nannten, als das Ende aller Wünsche zu verkaufen.

Hannelore: Ich habe den Eindruck, daß das gar nicht so kontrovers, also immer Ost gegen West, diskutiert wer­den muß. Die Kriterien nach denen bewertet wurde, waren andere. Aber Ideologie wurde eben abgefragt, und wenn du das nicht gebracht hast, dann warst du auf die Dauer eben auch raus. Die brauchten im Westen andere Leute, und so haben sie anders ausgelesen.

Helmut: Ich hatte Fascholehrer. Und die brauchten das auch nicht zu ver­stecken. Die waren bei den Nazis schon Lehrer und in der Bundesrepublik dann wieder.

Rita: So etwas war in der DDR eigent­lich ein Tabu. Also im Staatsdienst war das sicher nur in Ausnahmefällen mög­lich, daß da ein Nazi reinkam. Für Lehrer würde ich das auch annehmen.

Erich: Das hatte mit der Legitimation dieses Staates aus dem Antifaschismus zu tun. Der war eigentlich Staatsdoktrin oder zumindest ein Teil der offiziellen Doktrin. Durch Lebendiges war kaum noch Legitimation möglich mit den Jah­ren. Da blieb dann irgendwann nur noch die Rechtfertigung durch die Opfer eines vor langer Zeit geführten Kampfes und durch die Erhaltung des Friedens, was vielleicht noch wirksamer war, und eigentlich meinte diese Flo­skel neben dem durch die Stasi und andere gesicherten inneren Frieden vor allem den wirtschaft­lichen Frieden mit dem Welt­markt, und das hat sich dann als verhängnisvolle Illusion heraus­gestellt Aber noch mal kurz zu der „Legitimation durch den Antifaschis­mus". Einige Ereignisse scheinen auf den ersten Blick dagegen zu sprechen. Zum Beispiel, daß die Uniformen der Volks­armee nach dem Muster der Wehrmacht­suniformen gemacht waren, hatte den einfachen Grund, bestimmte militaristi­sche Überbleibsel aus der Nazizeit für die Landesverteidigung zu gewinnen. Oder, was auf dasselbe abzielt, daß es irgendwann in den Fünfzigern eine Amnestie für SS-Angehörige gab. Wenn ihnen nicht Kriegsverbrechen nachge­wiesen werden konnten, was ja ein Unterschied zur Bundesrepublik war, die ja sonst einfach einen Teil der wesentlichsten Staatsbediensteten verlo­ren hätte, wenn man die vor Gericht gestellt hätte. Schleyer war da, nach dem was ich gehört habe, ein gutes Beispiel für einen nachweislichen Kriegsverbre­cher in höchster Position der Wirtschaft.

Hannelore: Eine andere Sache, die mich interessiert: wie die Vermittler der Staatsdoktrin, die die Lehrer unter ande­rem ja warn, auf die manchmal doch sehr rasanten Wechsel in der Sichtweise auf Gegenwart und Vergangenheit, rea­gierten. In der BRD war das schon inso­fern kein Problem, als einerseits der stockreaktionäre Lehrinhalt im großen und ganzen derselbe blieb, es anderer­seits kaum eine Chance für engagierte Lehrkräfte gab, in den Schuldienst zu gelangen. Aber bei Leuten, deren freie Entscheidung es irgendwann mal war, gesellschaftswissenschaftliche Fächer zu unterrichten, und die auch ungefähr wußten, was da auf sie zukommt, finde ich es schon erstaunlich, daß die diese ganzen Schwenks mitmachten. Und davon gab's ja nun nicht gerade wenige.

Rita: Du mußt dabei immer sehen, daß diese Leute auch durch eine „sozialistische" Schule gegan­gen sind. Ob nun Universität oder Arbeiterbildungsfakultät oder was auch immer. Entweder wurde ihnen frühzeitig das Kreuz gebrochen, was sicher in der DDR bei mehr Leuten und frühzeitiger nötig war als in-der BRD - jedenfalls in den Anfangsjahren, als noch größere Ideale bei einem großen Teil der Leute da waren und Hoffnungen in das Projekt „erster soziali­stischer Staat auf deutschem Boden". Oder - und das trifft vor allem für die älteren Jahrgänge zu - die hatten einfach ein schlechtes Gewissen ob ihres ange­paßten Verhaltens in der Nazizeit, und waren froh, daß sie in Ruhe gelassen wurden. Und wenn man oder frau etwas konnte in diesem Land, dann war es, in Ruhe alt zu werden. Es war ja im großen und ganzen alles sehr erträglich, wenn sie sich ruhig verhielten Und das Wis­sen, selbst als IM etwas gegen den Sieg des Kapitalismus zu tun, war immerhin was. Und die Geschichte hat den Leuten ja Recht gegeben. Wenn du die Geschichte etwas unscharf und nur ein historisches Detail betrachtest.

Hannelore: Sie kokettierten also mit ihrem Parteisoldatentum.

Erich: Die meisten Leute legten sich irgendwann neben ihrer privaten eine öffentliche Meinung zu. Das nahm dann bei Lehrern oftmals recht obskure For­men an. Sie sagten, wenn sie „mutig" waren, ihre private Meinung und zusätz­lich das, was gewußt werden mußte für eine gute Note. Für die meisten war die ständige Neubetrachtung der Geschichte aber ein rein evolutionäres Problem. Das war eben Entwicklung. Alles entwickelte sich, warum nicht auch ein Geschichts­bild. Wohin, wer wußte das schon. Da war dann Luther zu irgendeinem Jahres­tag seines Todes von heute auf morgen fast ein Revolutionär, und seine Wegbereiterrolle als Kapitalismusideologe war schnell in den Hintergrund gedrängt. Die Staatshistoriker hatten ein Jahr Zeit, den Luther nach den neuesten Erfordernissen hinzubiegen. Das wurde dann das Lutherjahr genannt. Da gab's wahr­scheinlich gerade eine neue Linie bezüg­lich Kirchenpolitik und das hieß auch immer besseren Zugriff auf die bürgerli­che Opposition, die ja meist in die Kir­chen kroch. Da hatte man sie dann unter Kontrolle, es waren allerdings ab und an ein paar Zugeständnisse nötig. Und dazu konnte auch gehören, daß man Luther nachträglich in die Ahnenta­feln der SED aufnahm.

Rita: Eine Ausnahme bildete nach mei­ner Erfahrung der Literaturunterricht. Literatur oder Kunst allgemein wurde auch in der Lehre eine relative Subversivität zugestanden. So war unsere Schule der bürgerlichen Kunst doch erstaunlich fundiert, sofern sie sich nicht mit den Problemen der nachrevolutionären Gesellschaft kritisch auseinandersetzte. Aber selbst da gab es phasenweise Ent­wicklungen die zumindest das Zeigen von „Widersprüchen im Sozialismus" im Kunstwerk zuließen. Kunst war eben ein eigenes Reich, und ihre Auslegung ein weites Feld.

Erich: Da bot sich dann die bürgerli­che Kunst - und ich gehe da mal bis zu Brecht oder Seghers - besonders an, sofern sie eine vor der DDR liegende Epoche behandelte. Davon konnte gesagt werden: Schaut euch an, wie schlimm das alles war, und wie gut geht's uns heute, mit Sozialpolitik und Wohnungsbauprogramm und führender Rolle der Partei.

Björn: Das mit der zugestandenen Subversivitätsfunktion von Literatur war im Westen ähnlich. Es konnte dir passie­ren, einen Deutschlehrer zu haben, der einige Monate nichts weiter behandelte, als „Die Ästhetik des Widerstandes" von Peter Weiss. Solange das im theoreti­schen Rahmen blieb, hatte das auf die Rezeption keinen Einfluß. Es durfte bloß keine Aktion daraus entstehen. Zur bür­gerlichen Literaturtradition gab's schon ein sehr gebrochenes Verhältnis, und das ist auch verständlich.
So viel hatte sich ja an den Verhältnis­sen seit der Weimarer Republik nicht geändert, zumindest was den Bereich angeht, der von guter Kunst aufs Korn genommen wird. Nicht mal in der Phrase konnte man sich absetzen von den Verhältnissen, die bei Brecht und anderen in ihren Grundlagen in Frage gestellt wurden. Es blieb dann meist eine rein enzyklopädische Betrachtungs­weise, also Abfragen des Inhalts, oder die Leute wurden hoffnungslos ver­fälscht oder eben verschwiegen.

Erich: Das scheint mir aber doch alles nicht so konzeptionell durchorganisiert gewesen zu sein, wie wir das erlebt haben und zwar in allen Bereichen der Gesellschaft. Allein die Einheitlichkeit der Lehrpläne DDR-weit war ein Garant synchronen Vorgehens. Und zwar nicht erst mit dem Beginn der Schulzeit, son­dern das ging schon fast im Säuglingsal­ter los. Ein wesentlicher Unterschied war die relative Vollbeschäftigung der Bevöl­kerung verglichen mit der Bundesrepu­blik. Dadurch wurde in der Organisie­rung der Kinderbetreuung ein viel lückenloseres Netz geschaffen, als es jemals unter „demokratischen" Verhält­nissen möglich wäre. Der Zugriff auf die Gehirne war damit, jedenfalls potentiell, ein früherer und konstanterer. Immer unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Einflußnahme zweier möglicher­weise im Produktionsprozeß stehender Eltern gering war. Ich weiß nicht, ob die These zu gewagt ist, daß ein fast völliges Fehlen jeglicher linker Opposition neben dem lückenlosen Repressionsap­parat auch eine Menge mit dem lücken­losen Betreuungsnetz zu tun hat.
Meine Polemik geht dabei nicht gegen das soziale Gerüst der DDR als solches, sondern vor allem gegen die Art des Einbaus in ein wohlorganisiertes Beob­achtungs- und Erziehungssystem. Selbst die Massenorganisationen von Pionieren bis FDJ oder GST hatten ja auch ihre positiven Seiten für die Mitglieder. Die Entwicklung einer gewissen Normalität von Solidarität mit den Unterdrückten der Welt, mit einem Großteil von ihnen besonders in Afrika und Lateinamerika, war schon in manchmal sehr nachhalti­ger Weise prägend, besonders für Kin­der und solange sie das waren. Was dann kam, in der weiteren Biographie, steht auf einem anderen Blatt.

Rita: Das hatte dann oft etwas mit dem Empfinden oder der Erfahrung des Zwangs zu tun, der immer vorhanden war. Ob bei der Mitgliedschaft in Masse­norganisationen oder selbst bei der obli­gaten Solidaritätsabgabe. Du warst aus­ geschlossen, nur weil du nicht Pionier warst oder du warst ausgeschlossen, weil du Beiträge nicht bezahlt hast. Das war zwar unterschiedlich von Schule zu Schule und auch von Lehrer zu Lehrer, aber konnte schon zu einem frühen Trauma werden.

Hannelore: Die Ausschließung funk­tionierte in der BRD anders. Besonders soziale „Ausnahmesituationen" waren häufig ein Grund gehänselt zu werden. Ohne Vater aufzuwachsen oder in einer Wohngemeinschaft waren schon Gründe des Andersseins oder des dazu gemacht werdens. Es gab aber vielleicht mehr Möglichkeiten, aus diesem Ausgeschlossenwerden eine Protesthaltung zu ent­wickeln, mit der du dann auch nicht allein dastandest.

Helmut: Überhaupt war es, glaube ich, leichter, im Westen gegen alles zu sein. Du merktest schnell, da gab es fast nichts zu verteidigen. Der Zwiespalt war vielleicht nicht so groß, in dem du dich dann befandest. Es gab die beschissene Alternative Kapitalismus nicht. Den hat­ten wir ja. Aus dieser Anti-Haltung konnte später allerdings auch alles wer­den, vom Fascho bis zu Linksradikalen. Das hing dann von vielem ab.

Margot: Diese totale Protesthaltung war schon ein Problem. Die gab's in der DDR eigentlich fast ausschließlich bei Skins. In dieser radikalen Leugnung des antifaschistischen Staates. Dieser Protest war kaum zu ertragen von Seiten der Organe und wurde auch, wo es möglich war, verschwiegen. Das wurde dann als kriminelles Delikt wie Randalieren oder staatsfeindliche Hetze ohne politisch klar erkennbare Motivation abgetan. Es durfte sowas nicht geben. Also das war schon sehr verbreitet, sogar bei Leuten, die ich nie zur rechten Szene rechnen würde, und die sich wahrscheinlich auch nach dem Ende der DDR nicht in diese politische Richtung entwickelt haben. Ich kenne welche, die harte Faschoparolen gebrüllt haben und sol­che Schmierereien fabriziert haben, die sind heute eher links. Der Kontext ist heute ganz klar ein anderer. Das gab vor der Wende einfach keine politischen Konsequenzen, die sich möglicherweise ergeben konnten aus rechtsradikalem politischem Gebaren, zumal es auch sehr wenig orga­nisiert auftrat ver­glichen mit heute.

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