Haribo macht Kinder froh

Was heißt hier Bildung?

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Kindererziehung auf Cuba: Im Alter von 4 Jahren dürfen die Kleinen im Hort aufsagen, daß die „Kommunistische Partei die Avantgarde des Proletariats ist und der Yankee-Imperialismus der Feind der Mensch­heit"1. Für sie sind es Sprachschablonen, die genauso gut "Der Herr Jesus will, daß du deinen Eltern gehorchst" oder "Haribo macht Kinder froh" lauten könnten.
Daß Bildung in der Geschichte der Linken, vor allem der realsozialistischen, oft als ideologische „Belehrung" mißverstanden worden ist, kann man kaum bestreiten.
Solche Erziehung aber, die antiautoritäre Bewegung hat es vor 25 Jahren schon gesagt, schafft kein Bewußtsein. Worthülsen können ausgetauscht werden, wie in der DDR: Nicht der Imperialismus ist mehr die Bedrohung, ein anderer Buhmann/frau wird schnell gefunden.

Die Grundlage dieser linken Belehrungs- und Verkündungshaltung in den realsozialistischen Staaten waren nicht hauptsächlich der preußische Autoritätsglaube oder die kulturellen „Rückstände" der asiatischen Despotien (die in manchem die SED dem preußischen Deutschland und das stalinistische Regime den zaristischen Terrorherrschaften gleichen ließ). Verantwortlich dafür war vor allem der Determinismus der in den Fortschritt vertrauenden Linken, der Glaube, daß die Geschichte vorherbestimmt (=determiniert) sei und wie bei dem bürgerlichen Philosophen Hegel beschrieben „von Vernunft geleitet". So wurde der Sozialismus als zwangsläufige Fortführung des geschichtlichen Werdegangs (antike Sklavenhaltergesellschaft - Feudalismus- bürgerliche kapitalistische Gesellschaft) gesehen, eine Stufe weiter auf der Menschheitstreppe, als ein sozusagen automatisch eintretender Höhepunkt. Weil die Entwicklung unweigerlich nach vorne schritt und sich das Ergebnis vorhersagen ließ, konnte sich die Linke an ihre Spitze setzen, mußte sie den Rest der Menschheit nur noch unterrichten.

Und so hieß es dann entlarvend auf gold umrandeten Porzellantellern in der DDR: „Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist" (Lenin). Die Linke wurde zur Lehrerin, Befreiung zur „Volkserziehung", zum Vollzugsakt von oben nach unten.
Meiner Ansicht nach war dieser Begriff von Pädagogik, in dem sich Wissende und Unwissende gegenüberstehen, in dem die geschichtliche Wahrheit „von außen" über die Partei zu den Massen kam, eines der entscheidenden Hinder­nisse für eine sozialistische Entwicklung. Zwar war die kommunistische Tradition nicht in jeder Hinsicht so, auch schon in den Räteschulen Anfang der 20er wurde betont, daß Lehrer und Schüler beide Wissen mitbringen —letztere das kon­krete, erstere das allgemeine—, aber die Grundlinie blieb: es gibt eine festste­hende Wahrheit und diese muß verkün­det werden. Es ging also oft nicht mehr darum, daß Menschen ihre Wirklichkeit selbständig reflektieren und erklären können, sondern daß objektive Erklärungen geliefert und von außen übergestülpt wurden.
Der Übergang von diesem Objektivismus — in dem nur das Allgemeine und Abstrakte zählt, der Einzelne jedoch verloren geht —, zu einer bedingungslosen Huldigung des Subjektiven und Individuellen ist dann nicht mehr als eine Reflexhandlung.
Vor allem in den letzten 20 Jahren hat die Gesellschaft ein Denken erfaßt, in dem alles beliebig wird. Man sagt sich, daß es nur noch subjektive Wahrheiten gibt, daß alles vom individuellen Empfinden der Einzelnen abhängt und ihre Entscheidungen deswegen von anderen kaum zu hinterfragen sind. Das ist zwar modisch, aber Quatsch. Genausowenig wie es einen Automatismus in der Geschichte gibt, läßt es sich leugnen, daß es Gesetze gibt, die die Entwicklung von Gesellschaften immer wieder bestimmen; und genausowenig wie Bildung nur das Verkünden der richtigen Botschaft bedeuten kann (wie bei der realsozialistischen Agitation), ist es revolutionär, jede Zielvorgabe bei Bildung/Pädagogik abzulehnen, „weil jedeR selbst wissen muß, was er/sie lernen will". Natürlich gibt es Werte in der Emanzipation und diese lassen sich auch benennen. Ansonsten wäre es letztendlich egal, ob ein Nazi lernt, Menschen totzuschlagen (was aus ihm als Bedürfnis herauskommt), oder ob man versucht, kollektives Verhalten wiederzuerlernen.

 Einen so definierten, Subjektives mit Objektivem verbindenden Begriff von Bildung und Lernprozessen zu gewinnen, wird für jeden revolutionären Ansatz entscheidend sein. Im Gegensatz zu einer Revolution, in der neue, wissende Avantgarden Verän­derungen von oben nach unten techno­kratisch von den SpezialistInnen zur Bevölkerung durchsetzen, muß Befrei­ung zum umfassenden Bildungsprojekt werden, zur Herausbildung von Gegenmacht in allen denkbaren Bereichen: im ökonomischen, sozialen, kulturellen, militärischen und politischen. All das sind Lernprozesse. Kenntnisse müssen angeeignet, gemeinsame Erfahrungen im Handeln gemacht und reflektiert, Verhal­tensweisen verändert und ein eigener Weg/Standpunkt gefunden werden. Es muß weiterhin linke Betriebe geben (egal ob sie formell als Kollektive oder Privatunternehmen auftauchen), die politischen Projekten und Aktivistinnen eine wirtschaftliche Grundlage bieten, solidarische, verläßliche Zusammen­hänge (egal ob familiäre Bindungen, Freundschaften, WGs oder durch Arbeit) aufgebaut und verteidigt werden, kultu­relle Treffpunkte und den kulturellen Ausdruck unserer Sehnsucht geben, die militärische Fähigkeit zur Verteidigung von Errungenschaften/Spielräumen und zum symbolischen Angriff, dazu politi­sche Strukturen usw.
Diese verschiedenen Formen der Gegenmacht gilt es herauszubilden, wobei klar wird, daß mit Bildung nicht nur das Wissen im engeren Sinne gemeint ist. Was der Begriff demnach zu beinhalten hätte, möchte ich im folgen­den zu umreißen versuchen.

Die verschiedenen Aspekte der Bildung

Wissen als Werkzeug

  • Im ganz traditionellen Sinne ist Wissen natürlich Macht. Das Verstehen der Zusammenhänge, die Kenntnis der Geschichte und die „Vorhersage" von gesellschaftlichen Entwicklungen ermöglicht es den um Befreiung Kämp­fenden, Konfrontationen mit dem beste­henden System zu gewinnen. Fehler, um die man aus der Geschichte weiß, müs­sen nicht wiederholt werden. Das Begreifen der wirtschaftlichen Zusam­menhänge macht bewußt, woher der Haß kommt und gegen wen er sich zu richten hat. Auch wenn es falsch ist, Bil­dung wie in der Geschichte der kommu­nistischen Arbeiterbildung nur noch dann für sinnvoll zu halten, wenn sie für den Klassenkampf nützliche Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt, bleibt der Aspekt richtig: kämpfen, siegen und etwas neues schaffen kann jede systemopposi­tionelle Bewegung nur dann, wenn sie die Geschichte kennt, die Gegenwart einschätzen kann und von den für die Zukunft möglichen Optionen eine Vor­stellung hat.

 Wissen als Befreiung aus der Unmün­digkeit

  • Es ist nicht so, wie es die Sozialdemo­kratie Ende des 19.Jahrhunderts vertrat, daß nämlich „Wissen frei macht", solange die materiellen Verhältnisse so bleiben, wie sie sind. Immer nur der/die Einzelne kann sich dann durch seinen/ihren Bildungsrad aus dem Schicksal seiner/ihrer Klasse/Nationalitä­tenzugehörigkeit/Geschlechtes befreien.
    Trotzdem ist das Ende der Unmündig­keit, auch wenn es eine individuelle Errungenschaft ist, natürlich auch ein Stück Befreiung. Bei dem Antirassisten Frantz Fanon ist das Selbstverständnis des Geknechteten, sein Gefühl der Min­derwertigkeit ebenso schlimm wie seine materielle Ausbeutung. Der DDR-Systemkritiker Bahro beschreibt den Schichtencharakter in den realsozialisti­schen Ländern damit, daß weite Bevöl­kerungsteile von Entscheidungsprozes­sen ferngehalten wurden. In jeder Unterwerfung ist das Gefühl der Ohn­macht und Ahnungslosigkeit entschei­dend für die Stabilität des Systems.
    Unterdrückung ist immer auch ganz wesentlich Abstumpfung, Verblödung, eingeredetes Minderwertigkeitsgefühl. Jede Bildung, die dies durchbricht, ist darum Bestandteil der Emanzipation.

 Lernen als Organisierungsansatz

  • Selbstschulung ist außerdem einer der Ansatzpunkte, über den sich Leute orga­nisieren. Dahinter steht das Bedürfnis, erlebte Unterdrückung, moralisch empfundene Ungerechtigkeit und Erfahrun­gen im Alltag zu verarbeiten und erklären zu können.
    Eine tiefgreifende Politisierung gibt es nur dann, wenn diese konkreten Erleb­nisse und Erklärungsansätze zueinander kommen. Aus punktuellen Erfahrungen, z.B. mit Bullen bei einer Besetzung, kön­nen nicht einfach nur Wut bleiben, sie müssen Erkenntnis werden. Sonst ver­pufft das Erlebnis als etwas einmaliges. Bildung von links, z.B. als Selbstschu­lungskollektiv oder als offene, langfristig angelegte Seminarreihe ist daher not­wendiger Bestandteil von Organisierung. Die entscheidende Frage ist; daß diese Selbstschulung auch wieder Beziehung zu praktischem Handeln nach außen haben muß. Lernen ist also nicht nur Aneignung von Wissen, es ist Verarbei­tung von Erfahrungen, Austausch mit anderen, das Entstehen kollektiven Bewußtseins und damit Voraussetzung für Handlung.

 Wissen als Kampfterrain

  • Die gesellschaftliche Konfrontation zwischen Unterdrückern und Unter­drückten ergreift alle Bereiche. Um ein bestehendes System zu besiegen, müs­sen auf allen gesellschaftlichen Feldern Positionen erobert werden.
    Das ist der Gedanke des Stellungs­kriegs, den der italienische Kommunist Antonio Gramsci (1891-1937) entwickelt hat. Die Auseinandersetzung in der bür­gerlichen Gesellschaft kann sich nicht nur auf den militärischen Aspekt beschränken, weil die bürgerliche Herr­schaft sich im Augenblick auch nicht vorrangig auf ihre militärische Macht stützt. Die bürgerliche Gesellschaft besteht, wie Gramsci sagt, aus vielen vorgelagerten Stellungen, die sich zur kulturell-ideologischen Hegemonie (Vor­machtstellung) zusammenfügen. Wichti­ger für die Stabilität des Regimes in der BRD als seine Polizeitruppen und die Anzahl von Wasserwerfern und GSG-9 Einheiten ist so z.B. die Legitimität, die das Regime nach wie vor in den Köpfen der Menschen besitzt. Diese vorgelager­ten Stellungen, beispielsweise die ver­breitete Vorstellung, daß Regierungspoli­tik durch das Wählervotum bestimmt wird, müssen erst einmal „eingenom­men" werden.
    Das stimmt eklatant mit den Aufstandsbekämpfungskonzepten westlicher Regierungen überein. Im Santa Fe II­-Dokument, einer theoretischen Schrift zur „Low-Intensity-Warfare" (Krieg der niedrigen Intensität) in Lateinamerika, die 1988 für den neuen US-Präsidenten Bush erstellt wurde, griffen die us-ameri­kanischen Verfasser ausdrücklich auf Gramsci zurück und redeten von der Notwendigkeit, im kulturell-ideologi­schen Bereich aktiver zu werden. Ein US-Militär brachte die Überlegung auf den Punkt, indem er sinngemäß sagte: „Es dreht sich heute darum, die wenigen Zentimeter zwischen Augen/Ohren und dem Gehirn zu besetzen." Nicht die Fläche des militärisch kontrollierten Gebiets eines Landes ist entscheidend, der Krieg wird — das ist spätestens seit Vietnam durchgesetzte Lehre an westli­chen Militärakademenien — in der Schlacht um die „Herzen und Köpfe" gewonnen.
    Um in dieser Schlacht unsererseits Punkte zu machen, ist es nicht nur not­wendig, die Medien als staatsgesteuert zu entlarven und zu versuchen, in ihnen wenigstens ab und zu selbst zu Wort zu kommen. Es ist ebenso wichtig, in der Wissenschaft, der Literatur, der Philoso­phie, der gesamten intellektuellen Dis­kussion Gegenpositionen zu entwickeln. Um ein Beispiel zu nennen: die Verhal­tensforschung von Konrad Lorenz (die berühmten Wildgänse aus dem Biologie­unterricht) soll die bestehende Gesell­schaft, ihre Hierarchien und ihren Indivi­dualismus rechtfertigen. Dieser Verhaltensforschung einen anderen Begriff der Menschheit entgegenzuset­zen, ist eben nicht "intellektuelle Labe­rei" . Es ist gesellschaftliche Konfrontation genauso wie die Auseinandersetzung mit Bullen auf der Straße.
    Es mag zwar stimmen, daß ein Teil der BRD-Linken die Bedeutung der intellek­tuellen Konfrontation (Stichwort: linke Wissenschaftskritik; das Lernen von Alt­griechisch, um die Urtexte von Platon und Sokrates lesen zu können und meint, daraus Schlüsse auf die aktuelle Politik ziehen zu können) überschätzt, aber es ist auch richtig, daß dieser Punkt bei einem anderen Teil derselben Linken schlechtweg nicht vorkommt. Auf dem Vormarsch wird die Linke erst dann wie­der sein, wenn die Klopperei auf der Straße, die Nachbarschaftsarbeit und die Anstrengung, in jedem gesellschaftlichen Bereich Alternativen zu entwickeln und auszudrücken (also auch in jeder Wis­senschaftssparte), in einer umfassenden Strategie zusammenfließen können.

 Wissen als Zielvorgabe

  • Der Aufstand ist noch keine Garantie dafür, daß es nach einem Sturz des alten Regimes besser wird. Wenn wir die Geschichte anschauen, werden wir fest­stellen, daß der Widerstand überhaupt nichts neues darstellt. Die Rebellion ist so alt wie die Unterdrückung selbst. Aber entweder reichte die Rebellion nicht zum Umsturz oder aber der Umsturz führte nicht zur Auflösung der Ausbeutungs- und Unterdrückungsver­hältnisse.
    Die Frage, die sich stellt, ist also, wieso nach 5000 Jahren Patriarchat, Sklavenhaltergesellschaften, Feudalismus, Kapi­talismus und Unterwerfung anderer Völ­ker in immer neuen Imperien ausgerechnet in der heutigen Epoche der Durchbruch geschafft werden soll.
    Der sowjetische Marxismus, aber auch die alte deutsche Sozialdemokratie der Jahrhundertwende (die sich in vielem ähnlicher waren als man glaubt) würden darauf verweisen, daß erst „heute die Produktivkräfte weit genug entwickelt sind." Damit wird aber die Befreiung der Menschheit zum Abfallprodukt techni­scher Weiterentwicklung, wir selber letztendlich wieder zu den Opfern der Maschinen, die wir erfinden. Nur ihr hohes Entwicklungsniveau kann uns befreien. Ein blöder Gedanke, wenn man bedenkt, daß die robotisierte Welt nicht nur die Arbeitszeit verkürzt, son­dern uns auch kontrollierbarer gemacht, unser Leben zunehmend der automati­schen und wirtschaftlichen Logik unter­worfen hat. Wir reden nicht mehr, um uns zu unterhalten, wir reden, um Infor­mationen auszutauschen. Und so reden wir auch. Knapp. Sachlich. Aufs wesent­liche beschränkt. Ob daraus Emanzipa­tion resultiert, wage ich zu bezweifeln.
    Das einzige, was garantiert, daß mit der Rebellion der Umsturz und dahinter eine freiere Gesellschaft kommt, ist das Bewußtsein. Dieses Bewußtsein muß nicht nur die Gegenwart ablehnen kön­nen, es muß auch die Zukunft beschrei­ben können.
    Damit meine ich nicht, wie es z.B. die Frühsozialisten Fourier oder Cabet es gemacht haben, detaillierte Utopien aus­zuarbeiten, in denen ausgemalt wird, wieviel Güter wer zu welchem Zeit­punkt erhalten wird. Revolution ist kein technisch vorplanbarer Prozeß, in dem der Wirklichkeit eine Theorie überge­stülpt wird. Revolutionäre Umwälzung ist natürlich die Entfaltung der Menschen und deswegen nicht vorherbestimmbar. Jede Diskussion über "Utopien" geht aber in diese Richtung.

 Was ich meine, ist, daß es eine gemeinsame Vorstellung darüber geben muß, was eigentlich verändert werden sollte, was Befreiung bedeuten könnte. Wenn wir uns heute gegen die Zentra­lisierung von Macht bei einer Person aussprechen, denken wir wie es anders sein könnte, nämlich daß es eine Ver­sammlung gibt, in der mehrere entschei­den.
Wenn wir dann noch Erfahrungen ken­nen, in denen auch in Versammlungen sich wieder nur bestimmte durchsetzten, wenn wir also allmählich immer genauer beschreiben können, was wir ablehnen, dann beschreiben wir die Zukunft. In der Negation steckt das Positive mit drin, heißt es sinngemäß bei Marcuse. Über dieses Negative müs­sen wir zum Bewußt­sein.
Das wäre der Unter­schied zwischen der Rebellion, die gegen das Unrecht einfach nur aufsteht, und dem Aufbruch in eine neue Gesellschaft. Für die Rebellion reicht eine unverdaute Ablehnung des Bestehenden aus. Um etwas neues zu schaffen, muß man dagegen das Angestrebte vorwegden­ken, und sei es auch nur als Negativ­ziele, zu denen man nicht will.

Das ist umso wichtiger als das Entste­hen einer sozialistischen Gesellschaft nicht fließend sein kann wie der Über­gang von Feudalismus zum Kapitalis­mus. Während letzterer sich noch in der Feudalgesellschaft herausbilden konnte, weil er ja zumindest eine vergleichbare Logik von Ausbeutung und Herrschaft wie der Feudalismus besaß, bedeutet sozialistische Revolution notwendiger­weise den radikalen Bruch mit dem bis­herigen.
Noch eine italienische Kommunistin, Rossana Rossanda von der linkskommu­nistischen Gruppe Il Manifesto schrieb 1971 (als Kritik an den Rätekommuni­stInnen und Anarchosyndikalistlnnen) über die Notwendigkeit, warum eine sozialistische Gesellschaft nicht einfach aus der alten wachsen kann, warum es bewußte Brüche geben muß, warum die noch im alten System entstandenen Organisierungsformen und Bedürfnisse nicht schon das neue sein können: 

„Tatsächlich kann man in jeder nachrevolutionären Gesell‑schaft beobachten, daß die Rätestruktur - und zwar um so mehr, je authenti‑scher, unbehelligter sie sich entwickelt- die Realität der Produ‑zenten so zum Aus‑druck bringt, wie sie die Revolution vom früheren kapitalisti‑schen oder vorkapitalistischen System geerbt hat. Diese Erbschaft ist geprägt von der Unausgewogenheit und Ungleichzeitigkeit des Kapitalismus und erfordert daher eine radikale Umstruktu‑rierung, bei der die Räte vor der Notwen‑digkeit stehen, entweder ihre bisherigen gesellschaftlichen Grundlagen selbst zu negieren und zu überwinden oder die bestehende Unausgewogenheit weiter mit sich zu schleppen. Hier kommen wir wie‑der zu der oben angedeuteten Ambiva‑lenz in der Entwicklung der Produktivkräfte im kapitalistischen System: Ihr direkter politischer Ausdruck enthält in sich den interessantesten Widerspruch unserer Zeit, auf der einen Seite nämlich die Reife der Ablehnung und Verweige‑rung des Systems (wir denken an die Studentenbewegung, an den französi­schen Mai), die er inzwischen aus­drückt, seinen expliziten Zusammen­prall mit der Unfähigkeit des Kapitals, die Bedürfnisse zu befriedigen, die er selbst ständig hervorruft, auf der ande­ren Seite die ebenfalls zwangsläufig zum Ausdruck kommende Partialität dieser Bedürfnisse, die ja eben vom Kapital abstammen. Der Rätebewegung steht in jeder nachrevolutionären Gesellschaft als reales Hemmnis entgegen, daß eine starke Einigungsbewegung erforderlich ist, um die Zersplitterung der Interessen zu verhindern, daß die überkommenen Bedürfnisse verändert werden müssen, nicht einfach unmittelbar in ihrer vorge­gebenen Gestalt verwirklicht werden dürfen."

Rossana Rossanda:"Das Problem der Demokratie und der Macht in der Über­gangsgesellschaft" (Seminar in Chile) in: „Über die Dialektik von Kontinuität und Bruch" S.58 (Suhrkamp 9DM)

 

Soziale Lernprozesse als Vorweg­nahme befreiter Gesellschaft

  • Zuguterletzt ist Lernen natürlich auch die Vorwegnahme einer anderen Gesell­schaft. Revolution bedeutet veränderte Verhaltensweise und die kann man nicht erst dann anfangen zu erlernen, wenn die alte Regierung gestürzt ist. Unter den bestehenden Verhältnissen werden wir zwar keine neuen Menschen sein,- wenn das möglich wäre, bräuchte es keine Revolution mehr-, aber die alten eben auch nicht mehr.
    Eine linke Organisation muß den Anspruch an sich haben, überlieferte Verhaltensweise zu brechen. Das soziale Lernen, das man nicht im Kurs beige­bracht bekommt, sondern nur im Alltag durch Kritik und Fehler, muß das zen­trale Element einer revolutionären Orga­nisation sein.
    Politische Organisation ist also wie wir es schon öfter betont haben, nicht vor­rangig Instrument, sie ist Keim der neuen Gesellschaft.
    Wie eng die Grenzen für solche per­sönliche Emanzipation sind, beschreibt die Antifa M aus Göttingen in einem Interview mit der Radikal ganz richtig:

„Wir bezweifeln, daß es diese persönliche Befreiung, diesen herrschaftsfreien Raum wirklich gibt. Allein die ökonomi­sche Abhängigkeit, wie du an Geld rankommst. Und das wird sich ja noch ver­schärfen, also es wird nicht mehr so ein­fach möglich sein, genügend Geld ohne Arbeit zusammenzukriegen, um über­haupt noch für die sogenannten Freiräume kämpfen zu können.
Und ein weiterer Punkt: Diese Politik hat in ein Ghetto geführt. Es gibt nur ganz wenige Beispiele, wo etwas aufgebrochen worden ist, denn es wurde ja nicht erreicht, ansprechbar für Leute zu sein(...)
Wir beziehen uns auf die Tendenzen der persönlichen Befreiung, der persönlichen Weiterentwicklung, daß die große Politik und die persönliche Veränderung nicht getrennt werden. Wir beziehen uns auf Forderungen und Ansätze, die teilweise von der Frauenbewegung ausgegangen sind, die dann auch zeitweise fußgefaßt haben in der autonomen Bewegung Wir beziehen uns nicht auf das Konzept einer gesellschaftlichen Veränderung, die über Gegenkultur und das Leben in Nischen erreicht werden soll."

In der (sehr lesenswerten) radikal von März 1993

 

Grenzen eines Bildungsansatzes

  • Dem Bildungsansatz in der radikalen Linken sind heute enge Grenzen gesetzt. Unter dem Druck der Ereignisse, wie z.B. die Aufbruchstimmung 1967/68, war die Bereitschaft, sich Wissen und Fähigkei­ten anzueignen, und über gesellschaftli­che Zustände grundsätzlicher, d.h. abstrakt, nachzudenken, sehr viel größer als heute. Die Verhältnisse brachten auch ohne äußeren Ansporn die Men­schen dazu, sich selbst in Frage zu stel­len und zu fordern.
    Auf der anderen Seite besteht die Not­wendigkeit, dem Lern-und Bildungsa­spekt größere Bedeutung in der radika­len Linken zu geben. Die obengenannten Punkte zeigen wie ich meine, auf, daß Bildung kein bürgerli­cher Selbstzweck ist, sondern wesentli­cher Bestandteil im Entstehen von Gegenmacht. Eine revolutionäre Organi­sation und Bewegung wird der Emanzi­pation nicht näher kommen, wenn sie diesen Aspekt nicht berücksichtigt, sie würde das gesellschaftliche Problem erneut auf die Frage der Machtüber­nahme reduzieren.

Das Problem stellt sich ebenso dar, wie die politische Arbeit der Linken im Augenblick insgesamt: wir müssen ver­suchen das Beste daraus zu machen, auch wenn das Beste im Moment eher mittelmäßig bleibt. Wir sollten die Erwartungen niedrig ansetzen, vor allem was die Ansprechbarkeit anderer, nicht politisierter Leute für diesen Ansatz betrifft.
Das hat bekannte Gründe. Einmal ist es wenig vielversprechend, Zeit und Energie (und Lernen ist vor allem dies) in ein Projekt von Befreiung zu stecken, auf das niemand mehr ein Pfifferling verwettet. Die Linke hat zum ersten Mal in diesem Jahrhundert etwas fossiles, sie erscheint als „konservativ", als Dinosau­rier. Sie wird dieses Bild behalten, solange sie die Sprache und das Auftre­ten der letzten 150 Jahre nicht aufgibt 2. Eine Unzahl von Begriffen, die analy­tisch gar nicht unbedingt falsch sein müssen, wirken heute belastet und blei­ern, weil sie unmittelbar mit bestimmten Erfahrungen assoziiert werden. Wenn jemand neben mir das Wort „opportuni­stisch" ausspricht, muß ich immer noch unweigerlich an jene grauen und einsa­men Gestalten in hochgeschlagenen Par­kas denken, die damals vor 6 Jahren vor meinem Schuleingang als über 30­jährige die „Marxistische Schülerzeitung- Blatt der Marxistischen Gruppe" verteil­ten. Nichts an ihnen wirkte wie Leben, schon gar nicht wie eine Verheißung des Neuen.
Ich glaube, daß wir immer noch nicht mit den Schablonen in Aussehen und Sprache gebrochen haben. Bei manchen gibt es aus Zukunfts- und Gegenwarts­angst sogar ein richtiges traditionelles Rollback. Ich will nicht der Geschichtslo­sigkeit das Wort reden, aber ich finde, daß viele linke Begriffe von „revisioni­stisch" bis „Antipat" nur noch für diejeni­gen verständlich sind, die sowieso schon links sind. Mit der Sprache wird Abge­schlossenheit dargestellt und der Ver­such gar nicht unternommen, etwas in den Worten zu erklären, die die Ange­sprochenen benützen. Dabei ist es natürlich ein Unterschied, an wen man sich richtet, und auch wenn Arranca! eher eine Zeitung für die Linke ist, trifft diese Kritik auch stark uns selbst.
Ein zweiter Grund, warum es so schwer geworden ist, Leute für politi­sche Diskussionen anzusprechen, hat mit den Veränderungen in der Gesell­schaft zu tun. Die Kids vom Kabelfernse­hen sind fahrig, alles muß sich in der Fülle der Reize erst durch Grellheit Platz verschaffen. Das was nicht bunt, schnell, laut ist, wird. übersehen. Der Blick ist trainiert darauf, nur noch kurze bruch­stückhafte Sequenzen aufzunehmen, die Fernbedienung rast in Sekundenschnelle die mehr als 25 Kanäle rauf und runter. Im Grunde ist zwar alles gleich gestrickt, die Stereotypen wiederholen sich, das bunte ist eigentlich grau, gefühllos. Aber das Grelle täuscht kreativen Reichtum, Vielfalt vor. Alles, was nicht sofort unter­hält, nicht sofort Ergebnisse vorweist, seine Farbigkeit erst mit der Zeit entfal­tet, wie ein Buch, in das man sich ein paar Stunden einlesen muß, bis es fes­selt, erscheint nutzlos, langweilig. Uns geht es da nicht anders als dem Rest der hier lebenden Menschen auch.
Dazu kommt die grundlegende Schwierigkeit, daß wir, damit meine ich deutsche wie nicht-deutsche Bevölke­rung, Teil geworden sind dieses Systems. Der sogenannten Sozialpartner­schaft ist es gelungen, uns die Notwen­digkeiten des Kapitalismus als unsere eigenen erscheinen zu lassen. Der Wunsch nach dem Auto, dem Fernseher, den Aldi-Chips, dem Schokoladen- Joghurt aus der Lebensmittelfabrik, von dem einem immer schlecht wird, wird von uns nicht als Notwendigkeit des Kapitals erkannt, Massenprodukte herzu­stellen und zu verkaufen, sondern als ureigenstes Bedürfnis.
Das ist der Grund, warum Marcuse fragt, „wie die Menschen, die das Objekt wirksamer und produktiver Herrschaft gewesen sind, von sich aus die Bedin­gungen der Freiheit herbeiführen kön­nen?" Und er fügt hinzu: „je rationaler, produktiver und totaler die repressive Verwaltung der Gesellschaft wird, desto unvorstellbarer sind die Mittel und Wege, vermöge derer, die verwalteten Indivi­duen ihre Knechtschaft brechen und ihre Befreiung selbst in die Hand nehmen könnten."

Bildung würde erst einmal bedeuten, diese Identität mit dem System, die sich schon lange nicht mehr nur darauf beschränkt, daß wir an den Reichtümern teilhaben, zu durchbrechen. Die hekti­sche Fahrigkeit des reizüberfluteten Menschen, der gleichzeitig auf den Ver­kehr, das Radio, die Plakatwerbung, die Fußgänger, die Zigarette und das Gespräch mit dem Beifahrer achtet, ist Ausdruck der Fremdherrschaft, der ganz­heitlichen Unterwerfung und Teilnahme an den bestehenden Verhältnissen.
Deshalb ist die Bereitschaft, linke Posi­tionen einzunehmen heute so gering, und deshalb haben alle unsere Politisie­rungswünsche so eng gesetzte Grenzen. Anders als im 19.Jahrhundert, wo in manchen Werkstätten die Arbeiter einen von den Ihren freistellten, damit dieser während der Arbeitszeit vorlesen konnte, erscheint Bildung heute nicht mehr als Bedürfnis. Es gibt zu viele Reize, zu viel Unterhaltung, zu viele Angebote scheinbarer Bildung.

 

Konkrete Folgerungen

  • Ein Bildungsansatz aus der radikalen Linken heraus kann deshalb im Augen­blick nicht massenwirksam sein. Wir könnten versuchen, was wir wollten, es würde uns nicht gelingen, daß wie 1909 32.000 Personen an den Vorlesungen linker Bildungsgruppen teilnehmen.
    Die Zielrichtung von Bildung muß sich im Augenblick an diejenigen richten, die im weitesten Sinne bereits links/kritisch denken, also auch solche, die erst anfan­gen, sich zu politisie­ren oder zu radikali­sieren.

Das ist wichtiger, als in der Linken wahrge­nommen. Wenn wir nicht blind auf „das Erwachen der Unter­drückten" warten wollen, weil wir eben einsehen müssen, daß die Verantwor­tung der Einzelnen entscheidend ist für jedes Befreiungsprojekt, dann müssen wir uns der Bildung von sich politisch verantwortlich fühlenden und verhalten­den Menschen verpflichtet fühlen.
Individuelle Rollen müssen ausgefüllt werden, und das in sehr umfassender Art und Weise. Sie „Kader" zu nennen, ist nur deswegen falsch, weil der Begriff auf Deutsch einen bitteren Beige­schmack hat. Die Idee dagegen ist rich­tig, jede emanzipatorische Bewegung braucht VerantwortungsträgerInnen, und zwar so viele wie möglich. Das aber müssen wir lernen.
Solche Militanten-Bildung hätte nicht die gestählte Avantgarde zum Ziel, die den revolutionären Prozeß "wissen­schaftlich" anleitet/verwaltet. Es müßte darum gehen, daß so viele Menschen wie möglich in der Lage sind, soziale Prozesse in Gang zu bringen, zu organi­sieren, zu vertiefen, zu verbreitern, zu beschleunigen.

Es bekommt jetzt leicht einen welt­fremden Touch, wenn ich versuche, die­jenigen Eigenschaften aufzuzählen, die meiner Ansicht nach zentral wären, um eine solche Rolle einnehmen zu können. In ein Schulungsprogramm lassen sich sowieso nur einzelne der unten genann­ten Punkte einbauen. Die anderen, wichtigeren können nur im Alltag erlernt werden, als meist unbewußte Entwick­lung.
Die folgenden Punkte können deshalb Denkanstöße sein, niemals aber ein Katechismus des braven und guten Revolutionärs.

Mögliche Lern-Ziele

  • Wichtiger als jedes politische Wissen oder taktische Schlauheit steht zunächst einmal die revolutionäre Ethik. Befrei­ung der Gesellschaft ist — auch das klingt evangelisch — ein Akt zur Wiedererlan­gung der Menschlichkeit. Jede Verant­wortung im revolutionären Prozeß ver­langt zuerst und vor allem den Respekt vor den Menschen — den Kampfgefähr­tInnen, den Unbeteiligten und klar, auch den GegnerInnen. Die große subversive Kraft der cubanischen Guerilla lag unter anderem darin, daß sie ihre Kriegsgefan­genen anständig behandelte, daß sie nicht zu den Mitteln zurückgriff, die der Feind gegen sie einsetzte. Die Seiten blieben unterscheidbar, und das war einer der wichtigsten Gründe ihres Tri­umphs.
    Revolutionäre Moral bedeutet sicher nicht das Fehlen von Härte, es bedeutet die Zuneigung zu den Menschen nicht zu verlieren. „Companeros" dice el Che, „tenemos qüe aprender a ser duros, sin perder la ternura". (Wir müssen lernen, hart zu sein, ohne die Zärtlichkeit zu verlieren- Che).
    Gerade an diesem Punkt haben wir in der BRD vieles zu lernen. Unsere Verbit­terung ist unübertrefflich, die Linken neben uns sind ebenso Opfer von haßtriefenden Tiraden wie „die Normalos". Jeder Versuch, dieses pauschale Mißtrauen gegen die Umwelt abzulegen, wird sofort als Heimkehr in den Schoß der „Solidargemeinschaft Deutschland" verstanden. Über den Satz des uruguayi­schen Tupamaro Eleuterio Huidobro, daß „eine andere Kategorie, die wir in unserer Strategie ganz obenan stellen müssen, die Liebe ist" („Mit neuen Augen", Verlag Libertäre Assoziation), wurde nur deshalb noch nicht öffentlich hergezogen, weil der Mann lange im Knast saß und als Lateinameri­kaner einen gewissen Exotenbonus besitzt.
    Ansonsten scheint in Anbetracht der Lage nur noch Bitterkeit in Frage zu kommen. Die faschistische Geschichte dieses Landes, die Serie der linken Nie­derlagen, die totale Entfremdung durch die kapitalistischen Verhältnisse, das elitäre Bewußtsein der Intellektuellen, das Mißtrauen des Kleinbürgers, das patriarchale Konkurrenzverhältnis, die „leninistische" Tradition des im Grunde fremdkörperhaften Linken, all das mag eine Rolle spielen, warum die Bitterkeit als politische Maxime salonfähig ist, während jede noch so vorsichtige Offen­heit für die nicht-linke Umwelt anrüchig erscheint.
  • Ein weiteres Ziel linker Selbstschulung müßte sein, soziale Verantwortung für Gruppenentwicklungen übernehmen zu können. Jeder soziale Prozeß braucht Eingriffe. Ansonsten entstehen die bekannten Situationen: planlos dreht sich über Monate alles im Kreis, die im einzelnen wichtigen Elemente einer Dis­kussion werden nicht geordnet, Erfah­rungen nicht verarbeitet, Beschlüsse bleiben unklar.
    Diese Erkenntnis ist nichts neues. Bei F.e.I.S., wo wir seit über einem Jahr fast monatlich offene Seminare machen, ist es nicht anders. Sowohl das Entstehen und die Arbeit der Gruppe, als auch die Seminare, hingen von der Initiative ein­zelner ab. In einer bestimmten Situation vorantreibende Vorschläge zu machen, Konflikte auszusprechen, eine Nachbe­reitung einzufordern, Konsens zu schaf­fen, Leute anzusprechen oder Wider­sprüche zu benennen, stellt sich eben nicht von selbst ein. Dafür muß Verant­wortung übernommen werden, und weil wir sind, wie wir selbst sozialisiert wurden, wird diese Verantwortung norma­lerweise abgewälzt.
    In eingespielten Zusammenhängen stellt sich vielleicht irgendwann ein Gleichgewicht zwischen Aktiveren und Passiveren ein. Bei offenen Gruppen, wo neue Leute dazukommen, wird sich diese Rollenaufteilung immer wieder reproduzieren. Offene Organisierung und die so oft eingeforderte Gleichheit lassen sich nicht vereinbaren, -was nicht heißen soll, daß man nicht beides gleichzeitig anstreben muß.
    Wenn sich dieser Widerspruch unter den bestehenden Verhältnissen nicht einfach beseitigen läßt, so kann man wenigstens versuchen, daß sich mög­lichst viele der sozialen Verantwortung gewachsen fühlen.
    Das bedeutet vor allem mit den Tücken dieser Rolle klar zu kommen. Die Macherinnen, die Wortführerinnen und Beschwichtigerinnen haben eine exponierte Position und in jeder norma­len Gruppe werden sie dafür kritisiert, meistens ausgesprochen hart. Das ist schwer zu ertragen, aber für die Ent­wicklung einer Gruppe unverzichtbar. Ein/e Revolutionärin, ein/e linke/r Militante/r muß sich also als aktive/r Begleiter/in jedem Organisierungsprozeß begreifen. Eine Genossin, die 1992 mit Fels ein Seminar zur Volksbildung in Lateinamerika machte, unterschied linke Pädagogik (statt Pädagogik könnten wir auch Praxis sagen) in eine liberalistische Schule, bei der jede Äußerung, jede Teil­nahme positiv sei und unkommentiert bleiben könne. Ergebnisse seien in die­ser (in Lateinamerika vor allem von Sozi­aldemokratinnen geförderten) Schule der Zufälligkeit überlassen bzw. uner­wünscht. Auf der anderen Seite gäbe es die traditionell kommunistische und maoistische Pädagogik, für die Inhalte, Lernziele und Ergebnisse schon im Vor­feld fest stünden. Die Lernenden sind in diesem Bildungsbegriff „Vasen, die man mit Wissen anfüllt", wie der brasiliani­sche Theoretiker Paolo Freire schreibt. Die Unterwerfung im kapitalistischen System wird nicht aufgehoben durch Befreiung, sondern durch eine neuerli­che Unterwerfung ersetzt.
    Ein emanzipatorischer Begriff von poli­tischer Bildung (nach innen und außen) darf weder der Beliebigkeit verfallen noch der autoritären Strenge. Natürlich gibt es, wie schon oben gesagt, für uns Notwendigkeiten und Ziele. Diese müs­sen präsent sein, und zwar nicht nur, bei den „Macherinnen" sondern bei allen Beteiligten eines Lernprozesses. Prak­tisch bedeutet das für jedes Lern- und Organisierungsprojekt, sich am Anfang auf Ziele zu einigen und diese schriftlich festzuhalten. Jede Teilnehmerin kann dann entscheiden, ob in einem Augen­blick des Seminars/ Kurses/ Gruppen­prozesses die Ziele aus den Augen ver­loren worden sind. JedeR kann korrigierend eingreifen.

 

Bei unserer Genossin im Seminar hieß das inhaltlich ungefähr so:

  • um Organisierungsarbeit zu leisten, hät­ten sie lernen müssen, nicht nur Kennt­nisse weiterzugeben und zu organisie­ren, sondern sich mit Pädagogik und Gruppenprozessen auseinanderzusetzen. Bildung ist mehr als die Weitergabe von Wissen, es ist Kommunikation zwischen mehreren Subjekten.
  • die Aufgabe des/der „PädagogIn" sei es vor allem systematisierend im Kollektiv tätig zu sein, d.h. Diskussionen abzubre­chen, wenn sie sich im Kreis drehen, zu verlangsamen, wenn sie sprunghaft sind, zu vertiefen oder zu einem Ergebnis zu bringen.
  • entscheidend dafür, ob ein solcher Ein­griff von der Runde akzeptiert wird oder nicht, ist die Einfühlung des/der „PädagogIn" in das Kollektiv. Stimmun­gen müssen wahrgenommen werden, vor allem aber darf die eigene Subjekti­vität nicht aufgegeben werden. Der/die „PädagogIn" handelt als Person wie die anderen auch, seine/ihre Beteiligung entspringt einer persönlichen Einschät­zung. Diese muß erklärt werden. Also: meiner Ansicht wäre es jetzt richtig, die­sen Punkt zu vertiefen, weil...
  • der/die PädagogIn bleibt die ganze Zeit ein gleichberechtigter Bestandteil der Gruppe, der kritisierbar, angreifbar und zur Selbstkritik in der Lage sein muß.

Unsere These ist jetzt, daß jede Organi­sierung, nicht nur Bildung im engeren Sinne, solche Rollen braucht. Mehr noch: jeder offene Ansatz wird, wenn er wächst, von neuem in die Ausgangslage zurückgeworfen. Gerade wenn in einer Gruppenzusammensetzung die Aktiv- und Passivrollen ausgeglichener gewor­den sind, muß sie sich auflösen. In der neuen Zusammensetzung findet sich das alte Gefälle von Erfahrenen und Unerfahre­nen wieder, mit dem Unterschied, daß jetzt ehemals eher passive selbst Aktiv­rollen einnehmen. Nur so kann eine politische Bewegung sich verbreitern, können Erfahrungen vermittelt und pro­ zeßbestimmende Personen ersetzbar werden. Nur so könnte eine politische Bewegung organisiert wachsen.

  • Ohne Herleitung habe ich jetzt ange­fangen, von „PädagogInnen" zu reden. Auch hier stellt sich das Problem, daß der Begriff negativ besetzt ist. Gemeint ist, wie schon gesagt, die Person, die die Rolle des/der Systematisierenden in einem Lernprozeß übernimmt.
    Diese Aufgabe kann natürlich wech­seln, oft in minutenschnelle. So kann in Diskussionen jede und jeder systemati­sierend/organisierend eingreifen.
    Trotzdem liegt auf der Hand, daß wie bei allen Arbeitsaufgaben einzelne die Vorbereitung und Organisierung über­nehmen, d.h. sich auch stärker verant­wortlich begreifen (mit Ausnahme von den erwähnten aufeinander eingespiel­ten Kollektiven). Diese Verantwortlich­keit in einem Lemprozeß, der langfristig ist, muß reflektiert werden.
    Vor allem müssen solche „Organisierenden" Teil des Lernprozesses bleiben. Es gibt Aspekte von Wirklichkeit, die andere ins Gespräch bringen und einem unbekannt sind, es gibt soziale Erfahrun­gen in der Gruppe, die man so noch nie erlebt hat, und es gibt Kritik an einem selbst, die einen verändert.
    Deswegen sind alle Beteiligten eines Seminars, eines Selbstschulungskollek­tivs oder einer politischen Gruppe immer sowohl Lernende als auch Ver­mittelnde. JedeR gibt Kenntnisse an andere weitere, jedeR erfährt etwas und das wesentlichste ist die gemeinsame Verarbeitung des Zusammengetragenen. Auch wenn sich ein Thema wiederhat, ist diese Verarbeitung nie die gleiche, weil ja auch nicht immer die gleichen Erfahrungen zusammengetragen werden.

Die Festschreibung von LehrerInnen- und SchülerInnen-Rollen, von Aktiven und Passiven ist nur dann möglich, wenn man den allgemein verbreiteten Begriff von Lernen verwendet: daß näm­lich nur das Wissen im engsten Sinne, das theoretisch-wissenschaftlich erwor­bene Wissen, Bildung ist. Wenn dage­gen jede soziale Erfahrung als Bildung anerkannt wird, dann muß jeder Lern­prozeß alle Beteiligten in die Doppel­rolle von LehrerInnen und SchülerInnen bringen. Die Verantwortung tragenden Personen, die ich PädagogInnen genannt haben, erfüllen nur noch eine „formale" Funktion. Sie bereiten den Rahmen vor, in dem sich der gemein­same Prozeß abspielen kann.
Oder wie es bei dem brasilianischen Theoretiker der „Befreiungspädagogik" Paolo Freire heißt:

„Im Bankiers-Konzept der Erziehung ist Erkenntnis eine Gabe, die von denen, die sich selbst als Wissende betrachten, an die ausgeteilt wird, die sie als solche betrachten, die nichts wissen. Wo man anderen aber absolute Unwissenheit anlastet — charakteristisch für die Ideolo­gie der Unterdrückung — leugnet man, daß Erziehung und Erkenntnis For­schungsprozesse sind. Der Lehrer zeigt sich seinen Schülern als notwendiger Gegensatz. Indem er ihre Unwissenheit für absolut hält, rechtfertigt er sein Dasein."

  • Die ganze Auseinandersetzung um Lernprozesse wäre relativ überflüssig, wenn wir nicht den Anspruch hätten, mehr zu werden. Entscheidend für ein Projekt der Umwälzung ist, ob wir als Militante in der Lage sind, neue Leute zu gewinnen und einzubinden. Auch das ist bereits angedeutet worden, und das Konzept FelS als offene Gruppe aufzu­bauen, geht darauf zurück.
    Eine solche Offenheit eines politischen Projekts erfordert von den Militanten verschiedene Eigenschaften: als erstes natürlich das menschliche Zugehen auf andere Leute. Niemand kommt nur des­wegen in eine Gruppe, weil er/sie deren Statut richtig findet. Organisierung, egal ob im Sportverein oder in der revolu­tionären Organisation, hat immer zuerst mit gegenseitiger Sympathie zu tun. Die kann man nun nicht heucheln und auch nicht wie der Waschmaschinenverkäufer im Work-Shop lernen. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob eine Gruppe gelangweilt das vereinbarte Programm runterrasselt, oder ob man auf andere, neu dazukommende zugeht, ihnen erzählt, was man macht, fragt, zuhören kann. Als allererstes für eine andere Gesellschaft müssen wir versuchen, das weitverbreitete Desinteresse an allem außer sich selbst aufzugeben. Nicht weil das die Eigenschaft eines „guten Kaders" und „notwendig im Kampf" wäre, son­dern weil es menschlich ist, denn die Kollektivität letztendlich ist ein Bedürfnis von uns allen, wie tief sie im Moment auch verschüttet sein mag.
    Jetzt sind wir allerdings auch kein Kegelverein, sondern eine Bewegung, die sich in der Konfrontation befindet mit einem Gegner. (Das merkt man im Augenblick zwar erst ansatzweise, aber das könnte sich ändern). FelS ist schon öfter kritisiert worden, als eine Gruppe, die der Repression Tür und Tor öffnet. Der Vorwurf ist relativ lächerlich, wenn man bedenkt, daß es in revolutionären Bewegungen anderer Länder unter här­teren Bedingungen offene Organisatio­nen gibt. Offenheit muß nie treudoofes Vertrauen bedeuten. Entscheidend ist die verschiedenen Ebenen auseinander­zuhalten, also zu definieren welche Posi­tionen öffentlich sind und welche es nicht sein können. Letztendlich schließen sich offene und klandestine Konzepte nicht aus, sie brauchen sich gegenseitig.
    Wichtig ist, daß der Kontakt in einer politischen Gruppe so sein muß, daß die Lebens-, Familien-, und Wohnverhält­nisse nicht außen vor bleiben. Bei jeder/m Neuen muß natürlich auch ein Einblick ins Private stattfinden. Gerade bei offenen Gruppen muß der Blick auf­einander sehr genau sein.
    Und schließlich bedeutet die Offenheit von Gruppen auch ihre innere Unter­schiedlichkeit. Fels besteht heute, obwohl wir nicht gerade viele sind, aus verschieden Ebenen. Es gibt Seminare, die politisches Grundwissen vermitteln und solche, die eine tiefergehende Dis­kussion erreichen wollen. Es gibt Tref­fen, für neue, politisch unerfahrene Leute, die ziemlich unkontinuierlich kommen wollen, und es gibt das Ple­num, in dem die politische Arbeit weit­gehend stringent geplant wird. Auch wenn man wirklich nicht behaupten kann, daß Fels bisher ein ausgesprochen erfolgreicher Ansatz gewesen ist, zumin­dest nicht was seine Größe betrifft, finde ich diese Aufteilung an sich sinnvoll. Es muß in der Linken lockerere und festere Organisierungsformen (die alte Unter­scheidung von Massen- und Kaderpar­tei) geben, die nebeneinander Bestand haben und ineinander verknüpft sind. Was es nicht geben darf, ist die hierar­chische Unterordnung des lockereren Rahmens unter den Zirkel der verschwo­renen Politcracks (der Massenorganisa­tion unter die Kaderpartei).
  • Zuguterletzt muß ein Bildungs- und Selbstschulungsprogramm natürlich auch politisch-theoretisches Wissen beinhal­ten. Wichtig auch hier ist, daß nicht ein­fach von objektiver Wissenschaft ausge­gangen wird, die es anzueignen gilt, sondern die eigene Motivation geklärt wird. Unsere lateinamerikanische Genos­sin (s.o.) meinte sinngemäß auf dem Fels-Seminar zur Pädagogik: „Am Anfang steht bei uns immer das Kennenlernen und Vertrauenschöpfen und dann die individuelle, subjektive Annäherung an ein Thema. Egal ob wir ein Seminar mit Intellektuellen oder mit Bäuerinnen machen."
    Nicht die Frage an sich muß geklärt werden, sondern die Frage aus der sub­jektiven Sicht der Teilnehmerinnen. Für jede Aufnahmefähigkeit ist es immer wichtig, zu wissen, was hat das mit mir zu tun. Über Ökonomie, Geschichte, Politik läßt sich sinnvoll nur dann reden, wenn die Frage von den eigenen Erfah­rungen ausgeht. Also nicht „wie funktio­niert das Wertgesetz?", sondern „warum fühle ich mich nach der Arbeit so leer, warum kotzen mich diese Politiker an?" Deswegen finde ich es auch (zumin­dest im Augenblick) problematisch zu definieren, was an politisch-geschicht­lich-ökonomischem Wissen für uns linke Militante unverzichtbar ist. Die Themen­wahl muß von den Bedürfnissen und Erfahrungen der sich zum Lernen Zusammensetzenden ausgehen (d.h. nicht daß diese dann beliebig sind und sich keine allgemeinen Ziele nennen ließen). Vielleicht würde es in einem Rahmen einer besser organisierten Lin­ken auch einmal ganz reizvoll sein, Bil­dungsprogramme zu entwerfen, so nach dem Muster einer revolutionären Organi­sationsschule. Aber bis dahin dürfte ja wohl noch einige Zeit verstreichen, und zumindest heute bei der allgemeinen Despolitisierung muß die subjektive Seite Ausgangspunkt sein.
  • 1. . Damit soll nichts gegen die Bedeutung Cubas für jedes Befreiungsprojekt auf der Welt gesagt werden. Cuba ist heute das einzige Land der Dritten Welt, das eine eigenständige Wirtschafts- und Sozialpolitik gegen den IWF verfolgt. Die sozialen Errungenschaften sind trotz der Krise, in der sich das Land befindet, enorm, und schließlich ist das Gesellschaftsmodell auf der Karibikinsel keineswegs pauschal mit der UdSSR zu vergleichen. In diesem Sinne sind auch die betreffenden Formulierungen in den ,.Thesen" der Arranca Nr.0 zum Teil unglücklich formuliert. Mehr dazu in der Arranca Nr.2 mit einer ausführlichen Cuba-Reportage.
  • 2. Assata Shakur sagt im Interview „Wir müssen mehr darauf achten, daß die Ideologie der arbeitenden Menschen ihren Lebensstil wiederspiegelt. Wenn ich mit jemandem reden will, dann muß ich seine/ihre Sprache sprechen, sonst ist das eine Respektlosigkeit.

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Erschienen in arranca! #1

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