Lärnen leicht gemacht?

Was passiert auf physiologischer oder biochemischer Ebene beim Lernen?

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lob des lernens

lerne das einfachste! Für die deren zeit gekommen ist ist es nie zu spät! lerne das abc, es genügt nicht, aber lerne es! laß es dich nicht verdrießen! fang an! du mußt alles wissen! du mußt die führung übernehmen!
lerne, mann im asyl! lerne, mann im gefängnis! lerne, frau in der küche! lerne, sechzigjährige! du mußt die führung übernehmen.
suche die schule auf, obdachloser! verschaffe dir wissen, frierender! hungriger, greif nach dem buch: es ist eine waffe. du mußt die Führung übernehmen.
scheue dich nicht zu fragen, genosse! laß dir nichts einreden, sieh selber nach! was du nicht selber weißt, weißt du nicht. prüfe die rechnung du mußt sie bezahlen. lege den finger auf jeden posten frage: wie kommt er hierher? du mußt die führung übernehmen.
was hilft zweifeln können dem, der sich nicht entschließen kann! falsch mag handeln, der sich mit zu wenigen gründen begnügt, aber untätig bleibt in der gefahr, der zu viele braucht.
der, der du ein führer bist, vergiß nicht, daß du es bist, weil du an führern gezweifelt hast! so gestatte den geführten zu zweifeln.

b.brecht

 Gibt es Verstärker oder umgekehrt Bedingungen, die ein Lernen fast unmöglich machen? Wenn ja , können wir diese beeinflussen oder stoßen wir zwangsläufig und automatisch auf unsere „natürlichen Grenzen"? Solche Fragen stellte ich mir zu Beginn: Nach dem Einarbeiten in das Thema ergaben sich jedoch zwei Schwierigkeiten:
Streng naturwissenschaftliche Experimente und Messungen vermögen bis jetzt maximal einzelne Sinneseindrücke wie Sehen, Hören ,Tasten oder Riechen von ihrer Reizentstehung über Aufnahme, Weiterleitung, Verschaltung und eventuell Speicherung zu erklären. Ein Beispiel hierfür soll versuchen aufzuzeigen, was genau beim Lesen dieser Zeilen im menschlichen Kopf passiert.
Einen komplexen Vorgang wie Lernen zu versuchen physiologisch aufzuschlüsseln erweist sich jedoch schlichtweg als unmöglich: sind doch beim Lernen verschiedene Sinneseindrücke stets gekoppelt mit unterschiedlichen Erfahrungen und Vorlieben , das ganze dann noch in einer spezifischen Situation.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, möchte ich das Wort „Lernen“ noch etwas genauer erklären, besser gesagt einschränken:
education sentimental, also die Erziehung oder das Lernen von sozialem Verhalten wie zum Beispiel die Bereitschaft zur Solidarität oder vielleicht auch nur zu einem hohen Grad an gegenseitigem Vertrauen oder Offenheit, aber auch erlernte Verhaltensweisen wie Wut oder Trauer und die Projektion dieser Gefühle in Gegenstände oder Personen sind zum allergrößten Teil erlernte Verhaltensweisen - allerdings in einer viel komplexeren Art und Weise.
Das Wort „Lernen“ möchte ich in diesem Artikel vor allem auf die Aneignung von Wissen solcherart verstehen, wie zum Beispiel das (bloße?) Erlernen von Fakten, Zahlen oder Vokabeln ..., gleich ob jetzt aus einem Buch, in einem Seminar oder aus einem Film. Die kritische Auseinandersetzung mit einigen Tips hierzu soll den zweiten Teil dieses Artikels bilden.

 Laut verschiedener medizinischer Bücher nehmen wir 1.000.000.000 unterschiedliche Informationen pro Sekunde aus der Umwelt auf - egal ob als Licht Schall, Berührungen oder Gerüche. Nur etwa l00 davon erleben wir allerdings bewußt. Gleichzeitig geben wir rund 1.000.000 Informationen pro Sekunde an unsere Umgebung ab, als Worte, Mimik, Bewegungen, Körperhaltungen, Temperatur...
Das Grundmuster von Wahrnehmung ist für alle Sinne gleich: Ein Reiz wird aufgenommen, in kleine elektrische Ströme umgewandelt und so zum Gehirn zur Verarbeitung geschickt. Die Lichtwellen dieser Buchstaben gehen also folgenden Weg: Zuerst werden sie durch die Hornhaut und die Linse gebrochen (die Linse macht hierbei nur rund ein Fünftel der Brechkraft aus. Dadurch daß die Linse ihre Form verändern kann können wir sowohl das Buch vor uns, als auch den Wald im Hintergrund scharf sehen). Nach dem Durchtritt durch die Pupille, das Sehloch, erreichen die Quanten (kleinste Energieeinheiten des Lichts) die Netzhaut - nur ein einziges Lichtquant vermag die Schleusen für verschiedene Ionen (geladene Stoffe wie sie in Salzen vorkommen) zu beeinflussen - ein elektrischer Strom beginnt zu fließen. Im Unterschied zum skotopischen (Dunkelheits)-Sehen vermag das Auge beim photopischen (Farb-) Sehen unterschiedliche Mengen Sehfarbstoff zu bilden und die Zellen variiert zu verschalten und zu hemmen, um auf so unterschiedliche Reize wie das Betrachten des Sternenhimmels oder das Blinzeln in die gleißende Sonne adäquat zu verarbeiten. Diese nur einige Minivolt betragenden Ströme werden dann in regelrechten Kabeln, den Nerven, weitergeleitet. Dicke Fettschichten, die Myelinhüllen, isolieren diese. So kann der Strom mit einer Geschwindigkeit von bis zu 110 Metern pro Sekunde, das sind knapp. 400 Kilometer pro Stunde(!), fließen - schnell genug, damit wir zum Beispiel blitzschnell die Hand von der heißen Herdplatte ziehen können oder, um beim Auge zu bleiben, eine Tasse schon greifen bevor sie aus dem Schrank auf den Boden gefallen ist. Bei etwa 500.000 Kilometer verlegten Nerven pro Mensch ist leicht vorstellbar, daß eine genaue Verschaltung über Synapsen lebenswichtig ist.
Im Sehzentrum , das im Hinterkopf des Menschen liegt, angekommen, ordnet das Gehirn verschiedenen elektrischen Strömen Farben und Sinnesinhalte zu ein langweilige Lektüre läßt uns gähnen, ein Krimi hingegen läßt das Herz schneller schlagen und die Hände werden feucht.

Die moderne Gehirn-und Gedächtnisforschung unterscheidet grob zwei verschiedene Merkformen: Das (Ultra)-Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Ersteres speichert wie eine Batterie für Sekunden(Bruchteile) den elektrischen Strom. Kreisen diese Ströme mehrmals und länger, oder werden wiederholt abgerufen, werden Eiweißmoleküle aufgebaut ,die dann manchmal jahrzehntelang irgendwo lagern um so länger sie in der Ecke verstauben, ums länger braucht mensch um sie wiederzufinden oder wir vergessen sie ganz. Diese Eiweißherstellung, die Proteieinsynthese läßt mit zunehmendem Alter oft nach - was gestern geschah wissen alte Menschen oft schwieriger als das vor 20 Jahren Erlebte.

 Generell steigt die Anzahl der gespeicherten Informationen mit dem Grad der Wiederholungen, allerdings soll emotional gefärbtes viel einfacher zu behalten sein als sachliches und neutrales - aber darüber streiten die Geister der Lernforschung. Erfahrungsgemäß können wir wahrscheinlich alle sagen, daß ein besonders „schönes“ Erlebnis besser im Gedächtnis bleibt - an etwas unangenehmes erinnern wir uns allerdings nicht so gerne - aber deswegen nicht so oft? Was auf jeden Fall zutrifft ist, daß wenn Erfahrungen aus dem persönlichen Leben mit dem neu zu erlernenden verknüpft werden können - also zum Beispiel bei einenm Ökonomieseminar auch über den Geldfluß im eigenen Geldbeutel reden , besser verstanden und besser behalten werden.
Anatomisch kann mensch das Gehirn unter verschiedenen Gesichtspunkten aufteilen:
Funktionell wird zum Beispiel dem Kleinhirn hauptsächlich die feinmotorische Bewegungskoordination zugeordnet.
Auf das Großhirn läßt sich sowohl motorisch, also für die aktive Bewegung ,als auch sensorisch , also für den Tastsinn ein je nach Wichtigkeit vergrößertes oder verkleinertes Abbild auf den Cortex, die Gehirnrinde, projizieren.
Herausgefunden wurde so etwas sowohl durch Ausfallbilder (nach Unfällen sich ergebende eingeschränkte Leistungen des Gehirns) als auch durch gezielte Versuche.
Entwicklungsgeschichtlich unterscheiden sich sehr junge Gehirnteile wie das Großhirn, das in der Evolution erst jüngst, das heißt erst seit einigen Millionen Jahren solch zentrale Bedeutung erlangt hat, von wesentlich älteren Gehirnregionen.

Das limbische System wird gemeinhin für den ältesten Teil des Gehirns gehalten - ist von zentraler Bedeutung. Diesem aus mehreren Teilen bestehenden Zentralkern des Gehirns werden sehr wesentliche Funktionen zugeschrieben: Sowohl eine Art Gefühlszentrum soll es in sich beherbergen, als auch der Ausgangspunkt für Gedanken und Handlungen soll es sein. Nur wenn das Limbische System grünes Licht gibt, ist umgekehrt eine intensivere Speicherung vor allem von Reizen möglich. Also nur, wenn wir uns wohl fühlen, was ganz unterschiedlich erreicht werden kann, können wir erfolgreich lernen. Das bedeutet zum Beispiel auch, daß ein längeres Vorstellen und damit auch Abbau der gegenseitigen „Angst“ zu Beginn eines Seminars erst eine fruchtbare Atmosphäre zum Lernen, sich Austauschen und in Fragestellen schaffen. Mit gutem Willen allein können wir unsere Gefühle nicht austricksen und auf Knopfdruck funktionieren. Und so banal es klingt: Wer wird nicht gerne gelobt, statt das Wort kritisieren immer nur negativ zu sehen?

PHPTO LERNEN UNTERSCGIEDLICH

Wir haben wahrscheinlich alle schon gemerkt daß manchmal eine Information aus dem Radio nur so an uns vorbeirauscht. Die gleiche Sache jedoch in der Zeitung gelesen, vielleicht noch mit einer erklärenden Grafik und einem einführenden Text der zusammenfaßt und die wichtigsten Sachen vorbenennt („Skelett vor Detail“) - ohne bewußt daran zu denken wieso - prägen wir uns diese Information schneller und einfacher ein. Es gibt also unterschiedliche Kanäle für Informationen. Je nach Mensch können wir eben besser alleine/mit Freundinnen/in der Badewanne/mit klassischer Musik lernen. Ausprobieren!
Das Buch von F. Vester Denken, Lernen, Vergessen (dtv Verlag) beinhaltet hierzu einen guten Test - leider zu ausführlich um ihn hier abzudrucken.
Verknüpfungen, Assoziationen, Eselsbrücken - wir alle haben eine mehr oder weniger spezielle Mixtur um gut zu lernen. Oft ist sinnvoll viele Kanäle anzusprechen (auf ein Seminar gemünzt heißt das zumindest, wichtige Sachen nicht nur zu erzählen sondern auch anzuschreiben oder anzumalen ...). Überreizen wir jedoch unser Gehirn, überfordern wir es gleichzeitig: Wir schalten ab oder werden gestreßt - nix geht mehr in punkto Lernen.
Asata Shakur fragt sich in einem Interview, warum die Linke glaubt, die Menschheit oft so langweilen zu können. Umgekehrt heißt das auf lernphysiologisch: Gute Vorbereitung und Spaß führen zu einer lernpositiven Jemütslage.

 

lob der vergeßlichkeit

gut ist die vergeßlichkeit
wie sollte sonst
der sohn von der mutter gehen, die ihn gesäugt hat?
die ihm die kraft seiner glieder verlieh und
die ihn zurückhält, sie zu erproben.

oder wie sollte der schüler den Lehrer verlassen
der ihm wissen verlieh?
wenn das wissen verliehen ist
muß der schüler sich auf den weg machen.

in das alte haus
ziehen die neuen bewohner ein.
wenn die, die es gebaut haben noch da wären
wäre das haus zu klein.
der ofen heizt.den hafner
kennt man' nicht mehr.der pflüger erkennt den leib brot nicht.

wie erhöbe sich ohne das vergessen der spurenverwischenden nacht der mensch am morgen? wie sollte der sechsmal zu boden geschlagene
zum siebtenmal aufstehen
umzupflügen den steinigen boden,anzufliegen den gefährlichen himmel?

die schwäche des gedächtnisses verleiht dem menschen stärke.

b. brecht

 

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Erschienen in arranca! #1

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